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22. April 2026 | Deutschland | 

JKI-Online-Seminar beschäftigte sich mit Ergebnissen der wissenschaftlichen Fachtagung zu kirchlichen Aufbrüchen im 20. Jahrhundert, die in Konflikt mit Rom kamen


Prof. Dr. Joachim Söder, Präsident des Josef-Kentenich-Institutes beim JKI-Online-Seminar zu den Ergebnissen der wissenschaftlichen Fachtagung zu kirchlichen Aufbrüchen im 20. Jahrhundert, die in Konflikt mit Rom kamen (Foto: Brehm)

Prof. Dr. Joachim Söder, Präsident des Josef-Kentenich-Institutes, beim JKI-Online-Seminar zu den Ergebnissen der wissenschaftlichen Fachtagung zu kirchlichen Aufbrüchen im 20. Jahrhundert, die in Konflikt mit Rom kamen (Foto: Brehm)

Hbre. Beim Online-Seminar des Josef-Kentenich-Instituts (JKI) am 19. April 2026 sprach Prof. Dr. Joachim Söder vor knapp 200 Teilnehmenden (an 90 Bildschirmen) über das Thema „Erneuerung unerwünscht? Kirchliche Neuaufbrüche im 20. Jahrhundert und das Heilige Offizium“. Der Vortrag griff die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Fachtagung auf, die vom 25. bis 27. März 2026 in Schönstatt, Vallendar, stattgefunden hatte und fragte nach Gemeinsamkeiten zwischen der Causa Kentenich und anderen kirchlichen Konflikten.

Söder betonte, dass im Zentrum der Fachtagung die Frage gestanden habe, ob das Vorgehen des Heiligen Offiziums gegen Pater Kentenich und Teile der Schönstattbewegung ein Einzelfall gewesen sei oder ob es ähnliche Fälle gegeben habe. Diese „Kontextualisierung“ sei Ausgangspunkt der Tagung gewesen.

Quellen öffnen, Zusammenhänge prüfen

Seit den seit 2020 erhobenen Vorwürfen gegen Pater Kentenich habe es, so der Referent, unterschiedliche Reaktionen gegeben. Zum Beispiel sei in der Schönstatt-Bewegung die Studienreihe „Dokumente zur Geschichte der Schönstattbewegung“ entstanden, die den Zugang zu Quellen eröffnen wolle. Hinzu komme ein unabhängiges Forschungsprojekt an der Universität Würzburg, bei dem „von schönstädtischer Seite aus kein Einfluss auf die wissenschaftlichen Forschungen und Resultate genommen wird“. An diese Entwicklungen knüpfte die Tagung in Schönstatt an, die vom Campus für Theologie und Spiritualität, Berlin, und dem JKI getragen worden sei.

Aus: Bernhard Häring, Meine Erfahrung mit der Kirche (Foto: Bildschirmfoto)

Aus: Bernhard Häring, Meine Erfahrung mit der Kirche (Foto: Bildschirmfoto)

Nicht einzigartig, sondern vergleichbar

Söder eröffnete mit einem Zitat des Moraltheologen Bernhard Häring. Dieser – selbst von Sanktionen und Maßnahmen des Heiligen Offiziums betroffen – berichtete von den Maßnahmen des Heiligen Offiziums gegen den niederländischen Redemtoristenpater Willem Duynstee und zog darüber hinaus selbst eine Verbindung zu Pater Kentenich: „Ein ähnlicher Fall, der mir bekannt wurde“, so Häring, „war die Verbannung von Pater Kentenich, des Gründers der Schönstattbewegung und blühender Schwesterkongregationen. Pater Tromp SJ hatte ihn in die USA verbannt, mit der strikten Anordnung, keinen Kontakt zu seinen Gründungen aufrechtzuerhalten. Er gehorchte vorbildlich. Während des Konzils bat mich Bischof Tenhumberg von Münster, die Schriften und Manuskripte von Pater Kentenich zu prüfen und ein Gutachten für Papst Paul VI. darüber auszuarbeiten, was ich auch tat. Ich vermochte wahrhaftig nicht das Geringste zu entdecken, was nach Häresie aussehen könnte.“ Für Söder zeigt diese Stimme aus der „nicht-schönstädtischen Welt“: „Das, was ihr mit eurem Gründer erlebt, das ist eigentlich gar kein singulärer Fall.

Von dort aus weitete Söder den Blick auf drei Neuaufbrüche des 20. Jahrhunderts.

Drei Neuaufbrüche im Blick

Zunächst nannte Söder die Nouvelle Théologie, ein theologischer Neuaufbruch, der den Glauben so erschließen wollte, dass er Menschen der Gegenwart wieder erreicht. Das Anliegen der Nouvelle Théologie sei eine „Versöhnung zwischen Kirche und moderner Welt“ gewesen.

Ein zweiter psychologischer Neuaufbruch sei der Ansatz von Anna Terruwe und Willem Duynstee gewesen, deren sogenannte „Bevestigingsleer“, deutsch „Bestätigungsansatz“ genannt, psychologische Einsichten mit einem katholischen Menschenbild verbunden habe.

Ein dritter Neuaufbruch habe sich durch Pater Josef Kentenich im spirituell-aszetischen Ansatz Schönstatts ergeben. Die Problematik der Moderne sei, dass das Abendland in seiner 2000-jährigen Geschichte zwar eine Theorie entwickelt habe, wie Gott und Schöpfung zusammen zu denken seien. Es habe jedoch noch gefehlt, die psychologischen Konsequenzen aus dieser Theorie zu ziehen. Hier habe Kentenich die „Psychologie der Zweitursachen“ ins Spiel gebracht, die die Frage betreffe, was der Glaube an Gottes Liebe und sein Wirken für Lebensgefühl und Handeln des Menschen bedeute.

Abwehr als gemeinsames Muster

Bemerkenswert sei, dass das Heilige Offizium auf diese unterschiedlichen Neuaufbrüche „mit ein und derselben Reaktion“ geantwortet habe: mit „massive[r] Abwehr“. Lehrverbote, Berufsverbote, Zwangsversetzungen, Exilierungen und die Schließung von Einrichtungen seien wiederkehrende Muster gewesen. Terruwe geriet dadurch in finanzielle Not, Duynstee musste die Niederlande verlassen, Vertreter der Nouvelle Théologie verloren ihre Lehrmöglichkeiten und Pater Kentenich wurde nach Milwaukee verbannt.

Dieses Muster mache die Fälle vergleichbar. Die historische Frage laute deshalb auch, ob es „gemeinsame, tieferliegende Gründe“ für die Ablehnung dieser Neuaufbrüche gegeben habe.

An knapp 90 Bildschirmen nahmen etwa 200 Personen an diesem Online-Vortrag des JKI teil (Foto: Bildschirmfoto)

An knapp 90 Bildschirmen nahmen etwa 200 Personen an diesem Online-Vortrag des JKI teil (Foto: Bildschirmfoto)

Der Umschwung im Umfeld des Konzils

Ebenso wichtig sei die zweite Leitfrage: Wie konnte es trotz der harten Eingriffe später zu einem Umschwung kommen? Söder beschrieb: Obwohl das Heilige Offizium als „alleroberste Behörde der kirchlichen Struktur“ die genannten Entscheidungen getroffen habe, sei es im Umfeld des II. Vatikanischen Konzils „doch zu einem kompletten Umschwung“ gekommen. Maßnahmen wurden zurückgenommen, Personen rehabilitiert und zuvor verdächtigte Ansätze neu bewertet.

Mehrere Beiträge der Tagung hätten – wie Prof. Söder interessant darzulegen wusste –diesen Wandel beleuchtet: Prof. Dr. Dominik Burkard, Würzburg, habe das schwierige Verhältnis der Kirche zur Moderne nachgezeichnet. Prof. Dr. Marcelo Gidi SJ, Rom, habe die Maßnahmen gegen Pater Kentenich deutlich als „administrativ-disziplinärer Natur“ eingeordnet. Von Prof. Dr. Jürgen Mettepenningen, Leuven, Belgien, sei das Wort „Paradigmenwechsel“ als ein entscheidender Verständnisschlüssel in die Diskussion eingebracht worden. Dr. Stefan Pongratz, Würzburg, habe Machtkonflikte innerhalb des Heiligen Offiziums beschrieben und von Prof. em. Dr. Hubertus Brantzen, Mainz, seien unterschiedliche Interessengruppen und Kommunikationsnetzwerke aufgezeigt und Konfliktlagen nachgezeichnet worden, die nicht auf einen einzelnen Gegensatz reduziert werden könnten.

Kirche zwischen Abgrenzung und Öffnung

Zum Abschluss des Online-Abends bündelte Söder die Ergebnisse der Fachtagung in einer Grundthese. Hinter der Ablehnung vieler Erneuerungsbewegungen stehe die Frage, „wie kann eine Identität gesichert werden in einer andersartigen Umwelt“. Das Bemühen um Identitätswahrung habe die Kirche vor dem Konzil in eine Isolation geführt. Der spätere Umschwung erscheine deshalb als tiefgreifende Wende: weg von der Abschottung, hin zu einer Hinwendung zur Welt. Söder betonte, die Tagung sei „ein Anfang, aber eben ein Anfang“. Weitere Quellen müssten veröffentlicht, intensiver studiert und differenziert gelesen werden.

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