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1. Juli 2026 | Worte des Bewegungsleiters | 

Ich glaube an dein Charisma


Jahresmotto 2026 der Schönstatt-Bewegung Deutschland (Gestaltung: Brehm)

Jahresmotto 2026 der Schönstatt-Bewegung Deutschland (Gestaltung: Brehm)

Liebe Freunde und Mitglieder unserer Schönstatt-Bewegung,

in den letzten Wochen ist mir der fünfte unserer Grundvollzüge besonders nachgegangen: Ich glaube an dein Charisma. Vielleicht liegt es an den vielen Begegnungen der letzten Zeit. An Gesprächen in Familien. An Sitzungen und Beratungen. An Begegnungen mit Menschen, die ganz unterschiedlich denken und leben. Immer wieder hatte ich dabei den Eindruck: Das wird ja ziemlich konkret.

Was heißt es, an das Charisma eines anderen Menschen zu glauben? Zunächst klingt das sympathisch. Vielleicht denken wir an besondere Begabungen oder Fähigkeiten. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr entdecke ich: Dieser Satz geht viel tiefer. Das Wort Charisma stammt vom griechischen Wort charis. Es bedeutet Gnade.

An dein Charisma glauben heißt deshalb nicht zuerst, deine Stärken zu bewundern. Es heißt: Ich glaube, dass Gottes Gnade in deinem Leben wirkt. Ich glaube, dass Gott mit dir einen Weg geht. Ich glaube, dass er in dir am Werk ist – oft verborgen, oft unvollkommen, manchmal sogar dort, wo ich es gerade nicht erkennen kann. Zu fragen, wie Gott im Nächsten wirkt, hat etwas Radikales und erstaunlich Konkretes.

In diesem Zusammenhang ist mir auch das Evangelium vom barmherzigen Samariter neu aufgegangen. Das griechische Wort für den Nächsten lautet pl?síon. Wörtlich bedeutet es: der Nahe. Der Nächste ist also nicht zuerst eine bestimmte Personengruppe. Der Nächste ist der Mensch, dem ich nahe werde. Der Mensch, dessen Leben ich an mich heranlasse. Der Mensch, dem ich nicht ausweiche. Vielleicht könnte man deshalb den Grundvollzug auch so formulieren: Ich glaube, dass Gott im anderen näher ist, als ich es sehe. Und deshalb wage ich, ihm nahe zu werden.

Haltungen der Nahbarkeit

Aus diesem Glauben wachsen für mich zwei Haltungen, die gerade in unserer Zeit wichtig werden: das Nahe gestalten.

Wir beschäftigen uns oft mit den großen Fragen unserer Welt. Mit den Herausforderungen in Kirche und Gesellschaft. Doch Jesus beginnt beim Nahen. Bei den Menschen, die uns anvertraut sind. Bei den Menschen in unseren Familien. In unseren Gemeinschaften. In unseren Freundeskreisen. Bei den Menschen, mit denen wir leben und arbeiten. Der erste Auftrag des Christen ist nicht die ganze Welt. Der erste Auftrag ist die Welt, die Gott ihm anvertraut hat: Familie, Gemeinschaft, Nachbarschaft, Freundschaften, die Menschen, die Gott mir heute vor die Tür gestellt hat.

Wortmarke: Grundvollzüge Liebesbündnis (Gestaltung: Brehm)

Die zweite Haltung lautet: Nahbarkeit kultivieren.

Vielleicht ist das sogar eine der großen Zukunftsaufgaben des Christentums. Unsere Zeit schafft eine ungeheure äußere Nähe. Gleichzeitig erleben wir vielerorts eine wachsende innere Distanz. Man diskutiert miteinander, ohne einander wirklich zu begegnen. Man kennt Positionen, aber nicht mehr die Geschichten dahinter. Man urteilt schnell und hört immer weniger zu. Nahbarkeit bedeutet, berührbar zu bleiben. Ansprechbar zu bleiben. Dem anderen einen Platz im Herzen zu geben. Nicht weil wir gut miteinander auskommen oder einer Meinung sind, sondern weil wir glauben, dass Gott in seinem Leben wirkt.

Schicksalsverwobenheit

Gerade hier berührt mich immer wieder die Sicht Pater Kentenichs. Für ihn ist der Nächste nicht nur der Bedürftige am Wegesrand. Der Nächste ist auch der Weggenosse, der Schicksalsgenosse, der Bündnispartner. Der Mensch, mit dem Gott mich verbunden hat. Wir stehen nicht zufällig nebeneinander. Wir sind durch das Liebesbündnis miteinander verwoben.

Und deshalb zeigt sich die Echtheit unseres Bündnisses gerade dort, wo wir unterschiedlich sind. Kentenich formuliert das einmal mit einem Satz, der heute erstaunlich aktuell klingt: „Ich kann sachlich anders denken, aber die Art, wie wir die Idee auskämpfen, muss die Art des Liebesbündnisses sein.“ (1955)

Der Nächste wird zum Ort, an dem sich das Liebesbündnis bewährt.

  • Ich glaube an mein Persönliches Ideal – am Du werde ich zum Ich.
  • Ich glaube, dass ich wachsen kann – oft wachsen wir gerade an den Menschen, die uns herausfordern.
  • Ich glaube, dass Gott in meinem Leben wirkt – nicht selten begegnet er mir durch andere Menschen.
  • Ich glaube, dass mein Beitrag zählt – mein Beitrag wird zum Geschenk für andere.
  • Ich glaube an dein Charisma – ich glaube, dass Gottes Gnade in deinem Leben wirkt.

Liebe Mitglieder und Freunde der Schönstatt-Bewegung,

vielleicht liegt darin auch eine Botschaft für unsere Zeit, die so dringend Frieden benötigt. Denn der beginnt viel früher, als wir oft denken. Nicht erst in großen Vereinbarungen. Sondern dort, wo Menschen Gottes Wirken im anderen vermuten. Wo sie das Nahe gestalten. Wo sie Nahbarkeit kultivieren. Wo sie an das Charisma des
anderen glauben.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen viele solcher Begegnungen in den kommenden Sommerwochen.

Ihr
P. Felix Geyer
Schönstatt-Bewegung Deutschland


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