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Dr. Stefan Heße: Zeit der Sehnsucht - Kommentar der Woche
(Foto: Ralph, pexels.com)
Kommentar der Woche:
Zeit der Sehnsucht
Erzbischof Dr. Stefan Heße (Foto: Erzbistum Hamburg)
Erzbischof Dr. Stefan Heße
Zeit der Sehnsucht
25.02.2026
Die Fastenzeit beginnt – und mit ihr eine Zeit, die stark von einem Wort geprägt ist: Sehnsucht. Kürzlich erzählte mir ein Priester aus unserem Erzbistum, wie sehr ihn dieses Wort in Gesprächen mit Gemeindemitgliedern begleitet. Um Menschen mit Sehnsucht, meinte er, mache er sich wenig Sorgen. Wer Sehnsucht spürt, bleibt innerlich in Bewegung. Er gibt sich nicht zufrieden mit dem Oberflächlichen, sondern sucht weiter, fragt weiter, geht dorthin, wo er hofft, das zu finden, was seinem Leben Tiefe und Halt gibt.
Fastenzeit heißt genau das: innehalten, loslassen, Raum schaffen. Wir verzichten nicht um des Verzichts willen, sondern um neu zu entdecken, was uns wirklich erfüllt. Der bewusste Verzicht kann die eigene Sehnsucht freilegen: Wonach hungere ich wirklich? Was nährt mich? Was trägt mich, wenn Gewohnheiten wegfallen? Vielleicht entdecken wir dabei auch, wo noch ein verborgenes Feuer glimmt – unter der Asche von Routine, Müdigkeit oder Enttäuschung.
Passend dazu legt uns die Kirche in diesen Wochen einen besonders reichen Tisch des Wortes Gottes. Anders als sonst, wo biblische Bücher oft fortlaufend gelesen werden, wählt sie in der Fastenzeit bewusst Texte aus. Jeder Tag hat sein eigenes geistliches Profil. Lesung und Evangelium sind wie ein Menü, das nicht nur informieren, sondern innerlich stärken will. Wer sich ein paar Minuten Zeit nimmt, kann diese Texte in der Kirche hören oder auch zu Hause lesen – heute sogar leicht zugänglich über digitale Angebote. Wenige Minuten des aufmerksamen Lesens können den Ton eines ganzen Tages verändern.
Hören bedeutet dabei mehr als Worte aufnehmen. Es heißt auch, eigene Worte zurückzunehmen – besonders solche, die verletzen, vorschnell urteilen oder nur das eigene Echo suchen. Echtes Hören schafft Raum: für Gott, für andere, für Wahrheit. Vielleicht gehört gerade dieser Verzicht auf zu viele Worte zu den fruchtbarsten Übungen der Fastenzeit.
Die Schrift kennt solche Zeiten des Hörens gut. Jesus zieht sich vierzig Tage in die Wüste zurück und lebt aus der Kraft des Wortes Gottes. Mose bleibt vierzig Tage auf dem Sinai, fern vom Alltag, um Gottes Stimme zu empfangen. Beide zeigen: Wer sich aussetzt, wer Stille wagt, wer Gott Raum gibt, wird nicht leer zurückbleiben.
Vielleicht liegt darin der eigentliche Sinn dieser Wochen: Gott wieder mehr Platz zu geben – im Denken, im Sprechen, im Handeln. Denn am Ende stillt keine Gewohnheit, kein Erfolg und kein Besitz unsere tiefste Sehnsucht, sondern nur er selbst. Oder, mit den Worten der großen Mystikerin Teresa von Ávila: Solo Dios basta – Gott allein genügt.
Erzbischof Dr. Stefan Heße
