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Pater Felix Geyer : "Gott traut dem Menschen etwas zu!"
„Mensch, nicht ohne dich“ lautet das neue Jahresmotto der Schönstatt-Bewegung. Austausch über die Kernwerte war Teil des Findungsprozesses (Foto: Youtube-Screenshot)
Mch. „Mensch, nicht ohne dich“: Mit diesem Motto geht die Schönstatt-Bewegung Deutschland in ein neues Jahr. Über die Auswahl des Motivs und was dahintersteckt, hat Bewegungsleiter Pater Felix Geyer ISch in seinem Vortrag „Christ werden mit Maria – eine Zeitansage“ am Sonntagnachmittag gesprochen.
„Das Jahresmotto: Ein Ideal. Etwas von uns Gemachtes und trotzdem etwas, was uns anruft und was Anforderung an uns. Es ist mehr als ein kleines Programm, das wir uns selbst geben – es ist der Anruf Gottes, der jetzt für uns dran ist“, sagte Bewegungsleiter Pater Felix Geyer ISch zu Beginn seines Vortrags.
Das Jahresmotto in einer Zeit, in der der Mensch selbst infrage gestellt wird
In Zeiten von Künstlicher Intelligenz, die „bessere Predigten schreibt als Priester“, die die Arbeit schneller erledigen könne als Menschen, sei der Mensch infragestellt. Was wäre, so Pater Felix, wenn die KI „der bessere Mensch“ ist? Was bleibe dann noch vom Menschlichen?
Mehr Lösungskompetenz für die individuellen Probleme jedes einzelnen Menschen zu finden, erfordere Menschlichkeit, so der Bewegungsleiter Pater Felix Geyer ISch (Foto: Chrobok)
Eine zweite Herausforderung neben der KI sei die Gesellschaft selbst. Eine Gesellschaft, die polarisiert und die von Medien und Algorithmen bestimmt ist, die Positionen vorgeben. In der heutigen Zeit nehmen die Positionen dem einzelnen Menschen gegenüber den Vorrang ein. Der Mensch werde mit dem neuen Jahresmotto in den Fokus gerückt. Ohne den Menschen gehe es nicht.
Die Suche nach einem Jahresmotto sei immer auch mit der Gottesfrage verbunden, so Geyer. „Wie kommt Gott in die Welt, in diese Zeit, in dieses Jahr? Im Menschen“, sagte er. Gott habe ein menschliches Gesicht und so bekomme auch Gott Platz in diesem Motto. Gottesfrage sei auch immer die Frage nach dem Menschen. Gott erlöst die Welt nur auf eine bestimmte Weise – durch seine Menschwerdung.
In einer Welt, die zunehmend unmenschlicher werde, sei es umso mehr angebracht, dieser Welt dieses göttliche Gesicht nahezubringen. Durch das „Ja“ Mariens wird Gott Mensch.
Nichts ohne dich, nichts ohne uns
Jede und jeder Einzelne ist gemeint mit dem Ausspruch „Nichts ohne dich, nichts ohne uns“. Gott habe die Welt zwar ohne uns erschaffen, aber er wolle die Welt nicht ohne uns erlösen: Diesen Satz des heiligen Augustinus zitierte Pater Josef Kentenich bei seinen Exerzitien im Jahr 1934. „Es geht um unseren konkreten Beitrag“, betonte Kentenich dabei. Gott könne alles, aber er wolle die Welt nicht ohne den Menschen erlösen. Der Mensch ist es, der den Unterschied machen kann. Im weiteren Verlauf ging Pater Felix auch auf die zeitlichen Umstände ein, in denen Pater Kentenich diese Worte „Nichts ohne dich, nichts ohne uns“ gebraucht hat. Eine Rückmeldung beim Online-Hearing zum Jahresmotto greife es laut Pater Felix auf: „Es fühlt sich gerade ein wenig so an wie 1933.“
Aufblühen der Innenwelt während zweier Weltkriege
Pater Felix geht in fünf kurzen Punkten auf das ein, was Pater Josef Kentenich über das Menschsein unter dem Druck der Zeit ab 1933 gelernt und gepredigt hat:
- 1933 – Lebensweisheit, das heißt konkret: kein Mechanismus, sondern lebendiger Organismus. Leben wächst von innen, langsam, rhythmisch. Erziehung ist „Helferdienst am Leben“. „Der Mensch ist nicht eine Funktion, die erfüllt werden muss. Er ist Leben, das sich entfalten will.“
- 1934 – Lebensfreude als Gegenüber der Pflichtmaschine: Freude ist nicht nur Stimmung, sondern Lebensquelle. Liebe sei tragende Kraft. Menschwerden heiße auch, so Pater Kentenich, die Freudenquellen im eigenen Leben aufzuschließen.
- 1935/36 – Der erlöste Mensch: das persönliche Ideal. Jeder Mensch verkörpert einen originellen Gottesgedanken. Nicht Selbsterlösung ist angesagt, sondern das Freiwerden, damit Gottes Gedanke Gestalt gewinnt.
- 1936/37 – Der heroische Mensch als Gegenentwurf zum Übermenschen: Pater Kentenich sprach von der „hochherzigen, dienenden Liebe“ und fuhr fort: „Der Mensch wird nicht groß, indem er sich behauptet, sondern indem er sich verschenkt.“
- 1937 – Kindsein vor Gott: Nicht kindliche Unreife oder nur Geborgenheit, sondern freie Selbsthingabe. „Der Sinn des Menschseins ist Kindwerdung“, sagte Pater Kentenich. „Der reife Mensch ist nicht der, der niemanden benötigt. Er ist der, der sich ganz Gott anvertrauen und gerade deshalb alles geben kann.“
Die fünf Grundvollzüge unter dem neuen Motto gelesen
Vor dem Hintergrund des neuen Jahresmottos erhalten die fünf Grundvollzüge neue Akzente:
- Persönliches Ideal: Traue ich dem Menschen, den Gott in mir sieht? Lasse ich auch dem anderen seine eigene Berufung?
- Wachstum: Gottes „Nicht ohne dich“ gilt auch dem unfertigen, suchenden, gebrochenen Menschen, der menschlicher, liebesfähiger und freier werden soll. Haben Menschen in den Gemeinschaften Schönstatts Raum, Fehler zu machen und zu wachsen?
- Gott wirkt: die göttliche Vorsehung auch im Menschen entdecken, das heißt, im Jugendlichen mit unbequemen Fragen, in überhörten Stimmen, in Sehnsüchten.
- Mein Beitrag zählt: Nicht nur gute Taten, sondern das ganze Leben, die Freiheit, Grenzen und Möglichkeiten zählen. „Nicht erst mein großer Beitrag zählt. Ich selbst bin gemeint.“
- Ich glaube an dein Charisma: Gott hat dem anderen etwas anvertraut, das man nicht ersetzen kann. „An das Charisma eines anderen glauben heißt, ihm nicht nur Anerkennung zu schenken, sondern Raum.“ So wird aus „Nicht ohne dich“ ein „Nicht ohne uns“.
Die fünf Grundvollzüge des Liebesbündnisses erhalten vor dem Hintergrund des neuen Jahresmottos „Mensch, nicht ohne dich“ eine neue Blickrichtung und neue Akzente (Foto: Chrobok)
Zum Abschluss hat Pater Felix die anwesenden Gläubigen eingeladen, das Motiv genauer zu betrachten. Schwester M. Natalie Stewart hat das Bild „Es ist der Herr“ (Joh 21,7) mit Acryl und Messingstaub gemalt. Auf den ersten Blick sehe man nur das Gegeneinander von Licht und Dunkel. Der Blick weitet sich in einem zweiten Schritt und erkennt Silhouetten und Schatten. Das Kreuz selbst – im Gelb erkennbar – wirft einen menschlichen Schatten. Jesus als der Auferstandene stehe neben uns und sei unter uns – im Alltag.
Die Botschaft des Mottos bleibt ein Anfang, kein fertiges Programm. „Lassen wir uns darauf ein – anstrengend, konkret, schöpferisch!“
Der Vortrag von Pater Felix Geyer ISch und das Arbeitsmaterial für die Jahresarbeit stehen in Kürze zum Download bereit.
