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Valentin Frisch: Urlaubszeit – Die Welt mit anderen Augen sehen?!
Kommentar der Woche:
Urlaubsziel - Die Welt mit anderen Augen sehen?!
Valentin Frisch (Foto: basis-online)
Valentin Frisch
Urlaubszeit – Die Welt mit anderen Augen sehen?!
04.06.2026
Sommerzeit ist Reisezeit. Aus den wohlhabenden Ländern dieser Welt fliegen Menschen kreuz und quer über den Globus, entdecken neue Landschaften, erleben fremde Kulturen und begegnen faszinierenden Menschen – zumindest in der Theorie.
Der Influencer Levi Penell, der zuletzt durch das ihm zugeschriebene – aber nie wirklich geforderte – „Social Media Verbot ab 60“ in die Schlagzeilen geriet, hält uns in gewohnt sarkastischer Weise einen Spiegel vor. Auch er greift die Urlaubszeit auf und „präsentiert“ die Urlaubsplanung der Deutschen, die bei der Auswahl „zwischen wunderschönen Landschaften und wunderschönen Städten“ „auf beides verzichten, um stattdessen nach Hurghada in Ägypten zu fliegen“. Doch auch hier kommt der kulturelle Austausch nicht zu kurz, denn bei einer geführten Bustour besucht man „ein authentisches Beduinendorf, das praktischerweise direkt an der Straße liegt“ und unterhält sich dann beim Abendessen (zurück im All-Inclusive-Resort) mit „Siegfried und Sibylle“ vom Nebentisch, die feststellen, dass „die Menschen hier so wenig haben und trotzdem so glücklich sind“.
Was Levi Penell über die Urlaubspläne des globalen Nordens äußert, ist humorvoll, provozierend und erschreckend treffend – eine Persiflage, die zum Nachdenken zwingt.
Was er anspricht, hat mich sehr an die Teología de la Liberación, die Befreiungstheologie, erinnert, in der ich persönlich eine Menge dessen ausgedeutet sehe, was das Christentum im Innersten ausmacht. Zentral ist die sogenannte „Option für die Armen“, ein Begriff, der im Deutschen nicht selbsterklärend ist: Begegnen wir Missständen wie Armut und Unterdrückung – und geht man mit offenen Augen durch die Welt oder in den Urlaub, dann wird genau das passieren – müssen wir uns entscheiden: Ignorieren oder verklären wir das wie im Beispiel des „authentischen Beduinendorfes“, bedeutet das letztlich, sich auf die Seite der Unfreiheit, der Unterdrücker und der unterdrückenden Strukturen zu stellen. Man denke an den polarisierenden Satz von Papst Franziskus: „Diese Wirtschaft tötet!“
Die Befreiung, zu der wir als Kinder Gottes berufen sind (vgl. Röm 8,15ff), verlangt jedoch, in den Menschen und ihrer Armut das Antlitz Jesu zu erkennen und sich auf ihre Seite zu stellen. Sieht man die Welt durch diese Augen, kann man als Christin oder Christ nicht bei der frommen Theorie oder der sonntäglichen Pflicht stehen bleiben.
Das ist radikal, ja. Aber es ist ja nicht weniger radikal, in den Urlaub zu fliegen, sich an Strand, Meer, Bergen, etc. zu erfreuen und – so die These, mit der uns die „Option für die Armen“ konfrontiert – nichts zu tun oder das Gewissen durch eine Spende zu beruhigen, die sicher eine gutgemeinte Hinwendung bedeutet. Doch die Option für die Armen erinnert uns daran, dass Jesus selbst arm war, unterdrückt, verwundbar – und dass wir ihm in den Verwundeten dieser Welt begegnen.
Ich glaube, es ist gut, hier keine Reisetipps unterbreiten zu wollen. Auch wenn es mir unter den Nägeln brennt, von Albaniens vergessenem Norden zu berichten, wo ich gerade in der Missionsstation der Kapuziner in Fushë-Arrëz diese Gedanken verfasse und wo die Menschen auf inspirierende Art und Weise leben, was ich hier höchstens skizzieren könnte. Auch will ich keine Form des Tourismus pauschal an den Pranger stellen oder für eine andere werben. Ich möchte zum Nachdenken anregen, mit welchen Augen wir die Welt bereisen. Denn ist es nicht einfach so, dass wir auch im Urlaub das tun sollten, was wir als Christinnen und Christen allein dem Namen nach als Ideal tragen? Die Welt mit Jesu Augen zu sehen…
Valentin Frisch
