Nachrichten

10. April 2026 | Deutschland | 

Erneuerung im Gegenwind – wissenschaftliche Fachtagung in Schönstatt nimmt kirchliche Aufbrüche und ihre Prüfung durch die Kirche in den Blick


Im Tagungszentrum Marienland, Schönstatt, Vallendar, fand eine wissenschaftliche Fachtagung zum Thema „Erneuerung (un)erwünscht? Kirchliche Aufbrüche im 20. Jahrhundert im Konflikt mit dem Heiligen Offizium“ statt (Foto: Brehm)

Im Tagungszentrum Marienland, Schönstatt, Vallendar, fand eine wissenschaftliche Fachtagung zum Thema „Erneuerung (un)erwünscht? Kirchliche Aufbrüche im 20. Jahrhundert im Konflikt mit dem Heiligen Offizium“ statt (Foto: Brehm)

Hbre. Vom 25. bis 27. März 2026 fand im Tagungszentrum Marienland in Vallendar-Schönstatt eine wissenschaftliche Fachtagung zum Thema „Erneuerung (un)erwünscht? Kirchliche Aufbrüche im 20. Jahrhundert im Konflikt mit dem Heiligen Offizium“ statt, veranstaltet vom Campus für Theologie und Spiritualität Berlin und dem Josef-Kentenich-Institut, Schönstatt, Vallendar.

Die Tagung, die historische Fallstudien von der Nouvelle Théologie bis zur Schönstattbewegung in den Blick nahm, machte eine Grundspannung sichtbar: Wie kann die Kirche einerseits ihre Identität bewahren und andererseits zugleich offen sein für Entwicklungen, die sich möglicherweise erst im Nachhinein als fruchtbar erweisen?

Für den Campus für Theologie und Spiritualität Berlin und das Josef-Kentenich-Institut, Schönstatt, Vallendar, leitete Prof. Dr. Joachim Söder, Aachen, die Tagung (Foto: Brehm)

Für den Campus für Theologie und Spiritualität Berlin und das Josef-Kentenich-Institut, Schönstatt, Vallendar, leitete Prof. Dr. Joachim Söder, Aachen, die Tagung (Foto: Brehm)

Die Botschaft verständlich und lebensnah vermitteln

Prof. Dr. Joachim Söder, Aachen, eröffnete die Tagung mit einem Blick auf neue theologische und geistliche Aufbrüche des 20. Jahrhunderts. Die Nouvelle Théologie, die Psychotherapie von Anna Terruwe oder die Schönstattbewegung um Josef Kentenich hätten nach neuen Wegen gesucht, Glauben und moderne Welt miteinander in Beziehung zu bringen. Trotz unterschiedlicher Ansätze habe diese Initiativen das Ziel verbunden, die Botschaft verständlich und lebensnah zu vermitteln. Zunächst seien sie in Konflikt mit der kirchlichen Autorität geraten und teilweise eingeschränkt oder verurteilt worden. Im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils habe jedoch ein Umdenken eingesetzt: Viele dieser Aufbrüche wurden als wichtige Impulse für eine zeitgemäße Erneuerung der Kirche anerkannt.

Prof. Dr. Dominik Burkard, Würzburg (Foto: Brehm)

Prof. Dr. Dominik Burkard, Würzburg (Foto: Brehm)

Das Spannungsfeld von Modernismus und Anti-Modernismus

In seinem Eröffnungsreferat zeichnete Prof. Dr. Dominik Burkard, Würzburg, den Konflikt zwischen Modernismus und Anti-Modernismus als zentralen kirchlichen Kampfplatz des 20. Jahrhunderts nach. Das Heilige Offizium habe dabei vor allem repressiv zum Schutz von Lehre und Ordnung agiert und unter dem Sammelbegriff „Modernismus“ unterschiedlichste Reformansätze bekämpft. Maßnahmen reichten von Indizierungen entsprechender Literatur bis zum Antimodernisteneid. Im Fall der Schönstattbewegung und ihres Gründers verwies Burkard auf eine Besonderheit: Nicht Schriften, sondern Spiritualität, Praxis und persönliche Autorität Josef Kentenichs standen im Fokus, etwa unter dem Verdacht eines „falschen Mystizismus“. Kentenich falle damit aus dem typischen Schema der Modernismusbekämpfung heraus, so der Referent.

Burkard machte mit seiner Tagungseröffnung deutlich, dass viele Konflikte weniger aus klaren Lehrabweichungen entstanden seien, als vielmehr aus dem Ringen um das Verhältnis von Kirche und moderner Welt. Dabei habe sich ein oft wiederkehrendes Muster kirchlicher Reaktion gezeigt: von Skepsis über Ablehnung bis hin zu Verurteilungen. Das Heilige Offizium habe oft eher formal reagiert und sich im Zusammenhang mit den aufgeworfenen Fragen nicht deren inhaltlicher Tiefe gestellt. Gerade diese Dynamik bilde den Hintergrund für die weiteren Fallstudien der Tagung.

Prof. Dr. Marcelo Gidi SJ, Rom (Foto: Brehm)

Prof. Dr. Marcelo Gidi SJ, Rom (Foto: Brehm)

Ordnung sichern – Entwicklung prüfen

Prof. Dr. Marcelo Gidi SJ, Rom, zeichnete in seinem Beitrag die Entwicklung des historisch-rechtlichen Rahmens des Heiligen Offiziums nach, das heute den Namen „Dikasterium für die Glaubenslehre“ trage. Der Auftrag dieser kirchlichen Behörde sei die Sicherung von Glauben und kirchlicher Ordnung. Die Darstellung machte deutlich: Die Verfahren folgten einer eigenen Logik. Disziplinäre Fragen konnten schnell auch als lehrmäßige Probleme eingeordnet werden. Damit habe sich die Zuständigkeit verschoben und möglicherweise die Bewertung der Frage an Gewicht gewonnen. Im Blick auf verschiedene Fälle zeige sich: Das System sei auf Stabilität ausgerichtet, mit der Folge, dass Neues oft zunächst eher als Risiko denn als Chance wahrgenommen worden sei.

Diskussion der Thesen und Beiträge (Foto: Brehm)

Diskussion der Thesen und Beiträge (Foto: Brehm)

Prof. Dr. Jürgen Mettepenningen, Leuven, Belgien (Foto: Brehm)

Prof. Dr. Jürgen Mettepenningen, Leuven, Belgien (Foto: Brehm)

Zurück zu den Quellen 

Prof. Dr. Jürgen Mettepenningen, Leuven, Belgien, stellte den Fall der Auseinandersetzung um die Nouvelle Théologie exemplarisch am Jesuiten Henri de Lubac dar. Das Anliegen der Nouvelle Théologie sei eine Rückkehr zu den Quellen, zur Hl. Schrift und zu den Kirchenvätern gewesen, sowie gleichzeitig eine stärkere Berücksichtigung geschichtlicher Entwicklungen. Gerade darin habe jedoch eine Sprengkraft gelegen: Die neue Herangehensweise sei als Infragestellung etablierter theologische Systeme gedeutet worden. Rom habe deshalb mit Einschränkungen und Sanktionen reagiert. Mettepenningen konnte jedoch zeigen, dass viele Ansätze der Nouvelle Théologie später fruchtbar geworden seien. Das habe sich insbesondere im Zweiten Vatikanischen Konzil gezeigt.

Dr. Stefan Pongratz, Würzburg (Foto: Brehm)

Dr. Stefan Pongratz, Würzburg (Foto: Brehm)

Machtkonflikte hinter der Causa Kentenich – Dynamiken im Heiligen Offizium

Das Referat von Dr. Stefan Pongratz, Würzburg, beleuchtete das Verfahren gegen Josef Kentenich als komplexes Zusammenspiel konkurrierender kirchenpolitischer Kräfte. Die bischöfliche und die apostolische Visitation der Schönstattbewegung und Kentenichs Exil stünden u.a. im Kontext interner Spannungen im Heiligen Offizium. Entscheidenden Einfluss hatten Akteure wie Alfredo Ottaviani, Sebastian Tromp und Augustin Bea, die unterschiedliche theologische und strategische Ansätze vertraten, nicht nur in der Causa Kentenich, sondern umfassender mit Blick auf die Ausrichtung des Konzils.

Inhaltlich hätten alle Schönstatt erhalten wollen. Gestritten wurde jedoch über den richtigen Weg. Entscheidend sei weniger ein konkreter Lehrkonflikt gewesen als die Sorge um die als außergewöhnlich empfundene Autorität Josef Kentenichs und die daraus entstandene Dynamik. Missbrauchsvorwürfe hätten eine Rolle gespielt, standen aber wohl nicht im Zentrum. Kentenich sei in die Rolle eines „Sündenbocks“ struktureller Konflikte geraten. Letztlich habe sich der Wunsch nach Befriedung durchgesetzt. Wie genau sich dieser Wandel vollzogen habe, bleibe jedoch bis zur Öffnung der entsprechenden römischen Quellen weiter offen.

Dr. Gertrud Pollak, Mainz, referierte den Beitrag von Prof. em. Dr. Hubertus Brantzen, Mainz, der aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich anwesend sein konnte (Foto: Brehm)

Dr. Gertrud Pollak, Mainz, referierte den Beitrag von Prof. em. Dr. Hubertus Brantzen, Mainz, der aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich anwesend sein konnte (Foto: Brehm)

Schönstatt: Auseinandersetzungen nicht auf einen einzelnen Gegensatz reduzieren

Der Beitrag von Prof. em. Dr. Hubertus Brantzen, Mainz, zeichnete die Auseinandersetzungen um die Schönstatt-Bewegung zwischen 1949 und 1966 als vielschichtigen Konflikt nach. Bezüglich der historischen Einordnung sei es wichtig, die Vorgänge nicht vorschnell nach heutigen Maßstäben zu beurteilt, auch wenn heutige Perspektiven wichtige Fragen sichtbar machten. Im Mittelpunkt stehe ein Spannungsfeld zwischen traditionell-autoritärem Kirchenverständnis und den Umbrüchen, die sich im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils abzeichneten.

Auslöser der Konflikte seien zunächst die Visitationen und sich dort zeigender Vorbehalte gegenüber der Spiritualität, Struktur und Dynamik der Bewegung gewesen. Pater Kentenich habe Schönstatt bewusst in die Kirche einbauen und zugleich als Antwort auf die Herausforderungen der Zeit profilieren wollen. Seine Grundsatzkritik am sogenannten „mechanistischen Denken“ in Kirche und Gesellschaft hätte jedoch den Gegensatz zur kirchlichen Leitung in Trier und später zu Rom verschärft.

Brantzen betonte, dass die Auseinandersetzungen nicht auf einen einzelnen Gegensatz reduziert werden könnten. Verschiedene Interessengruppen wirkten – zum Teil auch zu verschiedenen Zeiten – zusammen oder gegeneinander: eine kleine Gruppe kritischer Marienschwestern, die Trierer Kurie, Teile des deutschen Episkopats, Mitarbeiter des Heiligen Offiziums, gegensätzliche Lager unter den Pallottinern sowie die Schönstatt-Diözesanpriester. Dabei ging es um Autorität, Gehorsam, Deutungshoheit, Gründungscharisma und die Frage, ob Schönstatt ein eigenständiger Aufbruch oder eine pallottinische Ausgründung sei. Es werde deutlich, wie sich im Lauf der Auseinandersetzung bestimmte Vorwürfe gegen Pater Kentenich zu wiederkehrenden Narrativen verdichtet hätten und in Eskalationsschleifen weitergetragen worden seien. Brantzen plädierte für Zurückhaltung im Urteil: Viele Quellen seien erst teilweise erschlossen. Eine tragfähige Bewertung könne nur aus genauer Quellenarbeit, historischer Kontextualisierung und einer differenzierten Sicht auf Personen, Institutionen und Motive entstehen.

Unter den Teilnehmenden entstanden spannende Diskussionen zu den verschiedenen Beiträgen (Foto: Brehm)

Unter den Teilnehmenden entstanden spannende Diskussionen zu den verschiedenen Tagungsbeiträgen (Foto: Brehm)

Vier Thesen bündeln die Debatte um Kirche, Identität und Moderne

Mit vier Thesen fasste Prof. Söder im Schlussplenum den Ertrag der Tagung zusammen: Kirchliche Identitätssicherung sei legitim, könne aber in eine „splendid isolation“ gegenüber der Welt führen; die Krise sei systemisch und verlange einen Paradigmenwechsel im Sinn des Zweiten Vatikanums; die internen Vorgänge im Heiligen Offizium und die Konfliktnetzwerke um Schönstatt machten im Kleinen sichtbar, was die Kirche insgesamt präge; und das Spannungsverhältnis von Identität und Weltbezug bleibe bis heute aktuell.

In der Diskussion wurde besonders der Begriff der „lebendigen Identität“ hervorgehoben: Identität sei kein statischer Besitz, sondern ein Prozess, der sich im jeweiligen Kontext neu erschließe. Daraus folge die Notwendigkeit von Rekontextualisierung und Dialogbereitschaft. Zugleich wurde betont, dass Lernen aus der Geschichte zwar möglich sei, in konkreten Konflikten aber oft begrenzt bleibe. Weitere Akzente setzten die Fragen nach Autorität und ihrem Wandel sowie nach dem Verhältnis von Amt und Charisma. Gerade im Blick auf Schönstatt wurde deutlich, dass eine Trennung von Gründercharisma und Charisma der Bewegung kein gangbarer Weg sein könne.

Prof. Dr. Paul Oberholzer SJ, Rom (Foto: Brehm)

Prof. Dr. Paul Oberholzer SJ, Rom (Foto: Brehm)

Geistliche Autorität und Macht

In einem anschließend von Prof. Dr. Paul Oberholzer SJ, Rom, angebotenen Workshop wurde der Blick auf den inneren Zusammenhang von Erfahrung, Zeugnis, Identität und Erinnerung gelenkt. Der Referent zeigte, dass am Anfang einer spirituellen Bewegung, eines Ordens oft die religiöse Erfahrung einer einzelnen Person stehe, deren Zeugnis sich viele weitere anschließen und sich damit identifizieren. Das sei ein ganz markanter Vorgang der Erinnerung. Oberholzer verdeutlichte das am Beispiel von Ignatius v. Loyola und seiner geistlichen Erfahrung in Manresa, die bis heute zur Identität der Jesuiten gehöre. Zugleich zeigte er die Problematik der Verbindung von geistlicher Autorität mit Macht in der Geschichte der Kirche auf.


Top