Nachrichten
Zeitenstimmen – ein Deutungsangebot
Podium zu Fragen der Zeit (Foto: Brehm)
Hbre/Cbre. Wie selbstverständlich gehörte der Blick auf Stimmen aus der Zeit zum Pflichtprogramm der neuen Schönstatt-Konferenz, denn Fragen, Mut und Energie für Schritte in die Zukunft seien nicht nur „von unserer Motivation“ abhängig, wie Pater Hans-Martin Samietz, feststellte, der die Konferenz als Moderator mitgestaltete, „sondern die Zukunft hängt auch von der Zeit ab, in der sie stattfindet.“ Drei Konferenzteilnehmerinnen und -teilnehmer, alle Theologen, konnten bei einem Podium Deutungsangebote für Zeitenstimmen einbringen, mit denen sie in ihrem beruflichen oder ehrenamtlichen Engagement in Berührung kommen.
Magdalena Kiess, Pastoralreferentin im Erzbistum Berlin, war über zwei Legislaturperioden wissenschaftliche Mitarbeiterin und Büroleiterin im Deutschen Bundestag (Foto: Cooper)Magdalena Kiess, aktuell Pastoralreferentin im Erzbistum Berlin, war über zwei Legislaturperioden wissenschaftliche Mitarbeiterin und Büroleiterin im Deutschen Bundestag. Sie konstatierte, dass der Ton im politischen Berlin sich verändert habe: „Der Ton ist rauer geworden.“ Dafür spreche auch die Statistik der Ordnungsrufe im Parlament. Habe es in der 19. Legislaturperiode 47 Ordnungsrufe gegeben, seien diese in der 20. Legislaturperiode auf 136 angewachsen, die zweithöchste Zahl in der Geschichte des Bundestages. Mehr Ordnungsrufe, nämlich 156 habe es nur in der Zeit des ersten Bundestages zwischen 1949 und 1953 gegeben, nach der Gründung der Bundesrepublik. Populistische Strömungen und gesellschaftliche Spannungen seien im normalen gesellschaftlichen Leben spürbar und nähmen zu, so Kiess. Die Feststellung in einer Talkshow „Es gibt nur noch zwei Meinungen: meine und die Falsche!“ sei zwar überspitzt und auch ein Klischee, fasse aber das gesellschaftliche Klima wie es sich gerade verdichte ganz gut in Worte. Wenn man die gesellschaftliche und politische Landschaft im Bild eines Orchesters beschreiben wolle, so wäre es früher vielleicht ein „nettes Kammerkonzert“ gewesen, heute herrsche die Grundstimmung Heavy Metal vor, Disharmonien in maximaler Lautstärke und Verzerrung. Da komme keine Melodie des konstruktiven Dialogs zustande, sondern eine Melodie der Unsicherheit, ein sehr guter Nährboden für populistisch eingängige Refrains mit klaren Feindbildern und Sündenböcken. Dazu komme eine Disharmonie aus den Sozialen Medien. „Jeder darf mitspielen, keiner hat geübt und keiner hat vorher gestimmt!“, so Kiess. Dazu kämen noch die Algorithmen: „Je schriller der Ton, je komischer das Tempo, desto größer die Reichweite.“ Das führe zu einer Überhitzung der Debattenkultur. Sie deute diese Situation als Herausforderung z.B. mit gutem Beispiel voranzugehen und den eigenen Ton zu mäßigen. Als Theologin deute sie das auch geistlich. So sei Zuhören nicht nur im Gebet ein spiritueller Vorgang. Damit aus der Disharmonie wieder eine Symphonie werden könne, brauche es eine Stimmgabel in der Tasche, die auf das Gute im anderen ausrichte, also im Sinne Pater Kentenichs „Goldgräber“ zu werden,
Tobias Hofmann, Dekanatsreferent des Dekanates Schwarzwald-Baar, Erzbistum Freiburg (Foto: Cooper)
Tobias Hofmann ist im Erzbistums Freiburg als Dekanatsreferent des Dekanates Schwarzwald-Baar für die Umsetzung des Kirchenentwicklungsprozesse K2030 zuständig. Privat sind er und seine Frau in ihrem Heimatdorf zwei Gesichter der Kirche und Ansprechpartner für alles „kirchliche“. Die Realität vor Ort sei, dass er am Sonntag-Nachmittag auf dem Sportplatz „mehr darauf angesprochen werde, wie es denn in der Kirche war, als dass ich irgendjemand von den Leuten in der Kirche sehe.“ Die Entfremdung von Kirche, wie der Kirchlichen Mitgliedschafts-Untersuchung (KMU) zu entnehmen sei, finde seit Jahrzehnten statt. Es werde in der KMU von Distanzierten gesprochen. Er betont zwei Punkte: Zunächst legt er den Konferenzteilnehmenden ans Herz, sich in ihrem Lebensumfeld für ein „stellvertretendes Glauben“ zur Verfügung zu halten. Dietrich Bonnhoeffer spreche in seinem Hauptwerk davon, dass Christen auch für die Menschen im Glauben einstehen müssten, die das selbst nicht könnten. Mancher, so Hofmann, käme zu ihm: „Ich hab mit Glaube ja nicht viel am Hut, aber kannst du mal für meine kranke Mutter beten? Als zweites zeigte er sich zutiefst davon überzeugt, dass Kirche dann eine Relevanz habe, „wenn es um existentielle Erfahrungen geht wie Geburt eines Kindes, Taufe, Tod, Krankheit, Krisen, …“ In solchen Momenten müsse Kirche da sein um mit dem Leben der Menschen in Berührung zu kommen. „Es gibt einfach Momente in existentiellen Erfahrungen, wo wir als Kirche da sein müssen!“, so Hofmann.
Rebekka Bischof, Theologin, hat im Referat für Neuevangelisierung im Bistum Passau gearbeitet (Foto: Cooper)
Rebekka Bischoff, ebenfalls Theologin, die im Referat für Neuevangelisierung im Bistum Passau gearbeitet hat, lässt die Konferenz an ihren Erfahrungen beim Treffen von Verantwortlichen (TvV) – einer mehrtägigen Begegnung von Verantwortlichen für Kirchen, Projekte, Freikirchen und geistlichen Gemeinschaften, wo sie nicht Leiter sind, sondern Teilnehmer – das einige Tage zuvor in Schönstatt stattgefunden hatte, teilhaben. Am meisten habe sie die Freude aneinander beeindruckt. Es sei kein Neid erlebbar gewesen. Vielmehr habe man sich an dem gefreut, wo die anderen groß seien, wie sie Menschen erreichen und zu Gott führen. Mit den vielen evangelischen und freikirchlichen Gemeinschaften habe sie auch eine bereichernde gelebte Ökumene erlebt. Man schaue auf das, was man schon teilen könne, vor allem die Beziehung zu Jesus und auf das Gebet. Die ganzen Tage seien getragen gewesen vom gemeinsamen Gebet. Sich aufeinander einlassen, gerade auch auf das Fremde am anderen, auf das so unterschiedliche Charisma des anderen und das vertrauensvolle laute Beten füreinander, habe eine besondere Atmosphäre der Wertschätzung und Glaubenstiefe geschaffen. In der ganz anderen Art, wie andere ihr Christsein leben, habe sie einen neuen Blick für die Schätze des eigenen Glaubens in der katholischen Kirche und in Schönstatt gewonnen.
Zum Abschluss des Nachmittages gab es eine Gebetszeit in der Anbetungskirche, die von Schwester M. Vernita Weiss geleitet wurde (Foto: Cooper)
Wozu ruft Gott die Bewegung heute
Mit der Einladung die vorgestellten Deutungsangebote mit eigenen Erfahrungen zu konfrontieren und gleichzeitig zu überlegen, wozu Gott die Schönstatt-Bewegung in dieser Zeitenstimmenlage rufe, ging die Konferenz in Gruppenarbeit weiter. Einige wenige Gruppenergebnisse wurden zum Abschluss ins Plenum eingebracht. Da war die Rede davon, dass die Bewegung eine Familienhaftigkeit brauche, die auch mal unterschiedliche Meinungen und auch Streitigkeiten aushalte. In unsicheren Zeiten, in denen man nicht wisse, wo es mit dem Land oder auch mit der Kirche hingehe, sei der Gedanke der „Beheimatung“ in Personen, Orten und Ideen ein wichtiger Gedanke. Darüber hinaus sei Vernetzung notwendig und das voneinander Wissen. Die Schönstatt-Bewegung sei in Zeiten des rauer werdenden Tones herausgefordert, selbst andere Töne einzubringen. Zuhören, offen sein, das Gute im Anderen zu sehen und an sein Charisma zu glauben, unterschiedliche Meinungen stehen lassen zu können und in einen wirklichen Dialog zu kommen, seien echte und wesentliche Herausforderungen.
Der Nachmittag begann mit einem "Marktplatz der Verheißung", wo viele in diesem Jahr laufende Projekte und Jubiläumsveranstaltungen präsentiert wurden (Foto: Brehm)
Der Abend unter dem Motto "Vielfalt bewegt" wurde vom Team des bewegenswert e.V., der in diesem Jahr
-> 10-jähriges Bestehen <-
feiern kann, ausgerichtet und gestaltet (Foto: Brehm)
Berichte zur Schönstattkonferenz 2025
- Schönstattkonferenz vereint Vielfalt im Lebensvorgang Liebesbündnis
- Fünf „Glaubenssätze“ zum Lebensvorgang Liebesbündnis
- Wie das Liebesbündnis meinen Alltag trägt - Zeugnisse
- Herausforderungen der Generationen gestalten
- Zeitenstimmen – ein Deutungsangebot - Podium
- Geistpflege als Anker im Transformationsprozess - Abschlussvortrag
