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2. Dezember 2020 | Deutschland | 

Ein hohes Maß an Wagemut – Gedanken zum 8. Dezember 2020 – Hundert Jahre Frauenbewegung Schönstatts (Teil I)


Die Grafik stellt zwei Gesichter dar: Gertraud von Bullion (1891-1930) und Marie Christmann (1881-1971)

Die Grafik stellt zwei Gesichter dar: Gertraud von Bullion (1891-1930) und Marie Christmann (1881-1971)

Alicja Kostka. Gertraud von Bullion (1891-1930) und Marie Christmann (1881-1971) haben sich am 8. Dezember 1920 der Gottesmutter von Schönstatt geweiht und somit den Grundstein für die Frauenbewegung Schönstatts gelegt – so die Deutung des Gründers Schönstatts, Pater Josef Kentenich, bei mehreren Reflektionen über dieses Geschehen.

Der Kontext der Weihe und ihrer Auswirkungen

Warum war dieser Schritt, von den beiden jungen Frauen aus gesehen, höchst wagemutig? Im Jahr 1919 entstand die erste organisatorische Form Schönstatts, der Apostolische Bund. Dieser, als eine Gemeinschaft für die Formung geprägter Persönlichkeiten, die ihre christliche Berufung wahrnehmen und als Sauerteig in ihrer Umgebung wirken, bestand zunächst nur aus Männern. Die Organisation ist aus der Marianischen Kongregation der Pallottiner-Gymnasiasten in Vallendar-Schönstatt hervorgegangen. Deren Mitglieder haben während des ersten Weltkrieges an den Fronten Europas als Sodalen gewirkt und vom erlebten Gnadenaufbruch rund um das kleine Kapellchen der Gottesmutter in Schönstatt Zeugnis gegeben. Mit einem von ihnen, Franz-Xaver Salzhuber, kam die junge Gräfin von Bullion in Kontakt. Sie war als Rote-Kreuz-Schwester in Lazaretten an der Ost- und Westfront eingesetzt. Von diesem Sodalen und seinen Kommilitonen, wie auch aus der Zeitschrift „MTA“, die von ihnen mitredigiert war, konnte sie die Entwicklung der jungen Bewegung mitverfolgen. Das Feuer sprang über.

Ein kleiner Anfang mit großer Weite

Gertraud von Bullion, eine gut ausgebildete junge Frau aus Augsburg, zu diesem Zeitpunkt Ende zwanzig Jahre alt, sah in den Zielsetzungen des Apostolischen Bundes durchaus Platz für sich und generell für Frauen und fragte nach Möglichkeiten, sich diesem „Bunde“ anzuschließen. Zunächst wurde sie – wie auch einige andere interessierte Frauen – in die gerade ins Leben gerufene Apostolische Liga aufgenommen, die für weiteste Kreise geöffnet war und die zusammen mit dem Apostolischen Bund die Apostolische Bewegung von Schönstatt bilden sollte.

Für Pater Kentenich selbst war der Gedanke nicht fremd, Frauen in die Bewegung aufzunehmen. Wie es seiner üblichen Vorgehensweise aber entsprach, wartete er allerdings darauf, ob das Leben diese Intuition bestätigte. Gerade dies ist durch einzelne Anfragen von Frauen während des Krieges geschehen. Gertraud von Bullion sollte nun weitere Frauen für eine Gruppe suchen. Ihr Interesse war aber bei der Apostolischen Liga nicht gestillt. Vielmehr erkundigte sie sich nach Möglichkeiten und Voraussetzungen, eine „Bundesgruppe für Frauen“ zu gründen.

Von Seiten der Verantwortlichen, Pater Josef Kentenich, dem Leiter des Apostolischen Bundes und seinem Mitarbeiter, Pater Michael Kolb, kam man diesem Wunsch entgegen. Als erste gewann Gertraud ihre Cousine Marie Christmann, ebenfalls aus adeligem Hause, die auch nach einem Platz für ihr Leben suchte. Die beiden jungen Frauen setzten am 8. Dezember 1920 einen kleinen Anfang und weihten sich im Sinne des Apostolischen Bundes von Schönstatt der Dreimal Wunderbaren Mutter - der Beginn der Frauenbewegung in Schönstatt.

Der Schluss dieses Geschehens war überaus schöpferisch – wie Pater Kentenich reflektierend in einem Festvortrag nach 10 Jahren kommentiert: Die Erstlinge der Frauenbewegung wurden in die Liga aufgenommen – sie haben sich aber gleich als Bund konstituiert (8. Dezember 1930).

Eine pfingstliche Explosion beginnt

Worin lag nun der Wagemut dieses Schrittes? Gertraud und Marie konnten nicht erahnen, was ihrer Weihe folgen und was aus ihr entstehen sollte. Eine große Sehnsucht und Hoffnung leitete sie und sie gaben dieser in ihrem Leben Raum für eine mögliche Entwicklung. Schon im darauffolgenden Jahr, im Sommer 1921, fand in Schönstatt die erste Frauentagung mit 35 Teilnehmerinnen statt. 1925 folgte die „ewige Weihe“ dieser Pionierinnen, die sich damit noch entschiedener – ja „ganz“ für das Anliegen der jungen Bewegung zur Verfügung stellten – sie ließen sich weiterhin von der Gnade führen. In diesem Jahr 1925 zogen die ersten drei, darunter auch Marie Christmann, nach Schönstatt, um hauptberuflich für die wachsende Bewegung da zu sein. Am 1. Oktober 1926 entwickelte sich aus dieser Keimzelle die Gemeinschaft der Schönstätter Marienschwestern.

In den 30er Jahren fand die weibliche Jugend ihre Heimat beim Heiligtum in Schönstatt. In den 40er Jahren entwickelte sich aus dem Strombett des Apostolischen Bundes das Säkularinstitut der Frauen von Schönstatt, das sich 1946 konstituierte. Gleichzeitig folgte die internationale Ausbreitung der Marienschwestern. Angesichts dieser raschen Entwicklung unternahm Pater Josef Kentenich nach seiner Rückkehr aus Dachau die Neugründung des Apostolischen Bundes, der fast in seiner Ganzheit in das Säkularinstitut der Frauen von Schönstatt übergegangen war. Er war überzeugt, dass ohne den Bund dem Schönstatt-Werk ein wesentliches Format fehlen würde, das für eine Balance zwischen Freiheit und Bindung steht. Gemeinschaften für Familien und Mütter entfalteten sich ebenfalls intensiv in diesem Zeitraum.

„Nichts ohne uns…“

Am Anfang der Frauenbewegung Schönstatts standen junge Frauen, die vom Wunsch gedrängt waren, die Welt christlich zu gestalten. In Schönstatt fanden sie eine Möglichkeit dazu und eine reiche Inspirationsquelle für die persönliche Entfaltung. Ihrer Weihe folgten Taten - die Protagonistinnen der ersten Stunde haben sich für die entstehenden Gemeinschaften mit Leib und Seele eingesetzt.

Gertraud von Bullion gab der Gemeinschaft des Apostolischen Bundes für immer ihr Gesicht und auch ein erkennbares Profil. Sie scheute sich auch nicht, Gott ihr Leben für den Aufbau des Apostolischen Bundes anzubieten. Am Ende eines langen Krankheitsweges starb sie im Alter von knapp 40 Jahren.

Marie Christmann kam schon am 1. September 1922 hauptamtlich nach Schönstatt und war zunächst beim Schriftenversand tätig. Als Marienschwester erhielt sie den Namen Maria Magdalena. Zunächst engagierte sie sich in einem regen Schriften-Apostolat, war dann u.a. bei der Bahnhofsmission in Ludwigshafen und als Seelsorgehelferin in Wien tätig.

Der Gründer Schönstatts, Pater Josef Kentenich, wusste den Einsatz dieser jungen Frauen zu schätzen. Bei der Gründung des Schönstattwerkes wollte er nie alleine handeln; schon beim Gründungsvorgang hatte er deutlich gesagt: „Wir – nicht ich!“ Im mutigen „Drängen“ und auch entschiedenen Engagement der ersten Frauen - die zwei hier genannten stehen für viele weitere - fand er ein tragbares Fundament, auf dem der Ausbau der Frauenbewegung erfolgen konnte. Im Festvortrag zum 8. Dezember 1930 sagte er in Anlehnung an Mt 16, 17: „Dürfen wir nicht aufjubeln, dass die Erstlinge der Bewegung diesen Glaubensakt gesetzt haben? Danken wir dafür… Selig, dass du geglaubt hast! Ja, selig, dass ihr geglaubt, die ihr damals mitbeteiligt wart, die ihr im Laufe der zehn Jahre den Glauben an die Sendung unserer Familie nicht nur nicht verloren, sondern immer wieder in uns geweckt und vertieft habt!“

100 Jahre später erfüllt uns tiefer Dank für diese beiden Frauen der ersten Stunde und für all die unzähligen Frauen in vielen Ländern, die im Laufe der Geschichte das besondere Charisma Schönstatts schöpferisch entfalteten und mit ihrem Leben Zeugnis gaben für die Wirksamkeit des Liebesbündnisses.


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