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7. Mai 2026 | Deutschland | 

Das Labyrinth – ein Symbol für den Weg zum Persönlichen Ideal


Das Labyrinth in der Kathedrale von Chartres beim Durchgang der Familien (Foto: H. Brantzen)

Das Labyrinth in der Kathedrale von Chartres beim Durchgang der Familien aus der Schönstatt-Familienbewegung des Bistums Mainz (Foto: H. Brantzen)

H. Brantzen. Interessierte der Schönstatt-Familien-Bewegung im Bistum Mainz sind während einer Pilger-Exkursion nach Chartres meditierend durch das Labyrinth der gotischen Kathedrale gegangen. Im Rahmen des Programms der Exkursion wurde das Labyrinth als Symbol für den Weg zum Persönlichen Ideal ins Bewusstsein gerückt.

34 Windungen auf dem Weg zur Mitte  (Foto: H. Brantzen)

34 Windungen auf dem Weg zur Mitte  (Foto: H. Brantzen)

Ein zielgerichteter Weg zur Mitte

Im Gegensatz zu einem Irrgarten ist das Labyrinth ein zielgerichteter Weg zur Mitte, der in verschiedener Weise gedeutet werden kann. Das Labyrinth von Chartres (um 1200), das zum Vorbild weiterer europäischer Kathedralbauten wurde, kennt Strukturen, die einen Vergleich mit dem Weg zum Persönlichen Ideal nahelegen.

In Tagungen und Exerzitien im Schönstatt-Zentrum Weiskirchen war eine Abbildung des Chartres-Labyrinths auf Leinentuch, mit Kreide auf Betonsteine aufgemalt oder auf eine Rasenfläche gesprayt mehrfach zum Einsatz gekommen. Nun wollten sich die Pilger in der mittelalterlichen Kathedrale vor Ort von seiner Wirksamkeit überzeugen. Die sonst mit Stühlen zugestellte Fläche wurde extra für die Mainzer Familien und den begleitenden Pfarrer Frank Blumers freigeräumt. In zwei Durchgängen konnten die Teilnehmenden sich auf die Suche nach der Mitte machen.

Eindrückliche Erfahrungen

  • Der Weg über eine lange Strecke von etwa 250 Metern verläuft zur Mitte in 11 konzentrischen Kreisen, die aber durch 34 Windungen in kürzere und längere Abschnitte unterteilt sind. Diese Mitte ist Jesus Christus selbst. Sie stellt aber auch das Heiligtum des eigenen Herzens dar, den Ort, wo der Mensch ganz sich selbst finden und er oder sie selbst sein kann.
  • Im Durchlaufen der Windungen und Kreise macht man die Erfahrung, manchmal ganz nahe und dann wieder ganz fern dieser Mitte zu sein. Das entspricht dem Weg zum Persönlichen Ideal, zu dem der Suchende sein Leben lang unterwegs ist. Es wird nur langsam und in den Lebensabschnitten immer deutlicher. Manchmal fühlt man sich ihm nahe und in anderen Situationen wieder fern.
In der Mitte angekommen (Foto: Brantzen)In der Mitte angekommen (Foto: Brantzen)

In der Mitte angekommen (Foto: Brantzen) (rechts:) „Schleier Mariens“ – Leinentuch aus dem 1. Jahrhundert (Fotos: H. Brantzen)

Mariendarstellung: "Notre Dame de la Belle Verrière" (Foto: Brantzen)

Mariendarstellung: "Notre Dame de la Belle Verrière" (Foto: Brantzen)

  • 34-mal müssen sich die Labyrinthgeher gegen sich selbst wenden. Dieses ursprüngliche Zeichen für Buße und Umkehr kann so auch zum Zeichen für Selbsterziehung und Streben nach Werktagsheiligkeit werden.
  • Durch den 34-maligen Richtungswechsel unterteilt sich das Labyrinth bei einer Draufsicht in vier Quadranten, die den Kreis zum Symbol des Kreuzes werden lassen. Der Weg durch das Labyrinth wird zu einem symbolhaften Gang in der Nachfolge Jesu.
  • Im Zentrum, der „Rose“, sahen die Menschen seit Jahrhunderten ein Sinnbild des „Himmlischen Jerusalem“, da die meisten den Weg durch das Labyrinth als eine symbolische Pilgerschaft nach Jerusalem verstanden, zu der sie sich nicht in Wirklichkeit aufmachen konnten. Diese Mitte ist „das Heiligtum“, zu dem Menschen ein Leben lang unterwegs und nach dem sie auf der Suche sind, ein Heiligtum, das aber jetzt schon im eigenen „Herzensheiligtum“ erahnt werden darf.
  • Über dem Labyrinth wölbt sich die Kathedrale Notre Dame de Chartres, in der seit dem Mittelalter eine berühmte Marienreliquie, der „Schleier Mariens“, aufbewahrt und verehrt wird. Diese Reliquie gelangte 876 durch eine Schenkung von Karl dem Kahlen, dem Enkel Karls des Großen, nach Chartres. Heute zählt man in dieser ersten vollgotischen Kathedrale mehr als 170 Darstellungen Mariens in Skulpturen und Glasfenstern. Eine dieser Darstellungen, „Notre Dame de la Belle Verrière“, hat man in der Verkündigungskirche von Nazaret als das für ganz Frankreich stehende Bild Marias angebracht. In diesem Zusammenhang gesehen erhält das Labyrinth – und damit auch die Suche nach dem Persönlichen Ideal – eine marianische „Modalität“: Die Suche nach der eigenen Mitte, die letztlich der Dreifaltige Gott ist, gelingt in besonderer Weise im Bündnis mit Maria.

Ein Symbol, das lebendig vollzogen werden kann

Für die Chartres-Pilger aus dem Bistum Mainz stellte und stellt sich die Frage, ob das Labyrinth tatsächlich für die Suche nach dem Persönlichen Ideal als Teil der Spiritualität Schönstatts zum Symbol, zum „begehbaren Zeichen“ werden könnte. Die sonst eher geistig-kognitiv erarbeitete und das Leben begleitende Idee des Persönlichen Ideals bekäme auf diese Weise ein Symbol, das lebendig vollzogen werden kann.

Labyrinth im Schönstatt-Zentrum Weiskirchen, mit Kreide aufgezeichnet 2003 (Foto: H. Brantzen)

Labyrinth im Schönstatt-Zentrum Weiskirchen, mit Kreide aufgezeichnet 2003 (Foto: H. Brantzen)


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