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Dr. Christian Hennecke: Polarisierungen dekonstruieren
(Foto: Masood Aslami/pexels.com)
Kommentar der Woche:
Polarisierungen dekonstruieren
Dr. Christian Hennecke aus Hildesheim (Foto: © privat)
Dr. Christian Hennecke
Polarisierungen dekonstruieren
02.09.2026
Wenn am kommenden Wochenende die Wahlen in Sachsen-Anhalt stattfinden, wird spannend sein, welche Ergebnisse sich zeigen werden. Sicher ist wohl, dass die AfD eine hohe Prozentzahl von Stimmen auf sich vereinen kann. Und wer einmal dem Magdeburger Bischof Feige zugehört hat, wenn er erzählt, wie er in Gesprächen blamiert und niedergemacht wurde, der kann erahnen, dass es nicht um eine einfache Verschiebung von Stimmanteilen geht: Eine Unkultur der Auseinandersetzung, gewalttätige Sprache, rechtsradikale Ideen und die angestrebte Umformatierung einer demokratischen Kultur sind angezielt. Principiis obsta! Wehret den Anfängen – aber vielleicht ist es viel zu spät.
Warum wählen viele Menschen die AfD?
Und dennoch gilt es, zu fragen: Warum wählen viele Menschen die AfD, obwohl sie sicher keine der rechtsradikalen Formeln brüllen würden? Denn neben denen, die wirklich Wirklichkeit verdrehen, denen Wahrheit in keiner Weise bedeutsam ist und die tatsächlich rassistisch und diskriminierend und also menschenverachtend unterwegs sind (und ich schätze, dass es in jeder Gesellschaft bestimmt 15-20% der Bevölkerung sein könnten), wählen viele auch deswegen die AfD, weil sie sich in einer dysfunktionalen und ihrerseits ideologisierten Gesellschaft wiederfinden: wie schwierig es ist, Anträge auszufüllen, wie kompliziert und herausfordernd einfachste Dinge sind, wie Menschenverstand und Augenmaß im alltäglichen Miteinander durch Vorschriften, Vorgaben und Gesetze gelähmt werden können, und wieviel Ohnmacht und damit ohnmächtige Wut daraus entstehen können, hat jüngst Hartmut Rosa in seinem Nachdenken über „Situation und Konstellation“ eindrücklich beschrieben.
Es sind also vielleicht nicht einmal die Politiker, sondern die Gefängnisse der Vorgegebenheiten und ideologisch anmutenden Glaubenssätze, die diese Gesellschaft errichtet hat, die zu einem finalen Protest führen. Das kann ich tatsächlich nachvollziehen. Vertrauen in das Handeln dieser Politiker ist radikal verloren – und das kombiniert sich mit Ängsten und dem wachen Gefühl, dass wir mitten in einer tiefgreifenden Umbruchsphase stehen: Alles steht Kopf – und alles wird sich danach neu konstellieren. So kombiniert sich wütende Ohnmacht mit Angst vor der anderen Zukunft.
Perfide Politik missbraucht Emotionen
Es geht um tiefste Emotionen, die dann von perfiden Politikstilen missbraucht werden. Es geht gar nicht um Programme, und es geht auch nicht um Inhalte bei denen, die in dieser Gefühlswelt stehen, ohne Boden unter den Füßen und mit viel Angst vor dem, was kommen könnte. Was braucht es dann also? Echte Hoffnung, viel Ehrlichkeit und Bereitschaft zur gesellschaftlichen Umkehr – und die Leidenschaft, Menschen ernstzunehmen, zuzuhören und mit ihnen gemeinsam loszugehen, Gesellschaft neu zu gestalten. Und es geht darum, Spannungsfelder zu bejahen und auszuhalten.
Ich würde glauben, dass Christinnen und Christen hier eine gute Rolle spielen können, als Politiker, Mitbürgerinnen und als Menschen, die andere an runden Tischen zusammenbringen können. Ist es nicht unsere Berufung, in Ehrlichkeit und Demut Räume zu eröffnen, Spannungen auszuhalten und zu vertrauen, dass neue konstruktive Energien sich ihren Weg bahnen?
Christian Hennecke
Hildesheim
