Nachrichten

13. Juli 2020 | Deutschland | 

Mir kommt es auf die „Heiligsprechung der Wahrheit“ an. Alles andere ist zunächst für mich Nebensache


Pater Angel Strada, Argentinier, ehemaliger Postulator für die Seligsprechung Pater Josef Kentenichs (Foto: Brehm)

Pater Angel Strada, Argentinier, ehemaliger Postulator für die Seligsprechung Pater Josef Kentenichs (Foto: Brehm)

Hbre/Cbre. Nicht die Heiligsprechung seiner Person, sondern die „Heiligsprechung der Wahrheit“ war Pater Josef Kentenich ein Anliegen: eine brauchbare Pastoral finden, um den Menschen in der heutigen Zeit Hilfen zu geben, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, ihren Auftrag für die Welt zu erkennen und alle von Gott geschenkten Fähigkeiten dafür einzusetzen. Pater Angel Strada hat den Schönstatt-Gründer in dessen letzten drei Lebensjahren noch kennen und schätzen gelernt. Danach war er 20 Jahre lang bis 2017 Postulator in dessen Seligsprechungsverfahren. Im Interview nimmt er Stellung zu einigen Fragen, die derzeit Menschen in der Schönstatt-Familie und darüber hinaus bewegen.

Pater Strada, Sie haben über 20 Jahre hinweg als Postulator für die Seligsprechung Pater Josef Kentenichs Dokumente gesammelt, geordnet, übersetzen lassen und für den Prozess bereitgestellt. Können Sie etwas zum Umfang und auch zur inhaltlichen Klassifizierung dieser Dokumente sagen?

Pater Kentenich hatte ein langes Leben und eine große Schaffenskraft. Er hat sehr viel geschrieben und gepredigt und das in vielen verschiedenen Ländern. So gibt es im Seligsprechungsverfahren 32.000 Dokumente, die über verschiedene Länder verstreut waren: Briefe, Gutachten, Schriften, Studien. Rom wurde angefragt, ob sie denn so viel Platz haben für diesen Umfang an Papier. Sie schlugen vor, dass die Geschichtskommission des Prozesses eine Auswahl treffen sollte. Diese hat 8 Jahre lang gearbeitet und 8.000 Dokumente, etwa 70.000 Seiten, zusammengestellt. In der Geschichtskommission arbeiteten Schönstätter und externe Personen zusammen.

In den Medien wird über mutmaßliche sittliche Verfehlungen des Schönstatt-Gründers Pater Josef Kentenich gesprochen. Was haben Sie dazu in den Akten gefunden?

In den bisher gesichteten Akten gibt es keine einzige Spur, die auf einen Fall von sexuellem Missbrauch hindeuten würde. Wenn es in den Dokumenten des bisherigen Geheimarchivs in Rom überzeugende Zeugnisse gibt, die einen Missbrauch klar beweisen, dann muss die Kirche entscheiden, den Seligsprechungsprozess zu beenden. Das wird dann unsere vollständige Unterstützung finden.

Findet man etwas über Machtmissbrauch in den Akten?

Was man findet, sind Aussagen von wenigen Schwestern, die sich von Pater Kentenich hart, ungerecht oder unverstanden behandelt fühlten. Diese Aussagen sind ernst zu nehmen, aber in einer Gemeinschaft von damals 1.500 Mitgliedern kann man ja auch nicht erwarten, dass alle mit allem einverstanden sind und sich verstanden fühlen.

In den Medien wird behauptet, dass der angeblich sexuelle Missbrauch der eigentliche Grund für die Verbannung des Gründers gewesen sei. Wurde dieser Grund jemals Pater Kentenich und auch der Bewegung mitgeteilt?

In den Dokumenten, die uns zugänglich sind und die wir an den Seligsprechungsprozess weitergegeben haben, fällt kein einziges Wort über sexuellen Missbrauch. Falls in den neuen Dokumenten, die wir jetzt noch nicht kennen, etwas darüber steht, wird das die neue Geschichtskommission kritisch prüfen.

Wie hat denn Pater Kentenich erfahren, dass er in die Verbannung muss und welche Begründung wurde ihm mitgeteilt?

Es gibt verschiedene Dekrete von Visitator Tromp, vom Heiligen Offizium und vom Generalsuperior der Pallottiner, jedes mit verschiedenen Inhalten. Nach Meinung des Heiligen Offiziums waren einige Entwicklungen in Schönstatt zu korrigieren. Sie sagten, das ist nicht möglich, wenn Kentenich da ist, denn er sei „unbelehrbar“. Weiter wird in einem Dokument die Behauptung einiger Bischöfe aufgegriffen, Pater Kentenich habe einen „Dachschaden“ erlitten, als er im KZ Dachau gewesen sei. In dem verlangten psychologischen Gutachten attestierte der Arzt sinngemäß: Eine Person, die aus dem KZ zurückkommt mit solcher Arbeitskraft, mit solchem Geist, mit einer derartigen Motivation, ist vollkommen normal.

"Das Heilige Offizium hatte die Praxis, keine Aufhebungs-Dokumente auszustellen." (Foto: Brehm)

"Das Heilige Offizium hatte die Praxis, keine Aufhebungs-Dokumente auszustellen." (Foto: Brehm)

Welche Dokumente des Vatikans gibt es, in denen eine Rehabilitierung Pater Kentenichs ausgesprochen wird und sind diese Dokumente öffentlich zugänglich?

Es gibt kein Dokument dazu. Das Heilige Offizium hatte die Praxis, keine Aufhebungs-Dokumente auszustellen. Es gibt nur ein einziges Dokument von der Aufhebung eines Dekretes gegen eine Holländerin, und das auch nur wegen des Drucks der Holländischen Bischöfe. Auch Henri de Lubac SJ, ein wichtiger Theologe der damaligen Zeit, erhielt kein Aufhebungsdokument. Er entnahm seine „Rehabilitierung“ der Tatsache, dass er später zum Konzilstheologen ernannt wurde.

Die Rehabilitierung Pater Kentenichs kann man folgenden Tatsachen entnehmen: Er kehrt von Milwaukee nach Rom zurück und macht mit Wissen des Heiligen Offiziums alle Sachen, die ihm vorher verboten waren: z.B. übernimmt er wieder die geistliche Leitung der Marienschwestern und der Schönstatt-Bewegung. Am 22. Dezember 1965 bekommt er eine Audienz bei Papst Paul VI. Die deutschen Bischöfe, die vom damaligen Münsteraner Bischof Joseph Höffner auf Anraten von Kardial Antoniutti einzeln befragt wurden, sind einverstanden, dass er nach Deutschland kommt. Sie wünschen ihm viel Segen und ein paar äußern: Hoffentlich ist er ruhiger geworden. Kardinal Antoniutti erhält von Bischof Höffner die positiven Antworten der deutschen Bischöfe und gibt darauf hin Pater Kentenich die volle Freiheit.

Im Dezember 1971 gibt es von Kardinal Ottaviani, dem Präfekt des Heiligen Offiziums eine 12-seitige Schrift, die sich „Erinnerungen an Pater Kentenich“ nennt, in denen er um Verzeihung bittet und sich entschuldigt, was Pater Kentenich angetan worden ist. Sein Sekretär, der spätere Kardinal Agustoni, gibt über Pater Kentenich ein sehr positives Zeugnis.

Eine natürliche Reaktion von vielen Mitgliedern der Bewegung ist: „Nach Rom ins Archiv gehen und die Akten selbst einsehen.“ Können Sie oder der Postulator, Pater Eduardo Aguirre, das nicht einfach tun, um selbst zu prüfen, ob es tatsächlich neue Fakten gibt, die bisher nicht schon bekannt waren?

Bischof Ackermann aus Trier ist dabei, eine Geschichtskommission einzusetzen und zu ernennen, die die neuen Dokumente aus dem Geheimarchiv von Pius XII. untersuchen wird. Pater Eduardo Aguirre hatte sich schon Anfang des Jahres bemüht, Zutritt zum Geheimarchiv zu erhalten, dann kam Corona und er konnte nichts mehr unternehmen. Derzeit ist er in Rom und bemüht sich um Akteneinsicht.

"Wir haben mit gutem Willen und viel Arbeit bei 120 zivilen und kirchlichen Archiven in Deutschland und im Ausland nach Dokumenten geforscht." (Foto: Brehm)

"Wir haben mit gutem Willen und viel Arbeit bei 120 zivilen und kirchlichen Archiven in Deutschland und im Ausland nach Dokumenten geforscht." (Foto: Brehm)

In der Öffentlichkeit wird gefordert, alle Akten ins Netz zu stellen und dadurch Transparenz herzustellen. Gibt es denn über das hinaus, was Ihnen bekannt ist und was der Kirche als Aktensammlung zum Seligsprechungsprozess übergeben wurde noch weitere Dokumente, die Schönstatt zur Verfügung stellen könnte?

Nein, da gibt es keine mehr. Wir haben mit gutem Willen und viel Arbeit bei 120 zivilen und kirchlichen Archiven in Deutschland und im Ausland nach Dokumenten geforscht. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass es noch weitere Dokumente gibt.

Jetzt, da die Dokumente in Rom freigegeben sind zur Einsicht, habe ich die Hoffnung, dass wir auch diese Dokumente bald einsehen können, und nicht nur die bis 1958, sondern auch die nächsten 10 Jahre noch bis 1968, bis zum Tod des Gründers.

Die Forscherin, die die anstehenden Anfragen an Pater Kentenich ins Rollen gebracht hat, benennt einen Kreis von 8 Schwestern, unter ihnen die ehemalige Generaloberin, die Kritik an Pater Kentenich nach Trier und Rom weitergegeben hätten.

Ja, das stimmt. Diese Briefe sind auch Bestandteil dieser 8.000 Dokumente, die für den Seligsprechungsprozess weitergegeben wurden. Dabei gibt es auch einen Brief der Generaloberin an Papst Pius XII. in dem sie schreibt, dass sie keinen Zweifel an der sittlichen Integrität des Gründers habe, die Frage sei, ob ein Nachfolger das Amt ebenso sittlich einwandfrei ausüben würde. Zudem bringt sie zum Ausdruck, dass es sie störe, dass es Schwestern gäbe, die den Gründer anhimmeln würden. Das ginge jedoch nicht vom Gründer aus, sondern von den Schwestern.

Warum war es denn Pater Kentenich wichtig, dass er Vater war für seine Gemeinschaften?

Er wusste auch durch sein eigenes Erleben, dass Menschen, die starke und gesunde Bindungen an andere Menschen haben, starke Bindungen an Gott ausbilden können. Um genau diese Weiterleitung an Gott ging es ihm: das Ausprägen starker Bindungen an Gott war ihm für die Bewegung wichtig. Und er hat diese Bindung bei vielen Mitgliedern ohne Zweifel erreicht.

In den Medien wird behauptet, dass das „Nihil obstat“, die Unbedenklichkeitserklärung, also die Voraussetzung für die Eröffnung des Seligsprechungsprozesses, ausschließlich auf der Grundlage der vom Antragsteller vorgelegten Unterlagen erteilt worden sei. Wie sehen Sie diesen Vorgang?

Als „Nihil Obstat“, um das es hier geht, wird ein Schreiben aus dem vatikanischen Staatssekretariat an den Bischof von Münster, Heinrich Tenhumberg, gewertet. Dort heißt es: „Nach eingehender Prüfung Ihrer Anfrage durch die zuständigen päpstlichen Behörden darf ich Sie darauf hinweisen, dass der Bischof von Trier als der zuständige Ortsbischof nach Maßgabe des kanonischen Rechtes von seiner Vollmacht gebrauch machen und den Informativprozess durchführen kann, wenn er die Voraussetzungen dazu gegeben sieht.“ In den darauffolgenden Jahren gibt es in dieser Sache Zuständigkeitsdiskussionen zwischen verschiedenen vatikanischen Behörden. Am 11. Januar 1991 erhält der Trierer Bischof, Dr. Hermann Josef Spital, der erneut nach dem Nihil Obstat fragt, von der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse den Bescheid: „Nach erneuter Untersuchung, wollen wir Ihre Exzellenz informieren, dass der Heilige Stuhl keinen Grund sieht, warum der Seligsprechungsprozess des Dieners Gottes Josef Kentenich, nicht eröffnet werden kann.“

Was hielt Pater Kentenich denn von einer Heiligsprechung seiner Person? War er daran interessiert?

Nein, ihm ging es nicht um die Heiligsprechung seiner Person, sondern um die „Heiligsprechung der Wahrheit“. Er schrieb 1951: „Ob Heiligkeit oder nicht, darauf kommt es zunächst nicht an. Es geht darum, ob Wahrheit eine verkäufliche Dirne ist oder ob alle ohne Ausnahme ihren Herrschaftswagen zu ziehen berufen sind. In gleicher Weise machte P. Tromp mich schon vorher darauf aufmerksam: wenn ich jetzt auch meiner Ämter enthoben würde, so dürfte ich doch damit rechnen, später einmal heiliggesprochen zu werden. Vielen anderen sei es in ähnlicher Lage auch so ergangen. Meine Antwort ist dieselbe: Mir kommt es auf die Heiligsprechung der Wahrheit an. Alles andere ist zunächst für mich Nebensache.“

"Wenn ich in der Barmherzigkeit Gottes Pater Kentenich im Himmel treffen kann, werde ich mich riesig freuen. Aber dann habe ich schon einige Fragen an ihn." - P. Strada (Foto: Brehm)

"Wenn ich in der Barmherzigkeit Gottes Pater Kentenich im Himmel treffen kann, werde ich mich riesig freuen. Aber dann habe ich schon einige Fragen an ihn." - P. Strada (Foto: Brehm)

Ist es zu persönlich, Sie zu fragen, wie Sie jetzt mit der ganzen Sache umgehen? Beeinflusst das ihre Beziehung zu ihm?

Wenn ich in der Barmherzigkeit Gottes Pater Kentenich im Himmel treffen kann, werde ich mich riesig freuen. Aber dann habe ich schon einige Fragen an ihn. Zum Beispiel würde ich ihn fragen, warum er in den Gesprächen mit Trier einen harten Ton angeschlagen hat.

Das passt nicht gut zusammen mit ganz anderen Erfahrungen, die viele Menschen mit ihm gemacht haben. Da wird er beschrieben als zugewandt, weiterführend, auf keinen Fall autoritär, emporbildend und sehr sensibel.

Ja, die Jungen, mit denen er am Anfang im Studienheim begonnen hat, haben ihn als eine Person erlebt, die sich fast wie eine Mutter auch um die kleinen Bedürfnisse des Alltages gekümmert hat.

Also bei der Verteidigung seiner Lehre und seiner Sache …

… da war er hart, Ja. Aber im Kontakt mit den Menschen war er gütig und interessiert und zugewandt. So habe ich ihn auch erlebt.

Heilige sind also Menschen, die auf bestimmten Gebieten vorbildlich sind, aber durchaus auch Fehler haben können?

Heiligkeit bedeutet nicht Fehlerlosigkeit. Der Heilige Petrus hat Jesus verleugnet. Der Heilige Paulus hat Christen verfolgt. Franz von Assisi hat alles andere als eine heiligmäßige Jugend geführt. … Nur die Engel können ohne Fehler sein.

Vielen Dank, Herr Pater Strada für das Gespräch.

Interview: Claudia und Heinrich Brehm

Top