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18. Oktober 2020 | Deutschland | 

»Der Geist Gottes wohnt in eurer Mitte!« (1 Kor 3,16) – Klima wandeln


Jahresmotiv 2020/2021 der Schönstatt-Bewegung in Deutschland (Grafik: Maria Kiess / POS Brehm)

Jahresmotiv 2020/2021 der Schönstatt-Bewegung in Deutschland (Grafik: Maria Kiess / POS Brehm)

Liebe Mitglieder und Freunde der Schönstatt–Bewegung,
liebe Leserinnen und Leser von www.schoenstatt.de,

Das Jahresmotto für das kommende Jahr lautet weiterhin: »Der Geist Gottes wohnt in eurer Mitte!« (1 Kor 3,16) – Klima wandeln. Ein neues Titelbild des Bündnisbriefes regt zur Deutung an. Ein pfingstliches Rot prägt das ganze Bild. Der Geist Gottes umfasst alles. Er ist nicht nur da. In der Mitte zeigt sich ein markanter Weg. Er geht auf ein verheißungsvolles und leuchtendes gelbes Licht zu. Gehen wir darauf zu oder bricht dieses Licht von oben herein? Es ist ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft.

Cover des Bündnisbriefes ab Oktober 2020 (Gestaltung: POS, Brehm; Grafik: Maria Kiess)

Cover des Bündnisbriefes ab Oktober 2020 (Gestaltung: POS, Brehm; Grafik: Maria Kiess)

Zuversicht ist nicht so selbstverständlich. Veränderung liegt in der Luft. Unruhe ist spürbar. Auch Verunsicherung. Im politischen und wirtschaftlichen Bereich gibt es kaum andere Nachrichten. Auch im Raum der Kirche prägen Suche nach neuen Wegen und hohe Erwartungen viele Diskussionen. Es geht um das kirchliche Leben vor Ort und um den Beitrag der Kirche zum Leben der Menschen insgesamt. Papst Franziskus selbst spricht eindringlich zur ganzen Weltgemeinschaft der Völker davon, dass die Erfahrungen der Krise eine wirkliche Neuorientierung fordern. „Entweder wir kommen als Bessere heraus oder als Schlechtere“, sagte er kürzlich bei einer seiner Mittwochsansprachen. „Machen wir nach der Krise weiter mit diesem Wirtschaftssystem der sozialen Ungerechtigkeit und der Verachtung für Umweltschutz, die Sorge um die Schöpfung, das gemeinsame Haus?“ Im Oktober soll ein neues päpstliches Schreiben Perspektiven und Leitlinien für diese Neuausrichtung darlegen.

„Klima wandeln“ – Wie geht Veränderung?

Veränderung, Erneuerung, Entwicklung, Fortschritt, Wachstum, Revolution, Evolution, Innovation, Transformation … Es ist gar nicht schwer, eine lange Liste von Worten aufzuzählen, die unterschiedliche Aspekte von Veränderung benennen. Auch die Predigt Jesu und die Botschaft des Evangeliums sind davon geprägt. Wenn wir das im Blick haben, dürfen wir bei dieser Liste die Worte Umkehr und Bekehrung, Vergebung, Erlösung, Nachfolge und auch Auferstehung und Vollendung nicht übersehen und vergessen.

Geschieht Veränderung eher durch eine innere Erneuerung oder eher von außen durch neue Strukturen? Rechnen wir eher mit der Veränderung der Menschen durch neue Einsicht und neue Orientierung oder wird sich alles dadurch zum Besseren verändern, wenn neue Formen und Verhaltensweisen, neue Regeln und Vorgaben eingefordert werden? Wahrscheinlich ist das Entweder-oder dieser Fragen mehr falsch als richtig.

In der letzten Zeit ist mir immer häufiger das Wort Transformation aufgefallen, das die Veränderung zum Besseren beschreiben soll. Im Blick auf die Wirtschaft und die Gesellschaft scheint man ohne das Wort Transformation nicht mehr auszukommen. Im Blick auf die Autoindustrie ist da zum Beispiel eine umfassende Veränderung gemeint. Eine neue Form der Mobilität soll entstehen. Allein die Umstellungen der Produktion von Verbrennungsmotoren auf Elektroantrieb betrifft eine weitverzweigte Produktionskette von Forschung und Entwicklung, von Fertigungshallen und Zulieferern, von Finanzierung und Werbung. Planung allein wird eine so umfassende Veränderung nicht voraussehen und umsetzen können. Man hat ein Ziel vor Augen, aber erst auf dem Weg der Umsetzungen zeigen sich die Chancen und die Schwierigkeiten. Augenmaß und ständiges Lernen sind nötig.

Strukturlinien einer neuen Zeit

„Am Horizont zeigen sich – langsam deutlich erkennbar – die großen Strukturlinien einer neuen Weltordnung; eine alte Welt ist am Verbrennen.“ Dieses Wort schreibt Pater Kentenich in einem Brief aus der Gefangenschaft durch die Gestapo zum Jahreswechsel 1941/42. Interessant ist, dass er dieses Wort auch später selbst immer wieder zitiert.

In vielen Entwicklungen beobachtete er das Entstehen einer „neuen Weltordnung“. Tiefer als die Globalisierungen politischer Strukturen sah er die ganzheitliche und weltweite Veränderung aller Lebenszusammenhänge im Kleinen und im Großen. Wie kann das Leben eines Menschen und menschliches Zusammenleben in derart komplexen Lebensumständen so etwas wie Mitte, Verankerung und Sicherheit behalten, sodass menschliche Entfaltung und Freiheit möglich sind? Und wie kann diese komplexe und menschengemachte Welt durchsichtig bleiben auf Gott hin, in dem allein der Mensch sein Heil und seine Vollendung findet?

Er war überzeugt, dass in Schönstatt etwas gewachsen ist, in dem sich der Reichtum der christlichen Spiritualität und der christlichen Tradition „transformiert“ hat in eine Form des Glaubens und des Lebens, die eine „zeitergriffene und zeitüberwindende“ Antwort auf die modernen Lebensbedingungen darstellt. Und diese Transformation ist kein Theoriegebäude. Es ist vielmehr ein Gesamtbild aus vielen konkreten Lebensvorgängen und Ausdrucksformen. Schauen wir einmal mit dieser Überzeugung im Hinterkopf auf den Gnadenort Schönstatt. Was ist durch das kleine Heiligtum in Schönstatt geworden?

Eine kleine Kapelle, die in der ganzen Welt Beheimatung schenkt

Aus der Erfahrung des Heiligtums in Schönstatt ist für viele Menschen auf der Welt eine menschliche und geistliche Beheimatung geworden. Der konkrete Ort lebt aus der Weihe an die Gottesmutter, aus dem Liebesbündnis vom 18. Oktober 1914. Ein ganz konkretes Ereignis. Ein ganz konkreter Ort. Ganz persönliche Gebets- und Gnadenerfahrungen der jungen Studenten am Beginn des Ersten Weltkrieges. Das Liebesbündnis aber zieht Kreise. Und auch der Ort, das Kapellchen vervielfältigt sich. Die Bitte an die Gottesmutter, sie möge sich gleichsam niederlassen und es möge ein Ort der Gnade und der Erneuerung entstehen, wiederholt sich in vielen Ländern und an vielen Orten. In vielen Wohnungen und Häusern entstehen Hausheiligtümer. Die Gnade der Beheimatung wird erfahren vor Ort und ist gleichzeitig verbunden mit dem Ursprung in Schönstatt. In Schönstatt hat sich so eine Beheimatungserfahrung entwickelt, bei der eine wirkliche „Verortung“ auf der ganzen Welt zur Erfahrung wird. Was für ein Geschenk für eine globalisierte Welt, die geprägt ist von einer Entwurzelung und weltumspannender Mobilität und in der Bilder und Berichte aus jeder Ecke der Welt in jedem Wohnzimmer und auf jedem Smartphone permanent gegenwärtig sind.

Wenn wir in diesem Jahr am Gründungstag der Schönsatt-Bewegung unser Liebesbündnis erneuern, dann ist das ein ganz persönlicher Vorgang. Gleichzeitig dürfen wir aber staunen, dass unser persönlicher Weg im Liebesbündnis hineingenommen ist in eine Gnadenbewegung für den Weg der Kirche und der Welt in den Veränderungen unserer Zeit. In jeder Erneuerung des Liebesbündnisses sprechen wir wie Maria das Ja-Wort des Glaubens im Blick auf die Herausforderungen unseres Lebens.

Zum 18. Oktober, zum Bündnistag, wünsche ich uns in allen notwendigen Veränderungen gläubige Zuversicht und Offenheit für Gottes Gnade.

Mit einem herzlichen Gruß aus Schönstatt,

Ihr

P. Ludwig Güthlein
Schönstatt-Bewegung Deutschland


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