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18. Mai 2026 | Katholikentag | 

„Wir müssen darum kämpfen, dass die christliche Botschaft wieder relevant wird“ – Dr. Reiner Haseloff im Gespräch am Schönstattstand des Katholikentages


Dr. Reiner Haseloff beim Interview im Zelt der Schönstatt-Bewegung auf der Kirchenmeile des Katholikentages in Würzburg (Foto: Brehm)

Dr. Reiner Haseloff beim Interview im Zelt der Schönstatt-Bewegung auf der Kirchenmeile des Katholikentages in Würzburg (Foto: Brehm)

Cbre. Am Schönstattstand auf der Kirchenmeile des Katholikentages herrschte auch am Samstagvormittag reger Betrieb. Der Stand entwickelte sich in diesen Tagen zu einem beliebten Treffpunkt für Schönstätter und Nichtschönstätter. „Hier gibt es einfach den besten Kuchen“, bemerkte ein Besucher augenzwinkernd. Doch nicht nur das Kaffeeangebot, sondern auch das abwechslungsreiche Bühnenprogramm zog viele Interessierte an. Zu Gast war am Samstagvormittag Dr. Reiner Haseloff, bis Anfang des Jahres langjähriger Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Im Gespräch mit Magdalena Lindner sprach er über christliche Werte, politische Verantwortung, Kirche, Spiritualität und die Herausforderungen der Gegenwart.

Bernhard Brantzen (r), Mitglied der Schönstatt-Diakonengemeinschaft und Mitherausgeber der Buchreihe „Spiritualität der Begegnung – konkret“ in der ein Buch von Dr. Haseloff erschienen ist, stellte die Buchreihe kurz vor. Magdalena Lindner, Brüssel, führte das Interview (Foto: Brehm)

Bernhard Brantzen (r), Mitglied der Schönstatt-Diakonengemeinschaft und Mitherausgeber der Buchreihe „Spiritualität der Begegnung – konkret“ in der ein Buch von Dr. Haseloff erschienen ist, stellte die Buchreihe kurz vor. Magdalena Lindner, Brüssel, führte das Interview (Foto: Brehm)

Haseloff gehört zu den Mitautoren der Reihe „Spiritualität der Begegnung – konkret“ und gab den Band „Christliche Werte leben – Politik gestalten“ heraus. Die Reihe gibt Menschen aus Kultur, Sport, Politik und Kirche Raum darzustellen, welche Rolle christliche Werte in ihren jeweiligen Arbeits- und Lebensbereichen spielten und spielen – gerade in einer Zeit, in der vielfach der Eindruck entsteht, Werte würden an Bedeutung verlieren oder würden sogar durch „Unwerte“ ersetzt.

Prägung durch Kirche und Diaspora

Auf die Frage, wie ihn seine Biografie geprägt habe, verwies Haseloff auf seine Herkunft aus der früheren DDR. Seit 72 Jahren lebe er in Wittenberg „in der kompletten Diaspora“. Nur etwa fünf Prozent der Kinder würden dort getauft. Christen seien eine kleine Minderheit. Umso wichtiger seien prägende Persönlichkeiten gewesen. Besonders hob er Pfarrer Heinrich Augst hervor, einen Schönstattpriester, der 25 Jahre lang Pfarrer in Wittenberg gewesen sei. Ohne ihn, so Haseloff, wäre er „nie auf die politische Bühne gegangen“ und dieser wohl auch nicht so lange treu geblieben.

„Halten wir am Grundgesetz fest“

Mit Nachdruck sprach sich der ehemalige Ministerpräsident gegen Forderungen nach einer neuen Verfassung für Deutschland aus. Nach der Wende sei man dem Grundgesetz beigetreten, einem Grundgesetz, das christlich-jüdisch geprägt sei und in dem Werte eine große Rolle spielten. „Halten wir an diesem Grundgesetz fest“, betonte Haseloff. Ein neues könne „nur schlechter werden“ und eine andere Gesellschaft hervorbringen.

Das Zelt der Schönstatt-Bewegung war zum Interview gut gefüllt (Foto: Brehm)

Das Zelt der Schönstatt-Bewegung war zum Interview gut gefüllt (Foto: Brehm)

Kirche, Politik und Glaubwürdigkeit

Auf die Frage nach dem politischen Engagement der Kirche verwies Haseloff auf die Bedeutung einer demokratischen Aufgabenteilung. In der DDR seien die Kirchen wichtige Räume gewesen, in denen demokratisches Verhalten und synodales Leben eingeübt werden konnten. Nach der Wende habe sich die Kirche wieder stärker zurückziehen können. Heute stelle sich jedoch erneut die Frage nach ihrer gesellschaftlichen Relevanz.

Früher hätten sich Bischöfe stärker eingemischt, sagte Haseloff mit Blick etwa auf Bischof Johannes Dyba. Heute würden Bischöfe kaum noch in Talkshows eingeladen. Entscheidend sei jedoch Glaubwürdigkeit. Bischöfe sollten sich äußern, wenn es um moralische und ethische Fragen gehe, und dabei „mit einer Stimme die christliche Botschaft vertreten“. Es gehe darum, „dass die christliche Botschaft wieder relevant wird“.

Auch die Frage nach den heutigen Kommunikationsräumen beschäftige ihn. Der durchschnittliche Tagesschauzuschauer sei 62 Jahre alt, junge Menschen bewegten sich längst auf anderen Kanälen. Hier könnten die Kirchen durch ein breiteres Engagement durchaus „ein regulierendes Element“ sein.

Haseloff: "Es geht darum, dass die christliche Botschaft wieder relevant wird." (Foto: Brehm)

Haseloff: "Es geht darum, dass die christliche Botschaft wieder relevant wird." (Foto: Brehm)

Spiritualität weltkirchlich leben

Auf die Frage, wo und wie Spiritualität heute noch gelebt werden könne, wies Haseloff zunächst auf das vielfältige spirituelle Angebot hin, das z.B. auf der Kirchenmeile sichtbar werde. Wichtig sei jedoch, dass Spiritualität nicht sektiererisch werde. Für die Katholiken in der früheren DDR sei die Verbindung zu Rom lebenswichtig gewesen. Ohne die weltweite Verbundenheit, auch in der Priesterausbildung, hätte die Kirche dort kaum bestehen können. Mit Blick auf die sinkende Zahl der Christen in Deutschland unterstrich er die Bedeutung der Weltkirche. Strukturdebatten könne man führen, „aber mit Rom“. Deutschland sei „eine kleine Kirche in der Weltkirche“. „Ein bisschen Demut würde uns guttun“, sagte Haseloff und erinnerte daran, dass frühere Abspaltungen bis heute von vielen bedauert würden.

Hoffnung trotz Krisen

Die Frage, woher er angesichts zahlreicher Krisen seine Hoffnung nehme, beantwortete Haseloff nüchtern und zugleich zuversichtlich: Christen wüssten, dass sich das Paradies auf Erden nicht verwirklichen lasse. Politik könne versuchen, vernünftiges Zusammenleben zu ermöglichen, aber kein Paradies schaffen. Seit seinem Amtsantritt habe es Finanz-, Flüchtlings-, Corona- und Wirtschaftskrisen gegeben. Immer wieder werde man zurückgeworfen und müsse neu ansetzen. „Man muss Krisenmanagement haben und die Leute zusammenhalten“, sagte er. Wer von Politikern ein Paradies erwarte, überfordere das System. Statt zu lamentieren, müsse man „mitanpacken, Kerzen aufstellen und beten, auch hier in Würzburg“.

Haseloff: „Tapferkeit alleine reicht nicht aus.“ (Foto: Brehm)

Haseloff: „Tapferkeit alleine reicht nicht aus.“ (Foto: Brehm)

Leitlinien für politisches Handeln

Angesprochen auf Leitlinien seines politischen Handelns sprach der ehemalige Ministerpräsident die Kardinaltugenden Klugheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Mäßigung an. Diese seien bereits bei Aristoteles zu finden und deshalb auch für Nichtchristen relevant. Entscheidend sei das Zusammenspiel aller vier Tugenden. Tapferkeit alleine reicht nicht aus, erklärte Haseloff. Die Klugheit müsse die anderen Tugenden im richtigen Verhältnis zusammenführen.

Mut zur Verständlichkeit

Zum Abschluss des Gesprächs ging es um die Frage, wie Christen heute Mut finden könnten, die Botschaft Jesu nach außen zu tragen. Haseloff betonte, dass es für ihn in dieser Frage nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität ankomme. Schon in der DDR hätten wenige Menschen viel bewirken können. Kleine Gruppen könnten eine ganze Gesellschaft durchwirken, wenn sie Sinn in ihrem Tun erkennen würden. Mit einem Verweis auf den Apostel Paulus sagte Haseloff, das Christentum wäre klein geblieben, hätte Paulus damals nicht neue Kommunikationswege genutzt. Deshalb müsse man auch heute in den sozialen Medien präsent sein. „Es geht nur über Botschaften, die verstehbar sind.

Mit dem augenzwinkernden Satz „Alles andere lesen Sie in meinem Buch“ beendete Dr. Reiner Haseloff schließlich das Interview, stand für die Signierung seines Buches zur Verfügung und war bereit zum persönlichen Gespräch mit Besucherinnen und Besuchern am Stand.

Haseloff: Christen müssten einerseits ihren Glauben leben und andererseits zugleich „anschlussfähig bleiben“ (Foto: Brehm)

Haseloff: Christen müssten einerseits ihren Glauben leben und andererseits zugleich „anschlussfähig bleiben“ (Foto: Brehm)

 


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