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„Der rote Faden in meinem Leben“ – Podium der Studientage zum Persönlichen Ideal entwickelt praktische Fragen für Alltag und Berufung
Unter dem Thema "Der rote Faden in meinem Leben" fand im Rahmen der Reihe "update:theologie" des CTS Belin ein Podiumsgespräch zum Persönlichen Ideal statt (Foto: Videomitschnitt schoenstatt-tv.de).
Hbre. Ein öffentlich von schoenstatt-tv.de übertragenes Podium am Freitagabend, 6. Februar 2026, am Campus für Theologie und Spiritualität (CTS) in Berlin war Teil einer mehrtägigen theologisch-philosophisch-psychologischen Fachtagung. Unter dem Titel „Der rote Faden in meinem Leben“ diskutieren Fachleute aus Theologie, Psychologie und Philosophie, wie Menschen in einer pluralen, oft überfordernden Gegenwart zu persönlicher Identität, zu Sinn und tragfähigen Entscheidungen finden können.
Magdalena Kiess, Berlin, moderierte das Gespräch (Foto: Videomitschnitt schoenstatt-tv.de)
Dr. Tobias Hoffmann, Villingen-Schwenningen, Diplom in katholischer Theologe und Master in Arbeits- und Organisationspsychologie, verband im Gespräch spirituelle Berufungsfragen mit arbeits- und organisationspsychologischen Erkenntnissen und rückte Selbstwirksamkeit, Motivation und konkrete Lebenspraxis in den Mittelpunkt. Er plädierte für ein lebensnahes Verständnis des persönlichen Ideals, das nicht normiert, sondern Handlungsfähigkeit und innere Motivation stärkt. (Foto: Videomitschnitt schoenstatt-tv.de)
Pater Prof. Dr. Ludger Aegidius Schulte, Prof für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster, setzte im Gespräche starke Akzente auf Bildung, Resonanz, Autonomie vs. Autarkie, Transzendenz und existenzielle Praxis. Als bewusst „schönstatt-externe Stimme“ eingeladen, reflektierte er das Konzept des persönlichen Ideals aus einer systematisch-theologischen und philosophischen Perspektive (Foto: Videomitschnitt schoenstatt-tv.de)
Prof. Dr. Joachim Söder ist Philosoph, Professor für Philosophie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Aachen, reflektierte das persönliche Ideal im Spannungsfeld von Autonomie und Wirklichkeit, knüpfte an Denkfiguren von Resonanz, Bildung und Berufung an und machte deutlich, dass Identität nicht im Rückzug ins Ich, sondern im Dialog mit Welt, Vernunft und Transzendenz Gestalt gewinnt.
Persönliches Ideal zwischen Berufung und Selbstentwurf
Moderatorin Magdalena Kies skizzierte das Leitmotiv der Studientage zu Identität und Persönlichem Ideal als Frage nach einer Lebensgestalt, die nicht nur auf Rollen und Erwartungen reagiert, sondern aus einem inneren Zentrum heraus handelt. In der Tradition des Schönstatt-Gründers Pater Josef Kentenich wurde das „persönliche Ideal“ als lebenslange Aufgabe beschrieben: „Wie werde ich der Mensch, der ich sein kann und sein soll?“, eingebettet in Biografie, Gemeinschaft und konkrete Wirklichkeit.
Zugleich wurde die Spannung zur modernen Selbstdeutung sichtbar. Während heutige Lebensentwürfe oft nach Selbstverwirklichung fragen, setzte das Podium einen Akzent auf Selbstfindung im Dialog. Dr. Tobias Hoffmann betonte, es gehe weniger darum, sich „neu zu erfinden“, sondern „zu dem [zu] werden, wer ich bin“. Dazu gehöre, dass das persönliche Ideal „nicht nur ein in sich geschlossenes Konstrukt“ sei, sondern sich „im Dialog mit anderen Menschen“ und mit der eigenen Geschichte entwickle.
Sinnsuche als Notwehr und die Suche nach tragfähigen Maßstäben
Im Austausch zeigte sich: Sinnfragen verschwinden nicht, sie verändern ihre Form. Professor Joachim Söder verwies darauf, dass die Suche nach Sinnerfüllung zeitlos sei, heute aber in anderen „Modalitäten“ stattfinde. Pater Prof. Dr. Ludger Ägidius Schulte OFMCap beschrieb eine gesellschaftliche Lage, in der „fragmentarische Inseln“ an die Stelle großer Horizonte treten. Immer mehr Menschen stimmten der Aussage zu, dass „das Leben den Sinn [hat], den ich ihm gebe.“ Das sei für katholische Ohren schwierig, weil hier klar sei, dass man Sinn eigentlich empfange. Die Haltung: „Ich kann ja nur in meine Seele den Finger tauchen und sagen: ‚Ja, das ist ein guter Prüfstand.‘“ sei eine Art von „Notwehr“.
An die Frage nach „Messbarkeit“ von Sinn und Zufriedenheit knüpfte das Panel mit einem Brückenschlag zur Psychologie an. Hoffmann verwies auf Erkenntnisse der Wellbeing- und Arbeitszufriedenheitsforschung: Zufriedenheit wachse dort, wo Menschen gestalten können, Sinn erleben und sich innerlich motivieren. Gleichzeitig blieb die Frage offen, wie ein theonomes, an Gott rückgebundenes Konzept in säkulare Kontexte übersetzbar werde, ohne das Anliegen zu verengen.
Resonanz, Bildung und der Satz „Sei, was du bist“
Mehrfach fiel der Begriff „Resonanz“. Söder griff Hartmut Rosas Bild auf, wenn eine Wirklichkeit außerhalb des Selbst „in mir etwas zum Schwingen bringt“. Als Gradmesser gelingender Sinn-Erfahrung nannte er Rosas Trias: „wenn Sein, Wollen und Sollen zur Deckung kommen“. In ähnlicher Richtung wurde ein arbeitspsychologisches „Können-Wollen-Sollen“-Dreieck als Orientierungsrahmen beschrieben.
Am klassischen Kentenich-Satz „Sei, was du bist, sei es in bestmöglicher Form“ entzündete sich eine zentrale Klärung: Das persönliche Ideal soll nicht lähmen, sondern „die besten Kräfte wecken“. Warnungen vor moralistischem Druck wurden ausdrücklich formuliert. Schulte plädierte für „wohlwollende Achtsamkeit“ und sprach lieber vom „Bild“ als vom „Ideal“, um Perfektionismus-Assoziationen zu vermeiden. Bildung wurde dabei als innerer, kreativer Gestaltungsprozess verstanden – bis hin zur spirituellen Tiefendimension: „Gottes erste Gabe an uns sind wir selbst.“
In die Diskussion wurden auch Fragen und Wortmeldungen aus dem Publikum einbezogen, die das Gespräch insbesondere im Blick auf persönliche Sinnsuche, Gottesverständnis und die praktische Relevanz des persönlichen Ideals weiter vertieften (Foto: Videomitschnitt schoenstatt-tv.de)
Praxis-Teil zum Schluss: Ein Werkzeugkoffer aus fünf Fragen
Besonders greifbar wurde das Podium gegen Ende, als die Diskussion in einen praktischen Teil mündete: Welche Sätze helfen, Menschen – auch ohne religiöse Vorprägung – an die eigene Berufung, den „roten Faden“ und ein tragendes Lebensmotiv heranzuführen?
Aus der Runde entstand ein kompakter „Werkzeugkoffer“ mit Fragen, die ohne Vorwissen anschlussfähig sind und zugleich Tiefe eröffnen:
- „Wofür brennst du?“ – als Einstieg über Leidenschaft und innere Bewegung.
- „Wofür bist du dankbar?“ – als Spur zu Beziehung, Geschenk und Sinn.
- „Wer hat dir geholfen, der oder die zu werden, die du heute bist?“ – als Blick auf prägende Beziehungen.
- „Wann kannst du so still werden, dass du hören kannst?“ – als Gegenmittel zu Überreizung und Dauerprogramm.
- „Gibt es etwas, wo du sagen kannst: Das musste ich tun?“ – als Hinweis auf einen Ruf, der Energie freisetzt.
Schulte ergänzte dazu die These, es brauche Orte, an denen Fokussierung wieder möglich wird: Stille und konkrete Konfrontation mit menschlicher Verletzlichkeit. In einer kurzen Erzählung über einen überlasteten Arzt, der nach Aktenlage zögerte, aber nach der Begegnung sagte: „Als ich ihn sah, wusste ich, ich muss das tun“, verdichtete sich der Kern des Abends: Orientierung entsteht nicht nur aus Konzepten, sondern im Kontakt mit Wirklichkeit und im Mut, das Wesentliche zu hören.
Fortsetzung der Studientage
Das Podium fand am ersten Abend der Studientage zum persönlichen Ideal am Campus für Theologie und Spiritualität (CTS) in Berlin statt. Mit Beiträgen unterschiedlichster Couleur werden die Studientage fortgesetzt mit dem Ziel, die Frage nach Identität und Lebenssinn sowohl wissenschaftlich zu vertiefen als auch in konkrete Schritte für den Alltag zu übersetzen.
