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7. Oktober 2016 | Impuls aus Schönstatt | 

National-konservative Strömungen


Impuls aus Schönstatt (Foto: Brehm)

Nicht nur in Russland, in der Türkei, Ungarn und den USA: auch sonst ist in vielen westlichen Ländern eine erstarkende national-konservative Bewegung zu beobachten, die in die Politik Einzug gehalten hat. Nun auch bei uns in Deutschland. Hierzu einige Beobachtungen und Deutungsversuche.

1. Kontrollverlust führt zu Angst

Wer einen Blick in die Medien tut, kann sich des Eindruckes nicht erwehren, als sei man sich in Deutschland mittlerweile darüber einig, dass es ein „Fehler“ war, als vor einem Jahr die Flüchtlingsströme ins Land kamen. Die Berichterstattung bestätigt damit eine Stimmung in der Bevölkerung, dass die damalige Lage außer Kontrolle zu gehen drohte. Als die Polizei in der Silvesternacht in Köln die Bürger (= Frauen) nicht mehr schützen konnte, war das für einen Gutteil der Bevölkerung Beweis genug, dass wir im eigenen Land nicht mehr sicher sein können. Dann kamen im Sommer die Terror-Anschläge auch in unserem Land.

Für die Menschen bleiben zu viele Unbekannten: wie viele Menschen gekommen sind; was sie vorhaben; welche Gründe sie bewegen (Lebensbedrohung oder wirtschaftliche Gründe); von Seiten der Politiker zu viele nebulöse Auskünfte; Beschwichtigungen und Dementis, die sich als falsch erwiesen haben, … All das schürt das Misstrauen in die politische Führung des Landes.

Die AfD konnte diese Stimmung für sich nutzen und mit zweistelligen Prozentsätzen bei den letzten Landtagswahlen in die Parlamente einziehen. Sie mobilisierte Nichtwähler und zog Wähler von anderen Parteien auf ihre Seite. Die Partei will eine Alternative gegenüber etablierten Parteien anbieten und zielt auf das rechte, konservative Spektrum der Gesellschaft, das in fast allen Bevölkerungsschichten Sympathisanten hat. Der Wahlerfolg erklärt sich zu zwei Dritteln jedoch als Ausdruck von Frustration und Protest gegenüber den bisherigen Parteien und der Demokratie insgesamt. 90% ihrer Wähler glauben nicht, dass die AfD „die Probleme löst“, aber sie wenigstens beim Namen nennt (Infratest). Hinter dem Vertrauensverlust verbirgt sich eine oft nicht greifbare Angst vor dem Unbekannten und eine tiefe Verunsicherung.

2. Für sich selber sorgen wollen

Beim Versuch, die national-konservative Position zu verstehen, stößt man auf die Sorge, die Kontrolle über das eigene Wohl und Wehe, die nationale Selbstbestimmung, zu verlieren. So hört man im rechten Lager: „Wir haben mit dem Euro unsere Währung mit anderen Ländern zusammengebunden, die wirtschaftlich schlechter dastehen, und haben dein Eindruck, diese ständig stützen zu müssen: die D-Mark soll wieder her.“ Oder: „In Brüssel werden Gesetze gemacht, an die sich unsere Parlamente halten müssen, auch wenn es gegen unsere Überzeugung ist: wir wollen wieder selber bestimmen.“ Oder: „Wer weiß, ob die Flüchtlingsströme von hunderttausenden von muslimischen jungen Männern nicht doch von irgendjemand gewollt und gesteuert werden?“

3. Nationale Reflexe und Ethnozentrismus

Angesichts von realen und vermuteten Unsicherheiten wachsen die nationalen Reflexe. Das Eigene wird betont, die eigene Art, das eigene Territorium. Etwas für sich tun können und wollen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen und ohne die Probleme der anderen irgendwo auf der Welt lösen zu müssen, das erscheint per se plausibel. So haben schon unsere Vorfahren über tausende von Jahren überlebt. Ein archaischer Stamm hat genau das geleistet: nach innen und zu den eigenen Leuten Sicherheit und Lebensmöglichkeit; nach außen Abgrenzung und Abwehr von Feinden.

4. Identität und Sicherheit

Die Stammeszugehörigkeit war wesentlich für die eigene Identität und bot Sicherheit. Diese Funktion haben die Nationalstaaten übernommen, die mehr oder weniger in der jetzigen Gestalt sich erst im 19. Jahrhundert herausgebildet haben. Dabei sind aus politischen Gründen manchmal zufällige Grenzen zwischen früheren Stämmen und verwandten Volksgruppen entstanden, so dass die Gleichung Volk = Nationalstaat nicht aufgeht. Immer haben sich auf Territorien nationale Identitäten verschoben, es wurden zugewanderte Bevölkerungsgruppen integriert, man hat sich vermischt; was und wer zur Nation gehört, hat sich fortwährend weiterentwickelt. Auf demselben Territorium können verschiedene Völker zusammenleben und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickeln, ebenso wie sie Fremdheit kultivieren können.

5. Auflösung der nationalen Identität in der pluriformen Gesellschaft

Nationale Identität ist nicht einfach angeboren und vererbt, sondern wird erlernt und beruht auf sprachlicher Verwandtschaft, Verhaltenseigenheiten, kulturellen Ausprägungsformen, erinnerter Geschichte und auf einem Regelkonsens, den man als spezifisch und unterschiedlich zu anderen empfindet. In der multikulturellen und pluriformen Gesellschaft sind diese identitätsstiftenden Gemeinsamkeiten so verwischt, dass sie kaum noch Halt geben können für die eigene gefährdete Existenz. Strömen dann noch Massen von fremden Menschen ins Land, dann kommt es zu einer Rückwärtsorientierung, die jedoch geschichtliche Fakten nicht immer so genau nimmt. Gemessen an den wirtschaftlichen Möglichkeiten unseres Landes und Europas sind die Angstgefühle und Sorgen vor Überforderung durch den Zustrom überproportional.

6 Nationale Identität neu finden

Die Frage nach der nationalen und kulturellen Identität muss aber neu gestellt werden. Es braucht ein sicheres Grundgefühl von eigener (auch nationaler) Identität, um den Anderen ohne Angst begegnen zu können. Ab- und Ausgrenzung allein kann nicht die Antwort sein, wie auch eine Protestwahl ohne die Überzeugung, dass die neuen Kräfte Lösungen anbieten, eher das Vakuum einer nationalen Identität offenbart als dazu beiträgt, dieses zu füllen. Wenn sich in unserer Gesellschaft der Wertekonsens tendenziell auf „Toleranz“ im Sinne von „Jeder kann denken und tun, was er will – was kümmert mich das?“ reduziert, dann hat man sich von einer gemeinsamen Identität verabschiedet. Zumindest die Würde eines jeden Menschen und seine Freiheit ist verfassungsgemäße Grundlage unserer Gesellschaft und Grenze von Beliebigkeit, auf die sich auch künftig die nationale Identität aufbauen muss. Aber reicht das aus?

7. Der christliche Beitrag zu einer verbindenden Identität

Der Beitrag der Christen geht weit über einen schmalen Konsens hinaus. Denn neben ganz allgemeinen Grundwerten bietet die christliche Religion ein Wertegebäude und stärkt auf einer übergeordneten Ebene Identität, die sich vor anderen von außen kommenden Identitäten nicht zu verstecken braucht. Zwar ist die traditionelle christliche Kultur nur noch in Spuren vorhanden, aber das Christentum hat wie in allen Jahrhunderten vorher das Potential, eine neue zeitgemäße Gestalt anzunehmen. Identität entwickelt sich in der Spannung zwischen Pflege eines geschützten Binnenraumes und der Begegnung mit dem Anderen, welche das Eigene konturiert und Neues assimiliert. Wer stark identifiziert ist, braucht die Begegnung nicht zu fürchten, sondern wird sie als Bereicherung empfinden. Wir brauchen Christen, die froh und selbstbewusst ihren Glauben leben und sich in die Gesellschaft einbringen.

Redaktion Impuls
P. Lothar Herter

Leserbeiträge

Peter Speth, Klingenberg (Main) am 8. Oktober um 18:36

Die "Volks"-Parteien vertreten oft nur die Interessen des Großkapitals, und nicht der "kleinen" Leute. Daher haben es populistische Parteien leicht, Protest-und bisherige Nichtwähler auf ihre Seite zu ziehen.

Wolfgang Fischer, Wasserburg am Inn, am 8. Oktober um 23:10 über facebook

Nationalismus ist wohl eher eíne Fehlentwicklung des 19. Jahrhunderts. Schon im Mittelalter dachte man regional und international!

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