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15. Oktober 2016 | Oktobertreffen2016 | 

Das Feuer des Anfangs und die nachfolgenden Generationen


Das Feuer des Anfangs
und die nachfolgenden Generationen

Eine Geschichte

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Vor allem in Osteuropa hat sich im 18. und 19. Jahrhundert die chassidische Bewegung als eine Strömung der jüdischen Mystik entwickelt.
Diese Strömung hat angefangen mit dem hochgeachteten Lehrer Baal-schem-tow. Den Fortgang der Bewegung beschreibt eine Geschichte:

Die Erinnerung an den großen geistlichen Lehrer des Anfangs hatte eine große Kraft.

Ein alter gelähmter Mann erzählte einmal davon, mit welcher Inbrunst der Meister gebetet und getanzt hat. Dabei begann er selber zu tanzen, und von da an war er geheilt.

Große geistliche Kraft ging vom Meister, dem Baal-schem, aus.

Selbst Wunder bewirkten seine Gebete.

Wenn er etwas Schwieriges zu erledigen hatte, irgendein geheimes Werk zum Nutzen der Geschöpfe, so ging er an eine bestimmte Stelle im Wald, zündete ein Feuer an und sprach, in mystische Meditationen versunken, Gebete –
und alles geschah, wie er es sich vorgenommen hatte.

Wenn eine Generation später der Maggid von Meseritz dasselbe zu tun hatte, ging er an jene Stelle im Wald und sagte:
Das Feuer können wir nicht mehr ma­chen, aber die Gebete können wir sprechen –
und alles ging nach seinem Willen.

Wieder eine Generation später sollte Rabbi Mosche Leib aus Sassow jene Tat vollbringen.
Auch er ging in den Wald und sagte:

Wir können kein Feuer mehr anzünden und wir kennen auch die geheimen Me­ditationen nicht mehr, die das Gebet beleben; aber wir kennen den Ort im Wald, wo all das hingehört, und das muss genügen. –
Und es genügte.

Als nun wieder eine Generation später Rabbi Israel von Rischin jene Tat zu voll­bringen hatte, da blieb er zu Hause in der Lehrstube und sagte:
Wir können kein Feuer machen, wir können keine Gebete sprechen, wir kennen auch den Ort nicht mehr, aber wir können die Geschichte davon erzählen.
Und? –
Seine Erzählung allein hatte dieselbe Wirkung wie die Taten der drei anderen.

Und auch in dieser Generation brannte das Feuer des Anfangs und wurden die Kranken geheilt.

Redigiert von Pater Ludwig Güthlein[1]


[1] Die chassidische Bewegung, beheimatet vor allem im osteuropäischen Judentum, erzählt eine Geschichte, die die Abfolge der Generationen und damit auch die Entwicklung dieser Be­wegung beschreibt. Die Betrachtung „Das Feuer des Anfangs“ ist eine Nacherzählung zweier Geschichten, die ich durch das Hören dieser Geschichten in mir hatte, bevor ich mich auf die Suche nach einem veröffentlichten Textbeleg machte. Die eine, die von der Heilung eines Gelähmten erzählt, bezieht sich auf einen Abschnitt in Martin Bubers „Die Erzählungen der Chassidim“ (Manesse, Zürich, S. 5 f.). Der größere Teil hat zwar keine Zitationszeichen, ist aber in sehr enger Anlehnung dem Schluss von Gershom Scholems Buch „Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen“ (Suhrkamp, Zürich, 11. Aufl. 2015, S. 384 f.) entnommen.

Das Thema Abfolge der Generationen und lebendiger Bezug zum Ursprungscharisma ist für die heute lebende und die Zukunft in den Blick nehmende Nachgründergeneration in der Schön­statt-Bewegung von existentieller Bedeutung. Bei allem, was mit der direkten Erfahrung der lebendigen Zeugen gegeben ist und den nachfolgenden Generationen nicht in gleicher Weise möglich ist, so spricht die Geschichte doch gerade davon, wie lebendig und wirksam der Bezug zum Ursprungscharisma bleibt, weil jedes Charisma ja selbst eine Vergegenwärtigung des immer neuen Handelns Gottes in der Geschichte ist und als aktuelles Geschenk in Menschen und in ihren Gaben und Charismen geschieht.


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