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Halt in den Quellen: „Marianische Haltungen in der Bibel“
Prof. Dr. Gudrun Nassauer spricht bei der Schönstattkonferenz 2026 über marianische Haltungen in der Bibel (Foto: Brehm)
Sr. M. Nurit Stosiek. Der erste Nachmittag der Konferenz beginnt mit einem Referat von Prof. Dr. Gudrun Nassauer, Professorin für Theologie und Exegese des Neuen Testaments an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg, Schweiz. Sie nimmt die Konferenzteilnehmenden mit auf eine spannende Reise, auf der sich ein existenzieller Blick auf Maria als Spiegel Gottes und der Welt auftut.
Ein Marienbild, das nach der Legende vom Evangelisten Lukas gemalt worden sein soll (Foto: Brehm)
Einleitend zeigt Nassauer drei Marienbilder, die das biblische Geschehen mit dem eigenen kulturellen Kontext des Künstlers verknüpfen und somit das Geschehen in dessen Leben übersetzen. Durch diese Rezeption, so erklärt sie, wird das Marienbild auf dem Hintergrund der eigenen Biographie aktualisiert. Die je eigene Identität ist der individuelle Echoraum, in dem das Marienbild wahrgenommen und angeeignet wird.
Was Gudrun Nassauer vom Evangelisten Lukas sagt, den sie vor allem für ihre Darstellung heranzieht, das erleben die Zuhörer auch an ihr: Die Kunst, mit Texten gleichsam zu „malen“, das biblische Geschehen so lebendig werden zu lassen, dass es unmittelbar die eigene Lebenswirklichkeit berührt.
Da ist zunächst der Blick auf Marias Grundhaltung der
Offenheit
Das Lukasevangelium beginnt mit zwei Geburtsverheißungen, die in eigenartigem Kontrast zueinanderstehen: Die Verkündigung des Engels an Zacharias, seine unfruchtbare Frau werde trotz hohen Alters einen Sohn bekommen. Zacharias tut in diesem Moment als Priester Dienst im Tempel – dem bevorzugten Ort der Gottesbegegnung der Juden. Aber er kann sich innerlich nicht auf die Unsicherheit einlassen, die Gott ihm zumutet. Szenenwechsel: Die Verkündigung des Engels an Maria, eine unbedeutende junge Frau an einem alltäglichen Ort. Maria reagiert rückhaltlos offen auf das völlig Unerwartete. So kann Gott Mensch werden. Die Offenheit als Grundhaltung, die die Gottesbegegnung möglich macht.
An dieser Stelle regt die Referentin durch einige Fragen an, sich selbst im eigenen Leben zu befragen: „Wo erwarte ich Gott (nicht)? Lasse ich Gott meine Pläne ändern? Kann ich ehrliche Fragen stellen? Kann ich ja sagen und die Konsequenzen annehmen?“
Die thematischen Schwerpunkte schließt die Referentin jeweils mit weiterführenden Fragen ab (Foto: Brehm)
Verletzlichkeit
Hier verweist Gudrun Nassauer auf die Erzählung von der Ursünde. Die ersten Menschen verstecken ihre Nacktheit vor Gott, sie geraten in Furcht vor ihm (Gen 3,10). Die Ursünde bedeute: „Ich traue Gott nicht zu, dass er meine Schwäche nicht ausnützt. Wenn ich das nicht glauben kann, fange ich an, mich zu verstecken – vor mir selbst, vor anderen, vor Gott.“
Die Haltung Marias zeigt sich wiederum in der Verkündigungsszene: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“ (Lk 1,38). Maria überlässt sich rückhaltlos Gott, ohne zu wissen, wie es weitergeht.
Einige Fragen helfen wiederum, das eigene Leben im Licht dieser Grundhaltung zu spiegeln: „Wo und wann schütze ich mich vor Gott und Menschen? Wie lebe ich in Kontakt mit meiner Verletzlichkeit? Wie kann Verletzlichkeit/Verletzung zu einem Ort der Offenbarung werden? Wie integriere ich mein Sohn-/Tochtersein, meine Schutzlosigkeit in meine Beziehungen zu Gott, zu den Mitmenschen?“
Nassauer versteht es, "mit Texten zu malen" (Foto: Brehm)
Freiraum
Die biblische Erzählung von der Taufe Jesu und seiner Wüstenzeit (Mk 1,9-15) dient hier zur Veranschaulichung. Im Augenblick der Taufe (Mk 1,10) erfährt sich Jesus als der geliebte Sohn des Vaters (Mk 1,11) Die anschließende Wüstenzeit (Mk 1,12f) mit ihren Versuchungen wird für Jesus zu einer Lernzeit. Beides sind wichtige Marker auch in unserem Leben.
Dann beginnt Jesus seine Verkündigung (Mk 1,14f), die ihn bis ans Kreuz führt. Jesus gibt sein Leben, um uns an seiner Beziehung zum Vater teilhaben zu lassen. Er ist es, der in uns Reinigung und Befreiung bewirkt.
An Maria wird das erfahrbar: Der Engel nennt sie Begnadete (Lk 1,26f). Was sie ist, ist sie durch ihr Kind. Wie sehr sich ihr ganzes Sein dadurch verändert, zeigt sich bei der Begegnung mit Elisabeth: Johannes hüpft (Lk 1,41), Elisabet nennt sie „Mutter meines Herrn“ (Lk 1,43). Auch das Magnifikat, das Maria nun singt, spiegelt das Neue: Die Logik der Welt ist hier auf den Kopf gestellt, Gott erhöht die Niedrigen.
Was es bedeutet, in diesem Licht das Geschenk der Taufe im eigenen Innern wahrzunehmen, zeigen Fragen dieser Art: „Wie erreichbar ist Maria für mich? Wie lebe ich / leben wir unsere Taufberufung als Trägerinnen und Träger der Gottesherrschaft… von Begnadung? Wo und wie (er)lebe ich/erleben wir das Erbarmen Gottes? Wo machen wir gemeinsam die Erfahrung der Fruchtbarkeit des Gott-geschenkten Raumes?"
Maria spiegle den existenziellen Lernprozess, den alle im Leben mit Gott zu gehen hätten (Foto: Brehm)
Veränderung
Hier verweist Gudrun Nassauer auf biblische Situationen, in denen es von Maria heißt, dass sie Worte im Herzen bewahrt und hin und her bewegt: in der Verkündigungsstunde (LK 1,28 f); bei der Geburt Jesu (Lk 2,18 f); beim Verlust des Zwölfjährigen im Tempel (Lk 2,48 f); bei der Reaktion Jesu: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“ (Mt 12,48).
Das Evangelium zeigt Maria auf einem Lernweg, sie ist die, die Jesus nachfolgt als die, die das Wort hört und tut. Maria spiegelt uns den existenziellen Lernprozess, den auch wir im Leben mit Gott zu gehen haben. Fragen, die helfen, sich in diese Haltung Mariens hineinzuleben, können sein: „Kenne ich existenzielle Erschütterung in meiner Gottesbeziehung? Lasse ich zu, dass meine Gottesbeziehung mich verändert? Wie lebe ich/leben wir die Unfertigkeit auf meinem/unserem Lernweg? Wer/was hilft mir, mich auf Veränderung einzulassen?“
Der intensive Applaus am Ende des Vortrags zeigt, welche Resonanz dieser Blick auf Maria bei den Zuhörenden findet.
Vertiefung: Unsere Haltungen im Liebesbündnis
Im Anschluss an den Vortrag sind alle eingeladen, zunächst persönlich das Gehörte zu erwägen und anschließend zu zweit das zu teilen, was Resonanz gefunden hat.
"Begegnung an der Quelle" (Foto: Brehm)
Die gemeinsame Arbeit setzt sich fort im
Forum Liebesbündnis – unsere Spuren in die Zukunft
20 Kleingruppen beschäftigen sich mit je einem der fünf Grundvollzüge des Liebesbündnisses unter der doppelten Fragestellung: „Was hat sich durch diesen Grundvollzug bei mir erneuert?“ „Wo sehen wir darin eine Spur für die Zukunft?“ Die Ideen werden anschließend von den Gruppen auf Spuren festgehalten, die am Abend im Rahmen einer „Begegnung an der Quelle“ als Anregungen auf dem Weg in die Zukunft in einer Gebetszeit am Urheiligtum aufgegriffen werden.
Der Abend schließt mit einer Einladung zur Begegnung im neuen „Haus der Begegnung“, dem ehemaligen Priester- und Gästehaus Marienau.
