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1. April 2026 | Worte des Bewegungsleiters | 

Fünf nach zwölf: Unsicherheitskompetenz im Osterlicht


Jahresmotto 2026 der Schönstatt-Bewegung Deutschland (Gestaltung: Brehm)

Jahresmotto 2026 der Schönstatt-Bewegung Deutschland (Gestaltung: Brehm)

Liebe Freunde und Mitglieder der Schönstatt-Bewegung!

Viele erleben unsere Zeit im Modus des „fünf vor zwölf“. Die Krisen unserer Welt scheinen sich zu überlagern: politische Spannungen, gesellschaftliche Polarisierung, ökologische Fragen, Unsicherheiten in Kirche und Gesellschaft. Auch innerhalb un­serer Bewegung stellen sich große Zukunftsfragen. Vieles wirkt komplex, manches überfordernd. Über einige dieser Fragen konnten wir bei der Schönstattkonferenz, noch mitten in der Fastenzeit, im Zugehen auf Ostern, eingehen.

Solche Zeiten erzeugen typische Reaktionen. Manche flüchten in Nostalgie und seh­nen sich nach einer vermeintlich einfacheren Vergangenheit. Andere reagieren mit Moralisierung und suchen Schuldige. Wieder andere hoffen auf Personalisierung – auf jemanden, der endlich klare Lösungen präsentiert.

Doch keiner dieser Wege führt wirklich weiter.

Die Atmosphäre der letzten Schönstattkonferenz hat eine andere Spur sichtbar ge­macht. Ausgangspunkt war nicht zuerst die Frage nach Konzepten oder Strukturen, sondern eine gemeinsame Grundlage: Wir leben aus dem Liebesbündnis. Dieses per­sönliche Ja einer jeden und eines jeden Einzelnen verbindet uns und prägt unser Mit­einander.

Aus dieser Erfahrung wächst eine Haltung, die für unsere Zeit entscheidend ist: Unsicherheitskompetenz.

Maria ist dafür ein starkes biblisches Vorbild. In ihrem Leben erkennen wir Haltungen, die gerade heute notwendig sind: Offenheit für Gottes Wirken, Verletzlichkeit, Frei­raum für Neues und die Bereitschaft zur Veränderung. Sie sagt Ja – ohne alle Wege zu kennen.

Das ist eine zutiefst österliche Haltung.

Wir leben – auch im Angesicht der Krisen und des „zu viel“ – nicht in der Panik des „fünf vor zwölf“. Im Osterlicht dürfen wir aus der Gelassenheit des „fünf nach zwölf“ leben. Das Entscheidende ist bereits geschehen: Christus ist auferstanden. Darum können wir handeln – nicht aus Angst, sondern aus Hoffnung, Vertrauen und sogar aus österlicher Gelassenheit.

Hier berührt sich diese Perspektive mit dem Schönstattgedanken vom „neuen Men­schen in neuer Gemeinschaft“. In Zeiten großer Unsicherheit entscheidet sich Zukunft nicht zuerst an Konzepten und Strategien, sondern an konkreten Haltungen einzelner Menschen. Die konkreten Menschen. Das Liebesbündnis ist deshalb ein Weg der Hal­tungsbildung. Wer Liebesbündnis lebt, prägt in sich jene inneren Haltungen aus, die im Alltag tragen und sich im Gemeinschaftsbezug bewähren müssen. Oder anders ausgedrückt: Die Strategie Gottes ist der Mensch.

Ein Schlüsselwort, dass sich seit der Schönstattkonferenz durchzieht, ist Wertschät­zung. Immer wieder wurde deutlich: Wo Menschen einander ansehen und an das Charisma des anderen glauben, entsteht ein Raum, in dem Wachstum möglich wird.

Wertschätzung lässt uns mit den Augen des anderen sehen. Sie verändert nicht die Botschaft des Evangeliums – aber sie verändert unsere Haltung und unser Miteinan­der. In den Grundvollzügen des Liebesbündnisses sind keine abstrakten Kategorien, sondern sind praktische Einübungen in Wertschätzung und Unsicherheitskompetenz.

Ich glaube an mein Persönliches Ideal.

Ich lerne, den einzigartigen Gedanken Gottes über mein Leben wertzuschätzen: Er sagt zu mir persönlich: Du bist wertvoll. Auch wenn mein Weg noch nicht vollständig sichtbar ist, vertraue ich darauf, dass Gott mich führt und sich meine Sendung Schritt für Schritt entfalten kann.

Ich glaube, dass ich wachsen kann.

Ich schaue auf mein Leben nicht mit Resignation, sondern mit Wertschätzung für das, was in mir wachsen darf. Gerade in offenen Situationen und ungeklärten Fragen übe ich die Unsicherheitskompetenz, mich weiter formen zu lassen.

Ich glaube, Gott wirkt in meinem Leben.

Ich entdecke die Spuren Gottes in meinem Alltag und kann üben, auch im Kleinen das Große zu schätzen. Auch wenn ich nicht alles verstehe, vertraue ich darauf, dass Gott gerade im Unfertigen und Ungewissen wirkt.

Ich glaube, dass mein Beitrag zählt.

Ich nehme mein Leben und meine Möglichkeiten ernst, ohne auf perfekte Bedingun­gen zu warten. Unsicherheitskompetenz heißt hier: den eigenen Beitrag wagen – im Vertrauen, dass Gott auch das Kleine fruchtbar macht.

Ich glaube an dein Charisma.

Ich schaue den anderen mit einem wertschätzenden Blick an und glaube an den hei­ligen Kern, den Gott in ihn gelegt hat. So wächst eine Gemeinschaft, die Unsicherheit nicht durch Kontrolle überwindet, sondern durch Vertrauen und gegenseitige Wert­schätzung.

So wird das Liebesbündnis zum Lebensstil. Die Haltung des „fünf nach zwölf“ bedeu­tet: Wir leben aus dem Osterlicht oder im Sinne des Jahresmottos: Mit dem Rücken­wind von Ostern.

So führt uns Ostern weiter – Schritt für Schritt – auf Pfingsten zu.

Und vielleicht entdecken wir gerade in diesem Ostermonat: Es ist der Osterwind, der uns in Bewegung setzt.

Herzliche Grüße aus Schönstatt

Ihr
P. Felix Geyer
Schönstatt-Bewegung Deutschland


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