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Gewichtig vor Gott – Leben im Bund
Jahresmotto 2026 der Schönstatt-Bewegung Deutschland (Gestaltung: Brehm)
Liebe Freunde und Mitglieder unserer Schönstatt-Bewegung,
der Juni trägt eine besondere geistliche Spannung in sich. Pfingsten liegt hinter uns – der Geist Gottes ist neu aufgebrochen, hat die Kirche bewegt, geöffnet, in die Weite geführt. Wir feiern Fronleichnam, das Fest der bleibenden Gegenwart Christi mitten in unserem Leben. Der Geist, der bewegt, und Christus, der bleibt, gehören zusammen. Bewegung und Bindung. Weite und Verwurzelung.
In diese Bewegung hinein hat mich in den vergangenen Wochen ein Psalmvers der Heiligen Schrift begleitet, nicht zuletzt durch den Tod von mehreren Menschen, der mich umtreibt und zu einer tieferen Betrachtung des Lebens aus dem Liebesbündnis geführt hat: Es ist der Psalm 116, den wir meist in der Übersetzung so lesen: „Kostbar ist in den Augen des Herrn das Sterben seiner Frommen“ (Ps 116,15).
Nicht leichtfertig in den Augen des Herrn
Dieses Wort erschließt sich noch mal tiefer, wenn man der biblischen Sprache einen genaueren Blick widmet. Die „Frommen“, von denen der Psalm spricht, sind im Hebräischen die „Chassidim“. Im hebräischen Sprachraum sind das nicht einfach religiöse Menschen, sondern Menschen des Bundes – solche, die in einer gelebten Beziehung zu Gott stehen, getragen von Treue, geprägt von gegenseitiger Zugehörigkeit. „Chesed“, aus dem dieses Wort kommt, bezeichnet eine Form der Liebe, nämlich die beständige und „bundestreue Liebe“ Gottes – eine Liebe, die verlässlich ist, die sich bindet, die den Menschen ernst nimmt und ihn in eine Antwort hineinruft. So gesehen sind die Chassidim Menschen, die in diesem Raum der Treue leben. Menschen, die ihr Leben als Antwort auf eine vorausgehende Liebe verstehen. Menschen, die Gott nicht nur suchen, sondern sich von ihm in Anspruch nehmen lassen. Es sind Beziehungsmenschen, die in wechselseitiger, lebendiger Beziehung mit Gott stehen.
Und nun sagt der Psalm: Das Sterben dieser Menschen ist „kostbar“ in den Augen Gottes. Das hebräische Wort (yaqar) meint dabei nicht „teuer“, sondern kommt von „gewichtig“, etwas Gewichtiges, etwas von Bedeutung, etwas, das Gewicht hat und trägt. Es ist ein Wort, das den Ernst der Beziehung beschreibt. Gott sieht das Leben seiner Bundespartner nicht von außen. Er ist in Beziehung. Er trägt mit. Er nimmt Anteil. Er rechnet mit dem Menschen – mit jedem einzelnen Leben, mit jeder Geschichte, mit jedem Weg und er nimmt das Leben und den Tod seiner Bundestreuen nicht leichtfertig hin. Er rechnet mit ihnen.
Menschen des Bundes
Diese Perspektive führt tief hinein in das, was wir als Schönstatt-Bewegung im Liebesbündnis leben. Der Bund ist keine religiöse Idee. Er ist eine Wirklichkeit, die trägt – vom Anfang des Lebens bis an seine Grenzen. Wer sich auf diesen Bund einlässt, lebt aus einer Beziehung, die Gewicht hat. Eine Beziehung, in der das eigene Leben Bedeutung gewinnt, weil es in den Blick Gottes gestellt ist.
Gerade der Juni mit seinen Festen macht das sichtbar. An Fronleichnam bekennen wir, dass Christus in unserer Mitte bleibt. Seine Gegenwart ist keine ferne Erinnerung, sondern gelebte Wirklichkeit. Er geht mit. Er bindet sich. Er bleibt verlässlich. Und genau daraus wächst die Möglichkeit, selbst zu einem Menschen des Bundes zu werden.
Lebensentscheidungen – immer wieder neu
Das wird besonders deutlich, wenn wir auf die Entscheidungen schauen, die in dieser Zeit getroffen werden – etwa in der Priesterweihe unseres jungen Mitbruders Sandro, der in der Schweiz am 6. Juni 2026 sein Ja spricht und Gott dieses Ja in der Weihe unauslöschlich annimmt. Hier wird sichtbar, was es heißt, das eigene Leben in den Bund hineinzustellen, sich zur Verfügung zu stellen, sich in Beziehung zu geben.
Doch dieser Weg gehört nicht nur Einzelnen. Er gehört in jede Form des Liebesbündnisses hinein. Jeder Bündnispartner steht immer wieder vor dieser inneren Bewegung: das eigene Leben bewusst in die Beziehung mit Gott zu stellen und daraus zu gestalten. Das machen wir an jedem Bündnistag.
In dieser Perspektive gewinnt auch unser Jahresmotto seine Tiefe: „Dem Wind trauen – im Sturm glauben.“
Glaubensstärke wächst aus Verwurzelung. Wer sich im Bund verankert weiß, lebt aus einer inneren Sicherheit, die nicht von äußeren Umständen abhängig ist. Der Blick auf Gott, der das Leben ernst nimmt, trägt durch die Bewegungen und Spannungen der Zeit. Der Bund schenkt Standfestigkeit, weil er Beziehung schenkt.
Das Liebesbündnis konkretisiert diesen Weg in den fünf Grundvollzügen. Sie beschreiben keine abstrakten Gedanken, sondern Haltungen, die im Alltag Gestalt gewinnen: die Gewissheit, gewollt zu sein; die Bereitschaft zu wachsen; das Vertrauen in Gottes Wirken; das Wissen um die Bedeutung des eigenen Beitrags und der Blick für das Charisma des anderen. So entsteht ein Leben, das im Bund verwurzelt ist und gerade dadurch beweglich bleibt. Es sind Haltungen, die der „Chesed“, der bundestreuen Liebe Gottes, nachgehen und sie nähren.
Vielleicht lässt sich das so bündeln:
Ein Mensch des Bundes lebt aus der Gewissheit, dass sein Leben vor Gott Gewicht hat. Dass es gesehen ist. Dass es getragen ist. Und dass es Antwort geben darf.
Aus dieser Gewissheit wächst Vertrauen. Ein Vertrauen, das nicht aus Leichtigkeit kommt, sondern aus Beziehung. Ein Vertrauen, das im Sturm Bestand hat.
So gehen wir durch diesen Juni:
getragen vom Geist, gehalten im Bund, verwurzelt im Glauben.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Bündnistag.
Ihr
P. Felix Geyer
Schönstatt-Bewegung Deutschland
