Nachrichten

1. April 2026 | Kommentar der Woche | 

Dr. Christian Hennecke: Apokalypse now - Kommentar der Woche


(Foto: Aa Dil auf pexels.com)

(Foto: Aa Dil auf pexels.com)

Kommentar der Woche:

Apokalypse now

Dr. Christian Hennecke (Foto: basis-online.net)

Dr. Christian Hennecke (Foto: basis-online.net)

 

 

 

 

 

 

Dr. Christian Hennecke

Apokalypse now

01.04.2026

Dass eine scheinbar stabile Weltordnung aus den Fugen gerät, ist seit dem Ukrainekrieg in unser Bewusstsein gedrungen. Dass damit Kriegshandlungen und Spezialoperationen wie in Venezuela, im Nahen Osten und wo immer nicht nur denkbar, sondern scheinbar alltäglich werden, verunsichert uns zutiefst. Es sind offenbarende Zeiten, im echten Sinn apokalytisch: sie enthüllen, welche Götter hier das Sagen haben. Die krasse Macht des Stärkeren, die Kraft der Täuschung und Lüge, die Wirklichkeit undurchschaubar macht – und die im Hintergrund agierenden Gier nach Geld und Profit: wer wird über die offensichtliche Durchschaubarkeit dieser Triebe nicht erschauern? Oder einfach mitmachen.

Und doch feiern wir in dieser Woche die echten Erschütterungen dieser Welt. Spannend zu lesen ist das in den Passionsgeschichten. Der Evangelist Matthäus erzählt vom Tod Jesu und bebildert diesen Tod mit Dunkelheit und Erdbeben. Natürlich sind das nur Bilder, die die eigentliche Erschütterung beschreiben soll, die das Evangelium auch heute noch bedeutet.

Wer diese Passionsgeschichten liest, der liest von perversen Machtspielen, von Justizskandalen, von religiösen und politischen Ränkespielen, Geldgier, Verrat. Und er liest von der Geschichte des Menschensohns, der eine ganz andere Apokalypse wirklich werden liess: dass dieser Mensch durch Sterben und Tod den Weg zu einem neuen Menschsein gebahnt hat; dass geschenkte Liebe das Universum verwandelt hat und jedes Mal verwandelt, wenn sie ins Licht kommt und wirksam wird; dass diese Liebe die eigentliche Wirklichkeit der Welt ist – auch dann wenn parallel andere Kräfte die Macht zu haben scheinen.

Die Botschaft von der Auferstehung ist keine religiöse Botschaft. Sie ist die Botschaft von der Kraft des Lebens, die allen Menschen innewohnt, von der unbedingten Liebe Gottes, die in uns wohnt und wirken will – die Fülle des Lebens überall, ob in Charkiw, Gaza, Teheran oder auch bei uns.

Es ist Dietrich Bonhoeffer, der aus der Haft in Tegel im Augenblick der Erkenntnis, dass er sterben wird, treffende Worte findet: Er spricht von der tiefen Diesseitigkeit des christlichen Lebens, in dessen Mitte der Christus erfahrbar wird und uns hineinzieht in den Weg von Sterben, Tod und Auferstehung – und wir so das Leiden Gottes in der Welt ernstnehmen: „Dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist metanoia [Umkehr, Buße]; und so wird man ein Mensch, ein Christ.“
(Brief vom 21. Juli 1044 – Widerstand und Ergebung)

Und diese Wirklichkeit enthüllt sich gerade in der absoluten Dunkelheit der Menschlichkeit, zwischen der sechsten und neunten Stunde am Kreuz, im Schrei der Verlassenheit, im Schmerz und im Durst nach Liebe, in der Niederlage der Menschlichkeit. Auch heute. Auch heute feiern wir dieses Ostern.

Dr. Christian Hennecke

Quelle: www.basis-online.net 
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung

Top