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Kathrin Karban-Völkl: Handelsbeziehungen
(Foto: Kathrin Karban-Völkl)
Kommentar der Woche:
Handelsbeziehungen
Kathrin Karban-Völkl, Kemnath (Foto: Basis-online.net)
Kathrin Karban-Völkl
Handelsbeziehungen
28.01.2026
Preisverhandlungen waren noch nie mein Ding. Als ich 2002 auf dem berühmten Otavalo-Markt in Ecuador einkaufte, wunderten sich vielleicht so manche Verkäufer über die junge Frau, die für farbenfrohe Schals und Ponchos ohne Muh und Mäh den ausgewiesenen Preis bezahlte.
Umso mehr bewundere ich PolitikerInnen, wenn sie Handelsbeziehungen anbahnen, ausloten und festigen. Ob ich sie darum beneide? Sicher nicht. Doch was ich weiß: Es braucht Beziehungen, um miteinander durchs Leben zu kommen. Das war schon immer so. Selbst und vor allem damals, als unsere Vorfahren als Jäger und Sammler Fell gegen Korn tauschten. Und das wird es hoffentlich auch immer bleiben. Umso wichtiger also, gute Beziehungen auszuhandeln und sich aufeinander verlassen zu können.
Wenn es gut läuft, dann hat man sich im Laufe des Lebens so einiges „ausgehandelt“ und ein Geben und Nehmen hat sich eingespielt: Vom Annehmen der Pakete für die Nachbarschaft über das Schneeschippen für eine ältere Dame, den Weg zum Brotwagen für die berufstätige Freundin, den Taxidienst zum Bahnhof und das Teilen der (stets viel zu vielen) Gemüsesetzlinge im Frühjahr bis zum Ausleihen von guten Büchern, Fahrrädern, Heckenscheren und Isomatten.
Doch Beziehungen hin oder her: Die Frage ist, was kommt zuerst? Die Beziehung oder der Blick darauf, was mir der andere bieten kann? Ich glaube und hoffe, dass wir im zwischenmenschlichen Kontext hier anders unterwegs sind als auf der politischen Bühne. Wenn wir jemanden kennenlernen, dann überlegen wir hoffentlich nicht sofort, ob uns die Beziehung zu dieser Person persönlich etwas bringen kann. Erst später, oft rein zufällig, wird deutlich, welche Stärken der andere hat und wie wir einander im steten Auf und Ab des Lebens unterstützen können. Ob bei der Steuererklärung, beim Anlegen eines Hochbeets, bei den Überlegungen für eine neue Heizung, dem richtigen Holzstoßschichten oder einfach mal mit einem offenen Ohr für Alltagsplauderei.
Ein Jesuswort kommt mir dabei in den Sinn: „Was willst du, dass ich dir tue?“ Die Behutsamkeit, die aus diesem Satz spricht, rührt mich. Jesus drängt sich nicht auf, er bietet sich und seine Heilkraft vielmehr an. Der Blinde kann selbst entscheiden, ob er die Hilfe annehmen mag. Das Wichtigste dabei: Er fühlt sich gesehen. Gesehen werden: Vielleicht steckt darin das Geheimnis guter zwischenmenschlicher Beziehungen. Einander sehen, wertschätzen und behutsam fragen, was wir einander tun können – ohne im Kopf bereits einen profitablen Tauschhandel auszufeilen.
So richtig ins Gewicht fällt all das, wenn man nicht kann, wie man möchte. Als ich krankheitsbedingt eingeschränkt war, durfte ich genau das spüren und staune noch heute über all das, was vor unserer Haustür gelandet ist: Ein großer Topf Suppe, drei Dosen Plätzchen, ein Bastelpaket, ein selbstgemachter Smoothie, eine Witzesammlung, ein leckerer Stollen, Bücherpakete für lange Winterabende, Kerzennachschub, eine Musik-CD und ganz viel Honig. Auch wenn vieles längst aufgegessen und aufgebraucht ist, zehre ich immer noch von der Dankbarkeit für das gute Beziehungsnetz, das ich mir scheinbar ausgehandelt habe. Und freue mich darauf, selbst wieder fragen zu dürfen: „Was willst du, dass ich dir tue?“
Kathrin Karban-Völkl, Kemnath – Texterin www.diewortmacherei.de
