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„Rohbau in Arbeit“ – Synodaler Weg zwischen Reformprozess und weltkirchlicher Verständigung
Beim Podium „Synodaler Weg Quo Vadis? Für eine Welt, die Zukunft hat - mit einer Kirche, die Hoffnung macht“, moderiert von Michael Schrom, Oberursel/Taunus (m), waren Dr. Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Göppingen, und Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Hildesheim, miteinander im Gespräch (Foto: Samietz)
Hans-Martin Samietz. Wie kann der Synodale Weg in Deutschland weitergehen und welche Rolle spielt dabei die Verbindung zur Weltkirche? Mit diesen Fragen beschäftigte sich auf dem Katholikentag ein Podium unter dem Titel „Synodaler Weg Quo Vadis? Für eine Welt, die Zukunft hat – mit einer Kirche, die Hoffnung macht“. Gesprächspartner waren Dr. Irme Stetter-Karp und Bischof Dr. Heiner Wilmer. Im Mittelpunkt standen die Folgen der Missbrauchskrise, der Stand des Reformprozesses sowie die Frage, wie Synodalität künftig konkret gelebt werden kann.
Missbrauchskrise als Ausgangspunkt des Reformprozesses
Beide Gesprächspartner machten deutlich, dass der Synodale Weg ohne die Erfahrungen sexualisierter Gewalt und deren Vertuschung in der Kirche nicht denkbar wäre. Stetter-Karp sprach von einer tiefen Vertrauenskrise und bezeichnete die Folgen des Missbrauchs als „Gottesvergiftung“. Entscheidend sei, das Leid der Betroffenen ernst zu nehmen und daraus konkrete Konsequenzen zu ziehen. Die Aufarbeitung müsse dauerhaft Thema bleiben und dürfe sich nicht allein auf Präventionsmaßnahmen beschränken.
Wilmer erinnerte daran, dass es Fälle gegeben habe, in denen Täter versetzt und andernorts weiterhin als angesehene Seelsorger behandelt worden seien. Zugleich wertete er es als wichtigen Schritt, dass die Kirche begonnen habe, ihren bisherigen „Close Shop“ aufzubrechen und stärker mit staatlichen Stellen zusammenzuarbeiten.
„Work in progress“ – Synodalität als gemeinsamer Bauprozess
Den Synodalen Weg beschrieb Wilmer als „Rohbau in Arbeit“ und als „work in progress“. Viele Menschen seien an diesem Bau beteiligt, Fortschritte würden sichtbar, zugleich brauche es immer wieder Korrekturen und Weiterentwicklungen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz verglich den Reformprozess mit dem Bau großer Kathedralen, an denen unterschiedlichste Talente gemeinsam mitwirkten.
Stetter-Karp erinnerte daran, dass das Zentralkomitee der deutschen Katholiken früh darauf gedrängt habe, insbesondere die Rolle der Frauen in den Reformprozess einzubeziehen. Synodalität bedeute für sie, gemeinsam Schritt für Schritt unterwegs zu sein und Vertrauen wachsen zu lassen, statt einander Verdächtigungen entgegenzubringen.
Spannungen innerhalb der Kirche und Erfahrungen aus Bolivien
Deutlich angesprochen wurden auch die innerkirchlichen Konflikte rund um den Synodalen Weg. Stetter-Karp bedauerte die Spaltung innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz. Jene Bischöfe und ihre Unterstützer, die den Reformprozess nicht mitgetragen hätten, hätten international erheblichen Schaden verursacht.
Wilmer schilderte in diesem Zusammenhang Erfahrungen aus Bolivien. Dort seien die deutschen Reformbemühungen zunächst als „schismatisch“ wahrgenommen worden. Vielen sei nicht klar gewesen, dass der Synodale Weg wesentlich aus der Missbrauchskrise heraus entstanden sei. Erst nachdem in Bolivien selbst ein großer Missbrauchsskandal öffentlich geworden sei, hätten dortige Bischöfe den Austausch mit der deutschen Kirche gesucht.
Mehr Beteiligung und Verantwortung vor Ort
Wilmer verteidigte auch seine frühere Aussage, dass „der Missbrauch von Macht in der DNA der katholischen Kirche liegt“. Gemeint sei damit Machtmissbrauch allgemein, nicht ausschließlich sexualisierte Gewalt. Machtmissbrauch sei ein zutiefst menschliches Problem und bereits in den Evangelien sichtbar.
Zugleich verwies er auf konkrete Entwicklungen im Bistum Hildesheim. Dort arbeite ein Diözesanpastoralrat mit mehrheitlich gewählten Laien, darunter viele Frauen, an pastoralen und politischen Entscheidungen mit. Das habe die Kommunikation verbessert und zu größerer Zufriedenheit geführt.
Stetter-Karp unterstrich die Notwendigkeit von Transparenz und Rechenschaft im Umgang mit kirchlicher Macht. Die Kirche müsse Formen finden, Verantwortung breiter zu teilen und glaubwürdig auf die Herausforderungen der Gegenwart zu reagieren.
Kulturelle Unterschiede im Verhältnis zu Rom
Breiten Raum nahm auch die Frage ein, warum Verständigung zwischen Deutschland und dem Vatikan häufig schwierig sei. Wilmer sieht darin nicht nur theologische, sondern auch kulturelle Unterschiede. Während in Deutschland stärker sachlich, empirisch und schriftorientiert gedacht werde, spiele in Rom das persönliche Gespräch eine größere Rolle. Vertrauen entstehe dort vor allem durch Begegnung und gemeinsame Zeit.
Im Blick auf den Synodalen Ausschuss zeigte sich Wilmer vorsichtig optimistisch. Die Satzung sei erneut in Rom eingereicht worden und durchlaufe verschiedene Dikasterien. Solche Prozesse benötigten Zeit. Er sei jedoch „zuversichtlich in Geduld“.
Kirche als Gemeinschaft verantwortlicher Subjekte
Als geistlichen Kern von Synodalität hob Wilmer die „Subjektwerdung“ aller Gläubigen hervor. Geprägt habe ihn dabei das lateinamerikanische Aparecida-Dokument von 2007, an dessen Redaktion der spätere Papst Franziskus maßgeblich beteiligt gewesen sei. Kirche bedeute demnach, dass alle Getauften aktive und verantwortliche Subjekte seien. Daraus erwachse das Bild einer Kirche, die sich nicht abschotte, sondern hinausgehe in die Welt und bereit sei, sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen – auch auf die Gefahr hin, dabei „verbeult“ zu werden.
Sexualität, Macht und die Frage nach Gleichberechtigung
Breiten Raum nahm in der Diskussion die Frage ein, warum gerade Themen wie Geschlechterrollen und Sexualität weltweit zu tiefen Spaltungen innerhalb der Kirchen führen. Dr. Irme Stetter-Karp sieht dabei einen engen Zusammenhang zwischen Sexualmoral und der Stellung der Frau in der katholischen Kirche. Die Kirche habe das Patriarchat noch nicht verlassen. Dahinter stehe vielfach der Anspruch, über den Körper von Frauen zu bestimmen. Im Zusammenhang mit der Abtreibungsdebatte berichtete sie von persönlichen und aggressiven Anfeindungen.
Bischof Dr. Heiner Wilmer verwies darauf, dass Sexualität und Geschlechtlichkeit zutiefst intime Bereiche menschlichen Lebens seien und deshalb besonders verletzlich machten. Zugleich hob er Veränderungen im kirchlichen Arbeitsrecht hervor. Dass die Kirche „nicht mehr ins Schlafzimmer schaut“, sei ein bedeutender Schritt gewesen.
Stetter-Karp widersprach der Darstellung, dieser Fortschritt sei allein aus dem Synodalen Weg entstanden. Wesentlichen Anteil habe vielmehr die Initiative „Out in Church“ gehabt. Zudem sei deutlich geworden, dass die bisherigen Regelungen vor staatlichen Arbeitsgerichten kaum Bestand gehabt hätten.
Wertschätzung als Grundlage für Segensfeiern
Wilmer betonte, dass jeder Mensch von Gott gewollt und geliebt sei – „So wie du bist, bist du großartig.“ Jeder Mensch sei gewollt, gesegnet und von Anfang an geliebt. Daraus leitete er auch seine Haltung zu Segensfeiern für homosexuelle Paare ab. Diese seien Ausdruck eines göttlichen Zuspruchs und ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber Menschen, die in der Kirche oft Ausgrenzung erfahren hätten.
Christliche Verantwortung in gesellschaftlichen Konflikten
Ein weiterer Schwerpunkt war die politische Verantwortung der Kirche angesichts wachsender nationalistischer und rechtspopulistischer Strömungen. Die Diskussionsteilnehmer warnten davor, dass christliche Symbole und Narrative zunehmend für politische Ideologien vereinnahmt würden.
Wilmer zeigte sich besorgt über den Rechtsruck in westlichen Demokratien und über Tendenzen, demokratische Systeme grundsätzlich infrage zu stellen. Christen müssten sich deshalb politisch engagieren und Verantwortung übernehmen, besonders in den demokratischen Parteien der Mitte.
Stetter-Karp machte deutlich, dass eine Partei wie die AfD aus ihrer Sicht keine kirchliche Bühne erhalten dürfe. Deren identitäres Denken widerspreche dem christlichen Verständnis von Nächstenliebe. Kirche könne nicht schweigen, wenn menschenverachtende Parolen geäußert würden, die an die dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte erinnerten.
Zusammenhalt, Schöpfungsverantwortung und Frauenrechte
Als wichtigste Aufgabe der Kirche bezeichnete Wilmer die Förderung von Gerechtigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Angesichts wachsender Spaltungen müsse Kirche dazu beitragen, dass Menschen sich weiterhin als gemeinsame Menschheitsfamilie verstehen.
Stetter-Karp hob daneben die Bewahrung der Schöpfung und die Rechte von Frauen hervor. Sie warnte davor, innerkirchliche und gesellschaftliche Rückschritte bei Frauenrechten zu unterschätzen. Ein solcher „Backlash“ hätte schwerwiegende Folgen für Menschenwürde und Demokratie.
