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18. November 2021 | Worte des Bewegungsleiters | 

Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen


Jahresbitte 2020/2021 der Schönstatt-Bewegung in Deutschland (Foto: pixabay)

Jahresbitte 2020/2021 der Schönstatt-Bewegung in Deutschland (Foto: pixabay)

Liebe Mitglieder und Freunde der Schönstatt–Bewegung,
liebe Leserinnen und Leser von www.schoenstatt.de,

Es gibt sie, die letzte Infragestellung des Lebens, die Momente, in denen alle Planungen über den Haufen geworfen sind, die Erschütterung, die alles, was bisher gut war, verdunkelt. Die herbstliche Stimmung des Novembers lädt ein zu einer besonderen Besinnlichkeit und Nachdenklichkeit.

„Gestern noch war meine Welt ganz bunt und schön und weit – heute hat sie einen Riss, so tief, dass alles schreit.“

So lautet eine Liedstrophe aus dem Musical „Gottesspiel“ von Wilfried Röhrig (vgl. die Rückseite dieses Bündnisbriefes). Ganz sicher kennt jeder von uns in seiner Umgebung oder in seiner Verwandtschaft solche schicksalhaften Situationen. Personen zu kennen oder ihnen nahe zu sein, die in eine derart schmerzliche Situation geraten, macht jeden zu einem Mitbetroffenen. Danebenstehen lässt einen die Ohnmacht manchmal sogar besonders tief spüren. Noch nie gab es eine Generation, die mit einer so großen Selbstverständlichkeit eine andauernd weiterwachsende Fülle von schlimmen Nachrichten und Informationen in sich aufnimmt, wie wir das heute tun. Es geht gar nicht anders, als dass man vieles an sich ablaufen lässt wie Regen an einem Regenmantel. Nicht nur als Katastrophenmeldungen, sondern auch als ganz normale und zum Leben dazugehörende Information, hören wir immer wieder in den Nachrichten von vielen mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten, die in hohem Alter oder durch eine Krankheit verstorben sind. Ich glaube, man kann nicht sagen, dass Tod und Sterben aus dem öffentlichen Bewusstsein nur ausgeklammert würden.

Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen (Röm 5,5) (Foto: congerdesign, pixabay.com)

(Foto: congerdesign, pixabay.com)

Und doch erstaunt es mich, dass die Frage nach dem Danach und nach dem Jenseits kaum gestellt wird. Im Zusammenhang mit Karfreitag und Ostern und mit den Feiertagen im November sind Rituale und Ausdrucksformen entstanden, die sich mit dem Sterben und dem Glauben an das Leben nach dem Tod auseinandersetzen. Erst als ich Pfarrkirchen auf dem Land in kleinen Orten kennengelernt habe, habe ich Friedhöfe gesehen, die direkt um die Kirche herum angelegt waren. Man ging also an den Gräbern von Familienangehörigen vorbei zum Sonntagsgottesdienst. Jeder Sonntag ein kleines Osterfest, das wie von selbst mit dem Leben und Sterben in der eigenen Familie in Verbindung gebracht wird. In einer großen Stadt mit Zentralfriedhof ist das anders. Nicht nur äußerlich ist das Gebäude der Kirche und der Friedhof viel weiter auseinander. In dem bunten Mosaik von vielen Möglichkeiten und Aspekten, die das moderne Leben uns bietet, steht alles nebeneinander. Alles ist gleichermaßen wichtig und unwichtig. Letztgültiges und sogar Ewiggültiges kann man sich gar nicht mehr so richtig vorstellen.

Hoffnung auf Vollendung – wenn ein Mensch in jugendlichem Alter stirbt

Wenn ein junger Mensch stirbt, spüren wir das Unvollendete dieses Lebens besonders. Es liegt so viel Möglichkeit und Vielversprechendes in einem jungen Leben. Vieles könnte sich noch verwirklichen. Und auch zu einem langen Leben, das reich an Jahren und Erfahrungen ist, gehören unerfüllte Hoffnungen und schmerzliche Enttäuschungen. Es liegt eine größere Sehnsucht im Menschen, als das irdische Leben erfüllen kann.

Im letzten Jahr wurden viele Menschen aufmerksam auf einen italienischen Jugendlichen, der im Alter von 15 Jahren überraschend an Leukämie erkrankte und innerhalb sehr kurzer Zeit verstarb. Am 10. Oktober 2020 wurde Carlo Acutis von Papst Franziskus seliggesprochen. Er hatte eine besondere Freude und Befähigung im Informatikbereich und hat dies zum Weg seines apostolischen Engagements gemacht. Das Leben mit dem Sakrament der Eucharistie, Gebet im Alltag und soziales und apostolisches Engagement zeichneten ihn aus.

Auch in Deutschland wurde das Sterben eines jungen Mannes von vielen und besonders jungen Menschen im Internet verfolgt: Philipp Mickenbecker verstarb am 9. Juni 2021 im Alter von 23 Jahren. Er war ein Influencer oder YouTube-Star, wie man heute sagt, der viele Internet-Follower hatte. Seine sich wiederholende Krebserkrankung hat er ausführlich in verschiedenen Videobeiträgen mit der Öffentlichkeit geteilt. In verschiedenen Medien wurde auch darauf hingewiesen, dass er in dieser Zeit wieder den Glauben an Gott und an ein Leben nach dem Tod gefunden hat. „Für viele ist es erstaunlich, wie gefasst und offen der YouTube-Star mit seiner Krankheit umgeht. Dass er trotz der Diagnose nur so vor Lebensfreude sprüht, hat einen Grund. Als Philipp das zweite Mal an Krebs erkrankte, fand er seinen Glauben zu Gott, und dieser schenkt ihm Kraft und Hoffnung. Besonders die Hiobs-Geschichte aus der Bibel inspiriert ihn unter den momentanen Umständen.“* Und obwohl er selber durch die Möglichkeiten des Internets bekannt geworden ist, ist sein Rat an alle jungen Menschen, die sich für seine Geschichte interessieren: „Verschwendet eure Zeit nicht mit Social Media oder Computerspielen. … Geht raus ins echte Leben und tut was!“*

Ich merke, dass mir der öffentliche Umgang in den sozialen Medien mit so tiefen menschlichen und persönlichen Themen fremd ist und mich eigenartig berührt. Ich wünsche mir zwar das öffentliche Glaubenszeugnis und doch auch gleichzeitig eine große Diskretheit, wenn es um die gläubige Innenseite von Lebenssituationen geht. Schweigen über unseren Glauben und unsere Hoffnung angesichts von Leid und Tod dürfen wir Christen auf jeden Fall nicht. Und da macht es keinen Unterschied, ob wir das Sterben von jungen oder alten Menschen begleiten dürfen.

„Heimwärts zum Vater geht unser Weg“

Wer schon einmal in Schönstatt in der Dreifaltigkeitskirche war, kann in der Seitenkapelle mit der Grablege von Pater Kentenich die Stelle sehen, wo er verstorben ist. Nachdem er das erste Mal die Möglichkeit hatte, in der neu eingeweihten Kirche die heilige Messe zu feiern, konnte er in der Sakristei noch die priesterlichen Gewänder ablegen und sank dann zusammen und verstarb. An dieser Stelle liegt heute ein Teppich, in den das Wort eingewoben ist „Heimwärts zum Vater geht unser Weg“. Die christliche Auferstehungshoffnung ist eine Hoffnung auf Vollendung in einer besonderen Weise. Die ewige Heimat, zu der wir heimkehren dürfen, ist die unendliche Liebe des himmlischen Vaters. Diese Beziehung zu Gott, das Liebesbündnis mit ihm wird sich vollenden, wie unerfüllt und unvollendet und verfehlt auch die irdischen Wege sein mögen. Jesus ist uns durch Kreuz und Tod vorangegangen und tritt immer für uns ein. Er hat versprochen, dass er im Haus des Vaters, das viele Wohnungen hat, einen Platz für uns vorbereitet.

Diese österliche Erfahrung, die die Evangelien und die Apostel bezeugen, hat die junge christliche Gemeinde von Anfang an bestimmt. Sie ist das innere Feuer aller christlichen Verkündigung und aller christlichen Hoffnung.

Dieses Licht und diese Freude wünsche ich Ihnen, auch wenn der November viele graue Tage hat!

P. Ludwig Güthlein
Schönstatt-Bewegung Deutschland


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