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Dr. Michael Gerber: Salz der Erde
(Foto: Maria Petersson, pexels.com)
Kommentar der Woche:
Salz der Erde
Bischof Dr. Michael Gerber, Fulda (Foto: Basis-online.net)
Michael Gerber
Salz der Erde
7.2.2026
„Ihr seid das Salz der Erde“ (Mt5,13) so hören wir es an diesem Sonntag im Evangelium. Was kann das heute bedeuten? Politische, wirtschaftliche, soziale und ökologische Herausforderungen haben dazu geführt, dass internationale Partnerschaften unter Druck geraten. Eine zunehmend fragmentierte Welt ist von massiven Entsolidarisierungsprozessen geprägt. Das zeigt sich beispielsweise im eklatanten und folgenreichen Rückgang der Entwicklungshilfe.
Auf diesem Hintergrund haben mich eine Veröffentlichung und ein langes Gespräch mit dem Soziologen Hans Joas bewegt. Er beschreibt, wie sich in den Jahrhunderten vor Christus unabhängig voneinander jedoch zeitgleich im Konfuzianismus, dem Buddhismus, dem Judentum und der Stoa ein Weltverständnis entwickelt, das er als „moralischen Universalismus“ beschreibt. Gemeint ist „die Fähigkeit und Bereitschaft, ein Geschehen aus der Perspektive anderer zu sehen und Handlungen danach zu bewerten, was sie für diejenigen bedeuten, die nicht zum Kollektiv gehören“.
Aktuell erleben wir dazu eine massive Gegenbewegung. Markant brachte dies der kanadische Premierministers Mark Carney auf den Punkt, als er kürzlich beim Weltwirtschaftsforum in Davos von einer Welt sprach, in der „die regelbasierte Ordnung verblasst“ und der Eindruck entstehe, „dass die Starken tun können, was sie können, und die Schwachen leiden müssen, was sie müssen“.
Hier sind wir als Christen und als Theologen herausgefordert. Wir haben die tiefe Überzeugung, dass die Würde des Menschen unverfügbar ist und bleibt, weil der Mensch von Gott selbst mit dieser Würde ausgestattet ist. Ein moralischer Universalismus zielt genau darauf, diese Würde auch jenen zuzuerkennen, die jenseits des eigenen Kollektivs leben.
In der Tat: Wie dies Hans Joas beschreibt, ist die Erkenntnis solcher Werte selbst geschichtlich vermittelt. Ebenso ist die Entwicklung hin zu einem universalen Verständnis von Menschenwürde – etwa in der Charta der Vereinten Nationen von 1945 – ein historisch-kontingenter Prozess. Dieser Umstand relativiert jedoch nicht den erkannten Wert selbst. Im gegenwärtigen Diskurs ist es unsere Aufgabe, präzise zu unterscheiden zwischen dem geschichtlichen Vorgang der Erkenntnis einerseits und der Universalgültigkeit des darin aufscheinenden Wertes andererseits.
Die Ausführungen von Hans Joas verweisen mich darauf, dass es eine unserer vorrangigen Aufgaben als Kirche heute ist – zusammen mit Menschen anderer Weltanschauung – diese Universalgültigkeit zu betonen. Das bedeutet für mich, den Auftrag Jesu „Salz der Erde“ zu sein, heute zu leben.
Bischof Dr. Michael Gerber, Fulda
