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25. März 2026 | Deutschland | 

Studientag zum Menschenbild: Zwischen Posthumanismus, Personalität und Persönlichem Ideal


Der öffentliche Studientag im Rahmen der Jahrestagung des Josef-Kentenich-Institutes beschäftigte sich mit dem Thema: „Die Abschaffung des Menschen – der Posthumanismus als Herausforderung“ (Foto: Brehm)

Der öffentliche Studientag im Rahmen der Jahrestagung des Josef-Kentenich-Institutes beschäftigte sich mit dem Thema: „Die Abschaffung des Menschen – der Posthumanismus als Herausforderung“ (Foto: Brehm)

Hbre. Beim Studientag des Josef-Kentenich-Instituts am 21. März 2026 im Bildungs- und Gästehaus Berg Moriah in Simmern/Ww. stand mit dem Thema „Die Abschaffung des Menschen – der Posthumanismus als Herausforderung“ eine Grundfrage gegenwärtiger Anthropologie im Mittelpunkt. Rund 40 Teilnehmende hörten Beiträge von Prof. Dr. Dr. Markus Enders, Prof. Dr. Joachim Söder und Dr. Tobias Hofmann, moderiert von Magdalena Lindner, Brüssel. Dabei wurde der Posthumanismus aus philosophischer, kulturkritischer und Schönstatt-pädagogischer Perspektive beleuchtet, mit einem besonderen Blick für die Würde, die personale Einheit und die unverwechselbare Berufung des Menschen.

Prof. Dr. Dr. Markus Enders, Freiburg (Foto: Brehm)

Prof. Dr. Dr. Markus Enders, Freiburg (Foto: Brehm)

Die Herausforderung: Der Mensch wird als optimierbares Zwischenwesen gesehen

Zum Auftakt riss Markus Enders die Problemlage grundsätzlich auf. Der Transhumanismus, so seine Diagnose, sei „einer der radikalsten Gegenentwürfe zu unseren traditionellen Vorstellungen vom Menschsein“. Der Mensch erscheine darin nicht mehr als gegebene, ganzheitliche Natur, sondern als ein defizitäres evolutives Zwischenstadium, das technisch verbessert, umgebaut oder überschritten werden solle.

Enders zeigte, worin die Brisanz dieses Denkens liegt: Der Mensch werde nicht mehr als Zweck in sich selbst verstanden, sondern als „biologische Maschine oder defekte Hardware“, die optimiert werden könne. In der Idee des „Mind-Uploading“ werde die Einheit von Leib und Seele radikal aufgekündigt. Zugleich forciere der Transhumanismus den Anspruch, der Mensch solle selbst zum Designer seiner Natur werden. Damit, so Enders, werde nicht nur das christliche Verständnis des Menschen als Geschöpf Gottes in Frage gestellt, sondern auch das klassische philosophische Verständnis des Menschen als einer in sich bestimmten Natur.

Person, Würde, Leiblichkeit: Enders entfaltete das klassische Menschenbild

Im Hauptteil seines Vortrags entfaltete Enders das traditionelle philosophische und christliche Verständnis des Menschen als Person. Personsein bedeute für ihn Selbstbewusstsein, Weltbewusstsein und Freiheit. Der Mensch könne „Ich“ sagen, sich zu sich selbst verhalten und sein Handeln verantwortlich bestimmen. Daraus leite sich seine Würde und ebenfalls unverfügbare Rechte ab.

Breiten Raum gab Enders der Einsicht, dass die menschliche Person nicht in Geist oder Bewusstsein aufgehe. Zum Menschsein gehörten vielmehr Sozialität, Sprachlichkeit, Leiblichkeit, Geschichtlichkeit und Geschlechtlichkeit. Die menschliche Person sei eine komplexe Einheit aus Intellekt, Wille, Gefühl und Leib. Gerade darin widerspreche das klassische Denken jeder Reduktion des Menschen auf Bewusstseinsleistungen.

Aus christlicher Sicht vertiefte Enders dies durch die Bezugnahme auf Geschöpflichkeit und Gottebenbildlichkeit. Der Mensch sei nicht Selbsterschaffung, sondern von Gott gewollt, auf Beziehung hin geschaffen und zur Verantwortung für die Welt befähigt. In der Tradition des Mittelalters, besonders bei Albertus Magnus und Thomas von Aquin, sah Enders diese leib-seelische Einheit philosophisch präzise durchdacht. Seiner zugespitzten Folgerung: „Der Mensch ist für den Transhumanisten ein seelenloser Körper mit Gehirn, über den wir nach eigenem Belieben und Gutdünken verfügen können“, setzte er das Verständnis des Menschen als unantastbare Ganzheit entgegen.

Prof. Dr. Joachim Söder, Aachen (Foto: Brehm)

Prof. Dr. Joachim Söder, Aachen, ist Präsident des Josef-Kentenich-Institutes, das die Tagung veranstaltete (Foto: Brehm)

Joachim Söder: Der Tod des Subjekts als kulturelles Lebensgefühl

Joachim Söder näherte sich dem Thema stärker ideengeschichtlich und kulturdiagnostisch. Gleich zu Beginn nannte er sich mit einem Augenzwinkern den „bad cop“. Dann zeichnete er Linien von Foucault, Deleuze und Guattari bis in gegenwärtige Bildungsdiskurse nach.

Im posthumanistischen Denken, so Söder, trete an die Stelle der Einheit der Person die Vielheit. Der Mensch werde nicht mehr als Subjekt mit innerem Zusammenhang gedacht, sondern als Geflecht von Impulsen, Wünschen und sozialen Zuschreibungen. Foucaults berühmtes Bild, der Mensch verschwinde „wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“, sei dafür programmatisch geworden. Hinter der Rede vom Menschen stünden – so diese Sicht – Machtverhältnisse und Dispositive, die Subjektivität überhaupt erst hervorbringen.

Söder machte deutlich, dass dies für ihn keine akademische Randdebatte sei. Wenn Humanismus als Last erscheine, gehe es um einen manifesten Anti-Humanismus. „Das ist eine Kampfansage“, sagte er. Besonders pointiert beschrieb er die Folgen für das Bildungsverständnis: Wo es kein Selbst mehr gebe, das werden könne, verliere auch klassische Bildung ihren Sinn. An ihre Stelle trete – mit einem Wort, das er erfunden habe – eine bloße „Struktion“, also die Formung durch Anrufungen, Reaktionen und soziale Prozesse.

In der Diskussion warnte Söder vor den praktischen Konsequenzen. Kontinuität der Person gelte heute oft als verdächtig oder unattraktiv; die Vorstellung, man könne sich jederzeit neu erfinden, präge zunehmend das Lebensgefühl. Seine nüchterne Einschätzung: „Diesbezüglich sind wir jetzt schon in der Defensive.

Dr. Tobias Hofmann, Donaueschingen (Foto: Brehm)

Dr. Tobias Hofmann, Donaueschingen (Foto: Brehm)

Tobias Hofmann: Das Persönliche Ideal als Gegenentwurf

Mit seinem Beitrag stellte Dr. Tobias Hofmann das Persönliche Ideal in den Mittelpunkt. Magdalena Lindner hatte es eingangs mit dem Wort aus Goethes Faust verglichen, das benenne, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Hofmann verstand seinen Beitrag ausdrücklich als Antwort auf die Frage nach der „Abschaffung des Menschen“.

Das Persönliche Ideal, so Hofmann, sei beim Gründer Schönstatts, Pater Josef Kentenich, ein „Kristallisationspunkt“ seiner Anthropologie. Es gehe um die je eigene, von Gott gewollte Originalität eines Menschen. Hofmann entfaltete dazu theologische, philosophische und psychologische Zugänge: als „originelle Teilhabe an der göttlichen und gottmenschlichen Vollkommenheit“, als in Gott vorgegebene Idee eines Menschen und als gottgewollter Grundzug oder Grundstimmung der Seele.

Besonders anschaulich wurde der Vortrag dort, wo der Referent das Zusammenspiel von Grundzug und Grundstimmung mit dem Bild einer Dirigentin und einer Grundmelodie erläuterte. Auch das Kernerlebnis erhielt großes Gewicht: Es sei biographischer Ankerpunkt, „roter Faden“ und hermeneutischer Schlüssel, der Erfahrungen zusammenhalte und vor Zersplitterung schütze.

Dem posthumanistischen Denken stellte Hofmann die unverwechselbare Individualität jeder Person entgegen. Das Persönliche Ideal verleihe dem Einzelnen einen unveräußerlichen Wert, der nicht von Leistung abhängt. Es stifte Identität und Motivation und trage zur narrativen Einheit der Biographie bei. Dabei bleibe es nicht statisch, sondern müsse in den jeweiligen Lebensphasen neu angeeignet und verwirklicht werden.

Rund 40 Personen nahmen am Studientag des JKI im Bildungs- und Gästehaus Berg Moriah, Simmerns/Ww. teil (Foto: Brehm)

Rund 40 Personen nahmen am Studientag des JKI im Bildungs- und Gästehaus Berg Moriah, Simmerns/Ww. teil (Foto: Brehm)

Ein gemeinsamer Grundton

Trotz unterschiedlicher Zugänge verband die drei Beiträge ein gemeinsamer Ernst: die Sorge um ein Menschenbild, das Würde, Einheit, Freiheit und Beziehung nicht preisgibt. Während Enders den philosophisch-theologischen Grund legte, Söder die anti-humanistischen Dynamiken der Gegenwart scharf konturierte und Hofmann mit dem Persönlichen Ideal einen personalen Gegenentwurf profilierte, machte der Studientag deutlich: Die Debatte um den Posthumanismus ist keine abstrakte Spezialfrage. Sie berührt das Verständnis dessen, was der Mensch ist – und was von ihm bleiben soll.


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