Nachrichten

23. September 2026 | Deutschland | 

Christus heute Wege ebnen – Schwester M. Joanna Buckley im Interview zum 100jährigen Jubiläum der Schönstätter Marienschwestern


Schwester M. Joanna Buckley ISSM ist Generaloberin des Säkularinstitutes der Schönstätter Marienschwestern, das am 1. Oktober 2026 sein 100?jähriges Bestehen feiern kann. Im Interview mit schoenstatt.de spricht die gebürtige US-Amerikanerin über die reiche Geschichte ihrer Gemeinschaft und wirft einen Blick auf die bevorstehende Zukunft (Foto: Cooper)

Schwester M. Joanna Buckley ISSM ist Generaloberin des Säkularinstitutes der Schönstätter Marienschwestern, das am 1. Oktober 2026 sein 100?jähriges Bestehen feiern kann. Im Interview mit schoenstatt.de spricht die gebürtige US-Amerikanerin über die reiche Geschichte ihrer Gemeinschaft und wirft einen Blick auf die bevorstehende Zukunft (Foto: Cooper)

Hbre. Im Oktober 2025 hat die Gemeinschaft der Schönstätter Marienschwestern mit der Feier der ersten 100 Jahre ihres Bestehens begonnen: Zum Start am 1. Oktober 2025 gab es Eröffnungsfeiern in Indien, Ecuador, Mexiko, in der Dominikanischen Republik und an vielen anderen Orten. Und nachdem es zwischenzeitlich weltweit in unterschiedlichsten Zusammenhängen über 100 weitere lokale Feiern unter dem Thema „Maria, Licht unserer Hoffnung“ gegeben hat, steht am 3. Oktober in Deutschland, genauer in Vallendar – Schönstatt, am Gründungsort des Säkularinstitutes, die „Offizielle Feier des 100-Jahr-Jubiläums“ zusammen mit der Öffentlichkeit bevor. schoenstatt.de nimmt das zum Anlass für ein Gespräch mit der aus den USA stammenden Generaloberin des Säkularinstitutes der Schönstätter Marienschwestern, Schwester M. Joanna Buckley ISSM.

schoenstatt.de: Schwester M. Joanna, am 1. Oktober 1926, also vor fast 100 Jahren, hat Pater Josef Kentenich zusammen mit einigen Frauen aus der damaligen Schönstatt-Bewegung die Gemeinschaft der Schönstätter Marienschwestern gegründet. Mit einem ganzen Jubiläumsjahr schaut Ihre Gemeinschaft auf ein ganzes Jahrhundert Geschichte zurück, auf bescheidene Anfänge, auf enormes Wachstum, auf interessante Entwicklungen, vor allem auf unzählige Zeugnisse von Geschichten, die der Gott des Lebens mit Ihrer Gemeinschaft und mit einzelnen Ihrer Mitglieder geschrieben hat. Wenn Sie auf dieses Jubiläumsjahr schauen, was sind für Sie die besonderen Eindrücke?

Schwester M. Joanna: Das Echo, das unser Jubiläum in der gesamten Schönstattfamilie und weit darüber hinaus gefunden hat, hat uns sehr berührt. Als Beispiel kann ich vielleicht nennen: Unsere Jubiläums-Ausstellung im Mutterhaus auf Berg Schönstatt hat immer wieder interessierte Gruppen und Einzelne angezogen; es verging fast kein Tag ohne Besucher. Mit einem so großen Interesse hatten wir nicht gerechnet.

Am Schönstatt-Heiligtum in Mulgoa, Australien, fand eine große Jubiläumsfeier statt (Foto: Martin Jo Grandhouse Photography)

Am Schönstatt-Heiligtum in Mulgoa, Australien, fand eine große Jubiläumsfeier statt (Foto: Martin Jo Grandhouse Photography)

Hunderte Menschen feierten mit den in Australien lebenden Marienschwestern (Foto: Martin Jo Grandhouse Photography)

Hunderte Menschen feierten mit den in Australien lebenden Marienschwestern (Foto: Martin Jo Grandhouse Photography)

Unsere Schwestern in Burundi haben erzählt, dass der Jubiläumsablass, der uns für dieses Jahr gewährt wurde, für Hunderte von Menschen ein Grund war, lange Fußwege von den umliegenden Hügeln oder aus dem Umkreis der Städte zu unserem Heiligtum und unseren Kapellen auf sich zu nehmen.

Zu den Jubiläumsfeiern in den verschiedenen Ländern kamen viele Hundert, ja manchmal Tausende Menschen. In Vietnam, wo unsere Schwestern erst vor ein paar Jahren mit dem Apostolat der Pilgerheiligtümer begonnen haben, kamen zum Jubiläumsfest mehr als 500 Personen zusammen. In vielen Diözesen haben die Bischöfe mit uns gefeiert und für unser Wirken in den Ortskirchen gedankt.

Die Feiern waren überall auch Gelegenheiten, den Menschen zu danken, mit denen wir zusammen unterwegs sind, die mit uns arbeiten, die uns unterstützen. Wir wollten in diesem Jubiläum einfach die Geschenke, die wir in den 100 Jahren erhalten haben, mit vielen anderen teilen. Deshalb haben wir als Leitwort über dieses Jahr geschrieben: „Maria – Licht unserer Hoffnung!“ Das ist unsere Erfahrung – das sollte auch unsere Botschaft sein.

Sr. M. Joanna: „Für uns selbst war dieses Jubiläumsjahr – ich glaube, das kann ich sagen – eine große Gnade“ (Foto: Cooper)

Sr. M. Joanna: „Für uns selbst war dieses Jubiläumsjahr – ich glaube, das kann ich sagen – eine große Gnade“ (Foto: Cooper)

schoenstatt.de: Was wurde Ihrer Gemeinschaft besonders wichtig?

Schwester M. Joanna: Für uns selbst war dieses Jubiläumsjahr – ich glaube, das kann ich sagen – eine große Gnade. Wir haben uns über Jahre hin darauf vorbereitet. Wir haben gespürt, dass das Jubiläum eine Chance ist – nicht nur einfach zum Danken und Feiern, sondern um heute ein neues und entschiedenes Ja zu unserer Berufung zu sagen. Wir sind dazu gleichsam in den Abendmahlsaal gegangen und haben uns wie die Jünger um Maria versammelt. Für den Schritt in das zweite Jahrhundert unserer Gemeinschaft wollten wir mit der Gottesmutter das Licht und die Kraft des Heiligen Geistes erbitten und uns ihm zur Verfügung stellen. Das Symbol der neuen Lichtsäule in der Anbetungskirche steht für diesen Vorgang.

Auch in Vietnam gab es eine große Feier. Die vier dort lebenden Schwestern, konnten zusammen mit Schwester M. Ilga Dreyer, Provinzoberin der Provinz, zu der Vietnam gehört, eine große Gruppe von Freunden der Bewegung sowie den Ortsbischof zur Jubiläumsfeier begrüßen (Foto: SMS, Vietnam)

Auch in Vietnam gab es eine große Feier. Die vier dort lebenden Schwestern, konnten zusammen mit Schwester M. Ilga Dreyer, Provinzoberin der Provinz, zu der Vietnam gehört, eine große Gruppe von Freunden der Bewegung sowie den Ortsbischof zur Jubiläumsfeier begrüßen (Foto: SMS, Vietnam)

In einer eigenen „Magnifikat-Zeit“ haben wir uns an 100 Tagen jeweils an die Ereignisse eines Jahres erinnert und unseren Dank im Magnifikat gesungen.

In der Fastenzeit haben wir uns bemüht, die inneren „Rucksäcke“ zu leeren von manchem unguten Ballast, den wir persönlich oder als Gemeinschaft noch mit uns getragen haben: zum Beispiel persönliche Nachlässigkeit auf dem Berufungsweg, Verletzungen der gegenseitigen Ehrfurcht und Liebe, Vorbehalte und Enttäuschungen. Mit einer gemeinsamen und gegenseitigen Bitte um Vergebung und einem Sühnegebet konnte auch jede einzelne ihre Altlasten loslassen. Gerade diese Stunde am Anfang der Heiligen Woche hat uns tief beeindruckt. Das neue Jahrhundert kann so auch ein neuer Anfang werden, mit einer gewissen Leichtigkeit und der neuen Verfügbarkeit, unseren Weg weiterzugehen.

Viele Schönstätter und Freunde der Gemeinschaft der Marienschwestern kamen in Quarten, Schweiz, zu einem Jubiläumsgottesdienst zusammen, dem der Ortsbischof vorstand (Foto: SMS)Viele Schönstätter und Freunde der Gemeinschaft der Marienschwestern kamen in Quarten, Schweiz, zu einem Jubiläumsgottesdienst zusammen, dem der Ortsbischof vorstand (Foto: SMS)

Viele Schönstätter und Freunde der Gemeinschaft der Marienschwestern kamen in Quarten, Schweiz, zu einem Jubiläumsgottesdienst zusammen, dem der Ortsbischof vorstand (Foto: SMS)

schoenstatt.de: Diese reichen Erfahrungen im Jubiläumsjahr richten den Blick auf die Geschichte, die Gott mit Generationen von Schwestern, die ihr Leben in den Dienst Gottes und der Menschen stellten, gestaltet hat. Der Gott des Bundes hat Ihrer Gemeinschaft Herausforderungen zugetraut und sie in Momenten der Gnade erleben lassen, dass er die Gemeinschaft führt und bestärkt, im Heiligen Geist und durch Maria. Wie würden Sie denn die großen Linien der ersten 100 Jahre der Geschichte Ihrer Gemeinschaft beschreiben?

Schwester M. Joanna: Im Rückblick auf die Anfänge unserer Gemeinschaft ist uns bewusst geworden, was für ein Wagnis für Pater Kentenich mit dieser Gründung verbunden war. Es gab kein Geld, kein eigenes Haus, keinerlei Sicherheit für die jungen Frauen, die ihren Beruf aufgegeben hatten. Manche Eltern waren schockiert, weil sie dachten, im Kloster ist für alles gesorgt. Aber es gab kein Kloster. Unsere Ersten haben in sehr bescheidenen Verhältnissen gelebt, aber sie brannten für Schönstatt. Sie wollten etwas Neues aufbauen. Schon in den ersten Wochen gründeten einige Schwestern Niederlassungen außerhalb Schönstatts. In unserer Ausstellung steht der Raum über diese erste Generation unter dem Titel: Anfangsfeuer.

schoenstatt.de: Das Feuer scheint ansteckend gewesen zu sein …

Schwester M. Joanna: Ja, die Gemeinschaft ist erstaunlich schnell gewachsen. Am Anfang waren es 18, nach drei Jahren zehnmal so viel.

Und schon in dieser Zeit hat sich eine starke missionarische Kraft in der Gemeinschaft gezeigt. Bald wurden Niederlassungen in den benachbarten Ländern gegründet. Die ersten Schwestern wurden 1933 nach Südafrika geschickt, es folgten später viele weitere nach Süd- und Nordamerika und nach Australien und von dort aus dann in andere Gebiete. Diese weltweite Ausbreitung ist eine durchgehende Linie im ersten Jahrhundert. 

Zuerst waren es deutsche Schwestern, die sich als Missionarinnen zur Verfügung stellten und unter großen Anfangsschwierigkeiten in den verschiedenen Ländern Schönstatt mit aufgebaut haben. Diese Entwicklung hat sich inzwischen umgekehrt: Jetzt sind es Schwestern aus allen Ländern, die von ihren Provinzen aus in neue Gebiete ausgreifen. Auch hier in Schönstatt erleben wir eine Art „Rückstrom“ aus den Ländern zurück zum Ursprung; wir sind hier deutlich international aufgestellt. Unsere Ausbildung wird seit einigen Jahren zentral in Schönstatt durchgeführt. Dadurch werden gleichzeitig wichtige Weichen für unsere weltweite Zusammenarbeit in der Zukunft gestellt. Eine Ausnahme bildet unsere Delegatur in Burundi, die weiterhin ihre jungen Schwestern im eigenen Land ausbildet, weil sie jährlich eine relativ große Zahl von Kandidatinnen hat.

schoenstatt.de: Eine gegenläufige Bewegung zu dieser missionarischen Linie scheint das Entstehen eines Anbetungszweiges Ihrer Gemeinschaft hier in Schönstatt gewesen zu sein. Kann man das so sagen?

Schwester M. Joanna: Ja, genau. Schon drei Jahre nach der Gründung hat sich eine kleine Anbetungsgemeinschaft gebildet. Sechs Schwestern haben sich Tag und Nacht in der eucharistischen Anbetung im Urheiligtum abgewechselt. In den damals noch sehr beengten Verhältnissen im Alten Haus war das auch physisch eine enorme Herausforderung. Ganz bewusst wollten die Schwestern durch ihr Gebet die Missionarinnen, die ganze Schönstatt-Bewegung und die Kirche unterstützen. Der Großteil der Gemeinschaft lebt einen aktiven Lebensstil; das mehr kontemplative Leben der Anbetungsschwestern sollte eine wirksame Ergänzung dazu sein. Zeitweise bildeten die Anbetungsschwestern in Schönstatt eine eigene Provinz, und auch in manchen außerdeutschen Provinzen gab es kleine Anbetungsfilialen. Inzwischen wird unser Anbetungsinstitut hier zahlenmäßig immer kleiner und wir suchen nach Möglichkeiten eines international aufgestellten Neuanfangs. Die Tag- und-Nacht-Anbetung wurde auf alle Provinzen verteilt. Es wird also auch nach 100 Jahren noch durchgehend – rund um den Erdball – für die Schönstatt-Bewegung, für die Kirche und natürlich in den Anliegen vieler Personen gebetet, immer in innerer Verbindung mit dem Urheiligtum.

„Ganz gleich, in welchen Verhältnissen wir leben oder was wir tun, ob wir gesund oder krank sind, ob jung oder alt – Seele können wir immer sein.“ (Foto: Cooper)

„Ganz gleich, in welchen Verhältnissen wir leben oder was wir tun, ob wir gesund oder krank sind, ob jung oder alt – Seele können wir immer sein.“ (Foto: Cooper)

schoenstatt.de: Stichwort „für die Schönstatt-Bewegung“: Die Marienschwestern waren nicht die erste Frauengemeinschaft in Schönstatt – das war der Frauenbund. Aber Sie waren die Ersten, die frei waren für die Schönstatt-Bewegung. Sie betonen, dass Sie „für Schönstatt“ gegründet wurden. Was heißt das genau?

Schwester M. Joanna: Das war eigentlich der Gründungsimpuls. Pater Kentenich hat erkannt, dass es Frauen braucht, die den Ort Schönstatt beseelen, hier eine Heimat schaffen und zugleich in die entstehende Bewegung hineinwirken können. Am Anfang sprach man von „berufsmäßigen Bundesschwestern“ – eben, weil sie Schönstatt zu ihrem Beruf machen wollten.

Für Schönstatt leben oder da sein, heißt aber nicht nur: Häuser bereitstellen, Vorträge halten oder für die Pilger sorgen. Es hat eine Tiefendimension, die über die bloße Aktivität für Schönstatt hinausgeht. Pater Kentenich hat das Bild von der Seele gebraucht. Das passt eigentlich auch sehr gut zu einem Säkularinstitut. Wir sollten „Seele“ in Schönstatt sein. Die Seele bewegt von innen her, immer und überall. Ganz gleich, in welchen Verhältnissen wir leben oder was wir tun, ob wir gesund oder krank sind, ob jung oder alt – Seele können wir immer sein. Das schließt natürlich auch eine besondere Verantwortung ein im Sinn des „Nichts ohne uns“, Verantwortung dafür, dass unsere Heiligtümer immer die Gnadenquellen bleiben, die das Leben in und von Schönstatt aus hervorbringen.

schoenstatt.de: Eine Verantwortung, die Sie mit den anderen Schönstatt-Gemeinschaften teilen ...

Schwester M. Joanna: Natürlich. Das ganze Werk ist ja auf das Miteinander der verschiedenen Gemeinschaften aufgebaut. Dadurch, dass wir eine der ersten Gemeinschaften waren und relativ schnell viele Mitglieder hatten, haben wir ganz vieles in der Bewegung mitgestalten können. Wir konnten unsere Zeit und Kraft ja ganz für Schönstatt einsetzen. Im Lauf der Jahrzehnte und mit dem Wachstum der verschiedenen Gemeinschaften und Gliederungen haben sich die Aufgaben mehr verteilt.

Als Gründer hat Pater Kentenich bei aller Eigenständigkeit der Institute auf das Miteinander und die gegenseitige Lebensübertragung vertraut.  Und da ist mit der Zeit viel gewachsen.

„Unsere Geschichte ist eigentlich von Anfang an spannungsreich gewesen, ja – und immer wieder gab es Hindernisse, manchmal berghohe Schwierigkeiten.“ (Foto: Cooper)

„Unsere Geschichte ist eigentlich von Anfang an spannungsreich gewesen, ja – und immer wieder gab es Hindernisse, manchmal berghohe Schwierigkeiten.“ (Foto: Cooper)

schoenstatt.de: Die Entwicklung Ihrer Gemeinschaft im ersten Jahrhundert ist beeindruckend. Gab es auch Hürden auf diesem Weg?

Schwester M. Joanna: Unsere Geschichte ist eigentlich von Anfang an spannungsreich gewesen, ja – und immer wieder gab es Hindernisse, manchmal berghohe Schwierigkeiten.

Spannend war zum Beispiel die Geschichte unserer Schwestern in kommunistisch regierten Ländern. Sie wurden bespitzelt oder durften bestimmte Berufe nicht ausüben. Einige mussten zeitweise ins Gefängnis. Trotzdem konnten im Untergrund neue Mitglieder aufgenommen werden.

Innerhalb der Gemeinschaft haben sich nicht lange nach der Gründung Probleme mit der ersten Generaloberin gezeigt. Eine fähige und geschätzte Frau, die aber in ihren Reaktionen und Entscheidungen wechselhaft und vollkommen unberechenbar war. In den Auseinandersetzungen um den Gründer hat sie später ihren Einfluss genutzt, um ihn vor der Kirche anzuklagen. Mit ihr gab es in der Zeit der Prüfung durch die Kirche eine kleine Gruppe von Schwestern, die sich selbst als „kirchlich“ bezeichnet hat, weil sie in Opposition zum Gründer standen und unterirdisch gegen die Leitung der Gemeinschaft arbeiteten. Eine Geschichte, die für alle Teile leidvoll war und schwerwiegende Konsequenzen für den Gründer und das ganze Werk hatte.

Überhaupt war die Zeit des Exils von Pater Kentenich voller Hindernisse; wir waren als Gemeinschaft praktisch mit dem Gründer auf der Anklagebank. Von Schönstatt wurde damals fast nur mit Verachtung gesprochen; viele Priester haben interessierten jungen Frauen abgeraten, bei uns einzutreten. Ich staune immer wieder, wie viele trotzdem in diesen Jahren den Mut hatten, zu uns zu kommen.

Nach dem Tod Pater Kentenichs gab es gemeinschaftsintern eine Phase von starken Auseinandersetzungen über die Auslegung und Anwendung des Gründerwillens. Eine Anzahl von Mitschwestern hat damals unser Institut verlassen, weil sie die Entscheidungen des Generalkapitels in dieser Sache nicht bejahen konnten. Das war ein sehr schmerzlicher Vorgang mit vielen Verletzungen auf beiden Seiten, eine starke Erschütterung für die ganze Gemeinschaft.

schoenstatt.de: Wenn Sie auf Ihre bisherige Geschichte zurückschauen, was ist Ihnen im Übergang zum zweiten Jahrhundert Ihrer Gemeinschaft wichtig?

Schwester M. Joanna: Ganz wichtig ist sicher unsere Erfahrung, dass wir als kleine Menschen von Gott geführt werden. Das Liebesbündnis mit unserer Mater Ter Admirabilis ist eine Wirklichkeit, die uns durch alle Höhen und Tiefen tragen kann. Dass wir als Gemeinschaft etwas Positives bewirken konnten in der Kirche und der Gesellschaft, hat da seinen Ursprung. Wenn man das erlebt hat, ist das wie ein positives Vorzeichen für alles, was noch kommen wird.

„Unsere Geschichte bietet uns viele verschiedene Lernfelder, die uns im Übergang zu einem neuen Jahrhundert wichtige Einsichten vermitteln.“ (Foto: Cooper)

„Unsere Geschichte bietet uns viele verschiedene Lernfelder, die uns im Übergang zu einem neuen Jahrhundert wichtige Einsichten vermitteln.“ (Foto: Cooper)

Wenn wir unseren Part in diesem Bundesgeschehen anschauen: Einerseits sind wir überaus dankbar für unsere Mitschwestern, die diese Geschichte mitgeschrieben haben und es auch heute noch tun, ob in verantwortlicher Stellung oder durch ihr mitverantwortliches Handeln und mit Gebet und Opfer. Ich glaube, wir dürfen mit Recht stolz sein auf viele große Frauen unserer Gemeinschaft, ganz gleich, an welchem Platz sie standen oder stehen.

Andererseits gibt es auch manches, was unsere Erinnerung belastet und wofür wir am Ende dieser ersten hundert Jahre um Entschuldigung bitten wollen. Es tut uns leid, dass wir Menschen enttäuscht haben. Ganz sicher hat unser Leben und Verhalten nicht immer dem entsprochen, was wir selbst verkündet haben. Oder es fehlte uns an Einfühlung in das, was andere an Verstehen, Geduld und Freiheitsräumen brauchten.

Ich denke zum Beispiel auch konkret an Momente, in denen wir durch unser Verhalten oder das Reden übereinander nicht zu einem guten Miteinander der Schönstatt-Gemeinschaften beigetragen haben – oder wo wir in der Zusammenarbeit mit Einzelnen und Gemeinschaften in unseren Einsichten zu bestimmend waren, nicht genügend zugehört haben.

Ich denke auch an manche Prozesse innerhalb unserer Gemeinschaft. Aus den verschiedensten Gründen haben im Lauf der Jahre Mitschwestern unsere Gemeinschaft verlassen – einige mit Dankbarkeit für die erlebte Zeit, andere mit Verletzungen und Enttäuschungen im Herzen. Im Gebet haben wir all diese Situationen vor Gott gebracht mit der Bitte, in seiner Barmherzigkeit zu heilen, wo wir durch unser Verhalten Wunden geschlagen haben.

Geschichte differenziert betrachten, heißt lernen. Unsere Geschichte bietet uns viele verschiedene Lernfelder, die uns im Übergang zu einem neuen Jahrhundert wichtige Einsichten vermitteln. Und wir danken allen, die mit uns unterwegs sind und uns bei diesen Lernprozessen im Austausch, durch ihre Hinweise und Kritik helfen.

„Unsere jüngste Generation sieht sich in der Situation eines neuen, internationalen Anfangs. Sie kommen aus vielen Ländern und Kulturen; es sind junge Frauen von heute, aber in ihnen brennt dasselbe Feuer wie in den Ersten.“ (Foto: Cooper)

„Unsere jüngste Generation sieht sich in der Situation eines neuen, internationalen Anfangs. Sie kommen aus vielen Ländern und Kulturen; es sind junge Frauen von heute, aber in ihnen brennt dasselbe Feuer wie in den Ersten.“ (Foto: Cooper)

schoenstatt.de: Dem französischen Philosophen Jean Jaurès wird frei übersetzt der Gedanke zugeschrieben: „Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“ Er bringt damit zum Ausdruck, dass die bisherige Geschichte eigentlich der Treibstoff für die Zukunft ist. Wenn Sie auf den weiteren Weg Ihrer Gemeinschaft blicken, welche Linien zeichnen sich da ab?

Schwester M. Joanna: Die Flamme weitergeben – genau das wollen wir zeichenhaft in der Feier unseres Jubiläums tun. Unsere jüngste Generation sieht sich in der Situation eines neuen, internationalen Anfangs. Sie kommen aus vielen Ländern und Kulturen; es sind junge Frauen von heute, aber in ihnen brennt dasselbe Feuer wie in den Ersten.

Im Anschluss an unsere Jubiläumsfeier beginnt unser Generalkongress mit Vertreterinnen aus allen Provinzen. Das ist für uns vor allem eine Gelegenheit, auf die Fragen und Stimmen unserer Zeit zu hören und aus dieser Perspektive unser Charisma entsprechend zu akzentuieren.

Weltweit wollen wir strategische Schritte gehen, die unserer Gemeinschaft eine gute Zukunft ermöglichen. Dazu gehört, dass wir den Ist-Stand unseres Instituts in den einzelnen Ländern realistisch anschauen und unsere Möglichkeiten für die Zukunft richtig einschätzen. Mit weniger Mitgliedern und abnehmenden Ressourcen können wir manche Verantwortlichkeiten, die wir bisher noch durchgetragen haben, nicht mehr aufrechterhalten oder müssen die Hilfe anderer erbitten.

Uns ist es wichtig, dass wir mit der Zeit wieder freier werden für unsere Aufgaben in und für Schönstatt. Wir mussten in den vergangenen Jahren vermehrt unsere Kräfte für die Erfordernisse der eigenen Gemeinschaft einsetzen; unser Anliegen ist es, wenigstens in Einzelnen oder kleinen Gruppen dort präsent zu sein, wo wir unseren Mitmenschen Räume der Begegnung und der Gotteserfahrung schenken können.

Zukunft gibt es nur im Miteinander – das gilt für den Innenbereich unserer familienhaften Gemeinschaft und für Schönstatt überhaupt. Deshalb ist uns auch die Zusammenarbeit innerhalb Schönstatts und mit den Ortskirchen wichtig.

Unser Kongress soll ein kleines Coenaculum sein; wir beten gemeinsam im Vertrauen auf die Führung und das Feuer des Heiligen Geistes – und sind besonders dankbar für alle, die uns in den kommenden Wochen mit ihrem Gebet begleiten.

„Maria sein, das bedeutet für uns, heute Christus Wege zu ebnen in unsere Kultur, durch unsere Projekte, durch unser Zeugnis.“ (Foto: Cooper)

„Maria sein, das bedeutet für uns, heute Christus Wege zu ebnen in unsere Kultur, durch unsere Projekte, durch unser Zeugnis.“ (Foto: Cooper)

schoenstatt.de: „Tragt das Werk eures Gründers in die Zukunft und bereichert mit eurem Charisma das Leben der Kirche …“, forderte Papst Johannes Paul II. 1994 bei einer Begegnung die Vertreterinnen Ihrer Gemeinschaft auf. Welches sind für Sie die Schwerpunkte des Charismas Ihres Säkularinstitutes, die Sie jetzt nach 100 Jahren Ihrer Geschichte gerne betonen möchten?

Schwester M. Joanna: Unser Name sagt es: Wir sind Marienschwestern, wir identifizieren uns mit Maria, und zwar in der Weise, wie sie von Schönstatt aus in die heutige Zeit hineinwirkt – Schönstätter Marienschwestern. Diese spezifische Wirksamkeit von Maria erleben Menschen in der Begegnung mit unseren Heiligtümern.

Das ist vor allem die tiefe Erfahrung, persönlich angenommen und geliebt zu sein von Gott. – In der inneren Verbundenheit mit Maria wollen wir Schwestern durch unsere Art und unser Wirken helfen, dass Menschen in diese persönliche Bindung zu Gott als Vater finden.

Eine weitere Erfahrung: Die Begegnung mit Maria lässt Menschen innerlich wachsen. – Auch darin wollen wir „Maria“ sein: Unser zentrales Anliegen ist, Menschen in ihrer Persönlichkeitsentfaltung, gerade auch in der Schönstatt-Bewegung, zu freien, von innen her christliche Persönlichkeiten und Gemeinschaften mit zu formen.

Und die dritte Erfahrung in der Begegnung mit Maria ist die innere Freude, in unserer Zeit das Reich Gottes auszubreiten. – Maria sein, das bedeutet für uns, heute Christus Wege zu ebnen in unsere Kultur, durch unsere Projekte, durch unser Zeugnis.

Im Blick auf das alles erleben wir uns begrenzt. Aber im Bündnis mit Maria leben, bedeutet auch: Maria ist die, die durch uns wirken will. Als ihre Schwestern suchen wir, eine marianische Kultur auszuprägen, die für die Menschen in unserer Umgebung Gott erfahrbar und nahbar werden lässt, die Orientierung und Hoffnung geben kann.

So wollen wir das Werk unseres Gründers – aus tiefer Dankbarkeit ihm gegenüber – in ein neues Jahrhundert tragen. Nicht zuletzt als Beitrag für die Zukunft in dieser entscheidenden Stunde, die wir in der Welt und in der Kirche erleben.

schoenstatt.de: Schwester M. Joanna, wir wünschen Ihrer Gemeinschaft zusammen mit der ganzen Schönstattfamilie einen guten Zukunftsweg und Gottes Segen sowie weiterhin die Begleitung der Gottesmutter Maria. Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte Heinrich Brehm / PressOffice Schönstatt


Top