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17. Juni 2016 | Impuls aus Schönstatt | 

Das christliche Abendland


Impuls aus Schönstatt (Foto: Brehm)

Wenn wir gegenwärtig den Begriff des „christlichen Abendlandes“ hören, schrillen alle Alarmglocken. Da gibt es in Deutschland, besonders in dessen Osten, nationalistisch gesinnte Gruppierungen, die dieses christliche Abendland gegen Fremde mittels Ausgrenzung und Abschottung verteidigen wollen. Der Kampf richtet sich besonders gegen den Islam, dem Übernahme-Strategien im Blick auf Europa unterstellt werden. Die Wahlsiege der AfD zeigen, dass diese Vorstellung mehr Boden in Deutschland gefasst hat, als anderen lieb ist.

Die meisten Deutschen werden Ausschreitungen gegen Flüchtlinge und deren Unterkünfte verurteilen. Doch wird wohl eine größere Zahl, ausgesprochen oder unausgesprochen, die Ängste und Vorwürfe teilen: „Die Kulturen sind zu unterschiedlich. Sie passen nicht zusammen.“

Begriffsgeschichte

Wie sich der Begriff des christlichen Abendlandes entwickelte, dazu mögen einschlägige Artikel wie etwa die Zusammenfassung in Wikipedia einen Überblick liefern.

Hier nur so viel: Seit der Romantik entwickelten sich ein Verständnis des Abendlandes und eine Europakonzeption, die verschiedene kulturelle Stränge (etwa griechische und römische Einflüsse) und das Christentum zusammenbinden. Das Abendland wurde als ein geschlossener Kulturraum mit romanischem, germanischem und christlichem Erbe verstanden, der dem islamisch geprägten Okzident / Orient / Morgenland gegenüber steht. Es entstand ein regelrechter Mythos vom christlichen Abendland.

Plakat der CDU Hessen aus dem Jahr 1946 (Foto: KAS gemeinfrei)Landtagswahlplakat Baden-Württemberg aus dem Jahr 1946 (Foto: KAS/ACDP 10-002 : 20 CC-BY-SA 3.0 DE)

Plakat der CDU Hessen aus dem Jahr 1946 (Foto: KAS gemeinfrei) / Landtagswahlplakat Baden-Württemberg aus dem Jahr 1946 (Foto: KAS/ACDP 10-002 : 20 CC-BY-SA 3.0 DE)

Nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus wurde in der Wahlpropaganda der Nachkriegszeit, etwa bei den Wahlen 1946, dieses Verständnis einer einheitlichen, christlichen Kultur neu beschworen (siehe Wahlkampfplakate der CDU). Entgegen dieser Vorstellung weitet sich seit dem Mauerfall im Jahre 1989 und der Osterweiterung der EU der Abendlandbegriff. Auch der christlich-orthodoxe Teil Ost- und Südosteuropas bis zum Bosporus wird in den Begriff einbezogen. Wenn Istanbul 2010 die „Kulturhauptstadt“ Europas war, wird die Verschiebung hin zu einem rein geographisch verstandenen Begriff besonders deutlich.

„Heilsgeschichtliche Sendung des Abendlandes“

Im Bereich der Schönstatt-Bewegung hat die Begrifflichkeit noch einmal eine eigene Brisanz. 1961 formuliert der Gründer, Pater Josef Kentenich, erstmals „die Rettung der heilgeschichtlichen Sendung des Abendlandes“ als eines der drei Ziele der Bewegung. Hier geht es aber nicht, wie man es bei einem ersten Hinsehen vermuten könnte, um eine rückwärtsgewandte Rettung jenes Abendland-Mythos, die etwa eine christlich-geschlossene, einheitliche Kultur fordern würde. Es geht vielmehr um eine Sendung, die Pater Kentenich in einem großen heilsgeschichtlichen Bogen vom Volk Israel bis zur Gegenwart spannt und diese als einen Auftrag sieht.

Dieser Auftrag besteht in der Verkündigung einer lebendigen Gotteserfahrung, in der menschliches Leben und Gottes Wirken miteinander und ineinander gesehen werden. Es soll also nicht ein Abendland älterer Zeit neu beschworen werden, sondern das, was im Abendland über lange Zeit tragende Überzeugung war, in eine neue Zeit hineingetragen werden. Josef Kentenich spricht immer wieder vom Zerbrechen alter Vorstellungen und Strukturen und betont das Einpflanzen jenes lebendigen Glaubens an einen persönlichen, die Menschen liebevoll begleitenden Gott in zukünftige Gesellschaften.

Die Verwendung der Begrifflichkeit der „Rettung des christlichen Abendlandes“, die Fremde fernhalten will und der Abschottung Europas dient, ist zurückzuweisen. Für Schönstatt liegt - angesichts einer nachchristlichen Gesellschaft - die Herausforderung darin, in einer grundsätzlich positiven Haltung auf die Menschen und kulturellen Entwicklungen unserer Zeit zuzugehen und Gottes Nähe darin aufzuschließen. In dieser gläubigen Haltung können Menschen, Dinge und das Weltgeschehen geistlich hinterfragt werden. Gerade darin besteht die Möglichkeit als Christen „Salz und Sauerteig“ zu sein und die moderne Gesellschaft mitzugestalten.

Hubertus Brantzen, Klaus Glas, P. Lothar Herter, Heinrich Brehm, P. Heinrich Walter


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17. Juni 2016, 20:11 Uhr

Wolfgang Fischer (über facebook.com/impulseausSchönstatt)

Die Pegida versteht so viel vom christlichen Abendland wie die Kuh vom Tanzen.

21. Juni 2016, 10:27 Uhr

Helmut Müller (per Mail)

Wie alles anfing: Es begann mit einem Hilferuf aus Europa in Richtung Kleinasien

„Komm herüber nach Mazedonien, und hilf uns!“ (Apg 16, 9) Paulus hörte diesen Ruf aus Europa in einer Vision an der kleinasiatischen Küste. Daraufhin brachte er die christliche Botschaft aus dem Morgenland ins noch nicht christliche Abendland. Ein Mazedonier hatte ihn im Traum um Hilfe gebeten. Paulus hat mit seiner Botschaft nicht den Konsens mit der zeitgenössischen hellenistischen Gesellschaft weder diesseits noch jenseits der Dardanellen gesucht. Er wußte, daß seine Botschaft „den Juden ein Ärgernis ist und den Heiden eine Torheit“ (1Kor. 1,23).

  • Jüdische Theologen und Schriftgelehrte glaubten zu wissen, wie sich der Messias den Menschen zeigt, daß er am Kreuz, dem Galgen der Antike sterben könnte, hielten sie für ausgeschlossen. Zudem konnte aus Nazareth in Galiläa eh nichts „Gutes kommen“ (Joh. 1,46)
  • Auch die hellenistische Umwelt war in ihren klügsten Köpfen so weit säkularisiert, daß eine Menschwerdung Gottes einem Ammenmärchen gleich kam. Für den Rest war eine Geburt im Futtertrog und ein Verbrechertod am Kreuz kein Motiv für einen griechischen Gott Mensch zu werden und war nicht zu vermitteln. Wenn griechische Götter Mensch wurden, nahmen sie – wenn sie männlich waren - an Gastmählern teil oder paarten sich mit schönen Frauen, waren sie weiblich, brauchten sie eine männlich/menschliche Bestätigung ihrer Schönheit.

Paulus aber hat diese Botschaft, obwohl sie jeder Logik griechischer Mythologie widersprach, für richtig und wahr gehalten. Er hielt sie einerseits weder für ein Produkt hellenistischer Mythen noch andererseits rabbinischer Apokalyptik. Das Damaskuserlebnis – was immer es gewesen sein mag – hat sein Weltbild in den Grundfesten erschüttert.

Im Schnittpunkt dreier Kontinente ist Gott Mensch geworden. Für Paulus ist in einem Galiläer namens Jeschua ben Marjam, der Herr erschienen. Es hat aus dem frommen Juden und zugleich weltgewandten Kosmopoliten, einen von der neuen Einsicht unbändig Bewegten gemacht. Sie hat ihn um die Gestade des Mittelmeers, das Zentrum der damaligen Welt regelrecht getrieben: Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht künde. Die Liebe Christi drängt mich. So paradox wie Leben und Botschaft des Galiläers, so paradox war die Verkündigung des Paulus. Leben und Wirken, Tod und Auferstehung des merkwürdigen Nazareners und die paradoxe Verkündigung seines eifrigsten Mittlers gehen mit einer „bleibenden Fremdheit“ einher, die sich einer nahtlosen Korrelation mit Lebensumständen unserer säkularen Gesellschaft und überhaupt jeder menschlichen Gesellschaft widersetzt. Dostojewski hat seinen Christusroman wohlbedacht „Der Idiot“ genannt, um einmal mehr zu zeigen, wie widerständig die authentische christliche Botschaft zu jeder Zeitgenossenschaft steht. Der innerste Kern des Geschehens ist transkontinental, mehr noch, eine letztlich unbegreiflich bleibende Begegnung von Immanenz und Transzendenz, von Himmel und Erde. Die Botschaft nach der der Mazedonier im Traum verlangte, kam damit letztlich nicht aus Asien, sondern vom Himmel auf die Erde. Leben und Wirken des Nazareners und das leidenschaftliche Zeugnis des Paulus haben sich trotz aller bleibenden Unbegreiflichkeit dennoch wider Erwarten durchgesetzt.

Und ihre Botschaft wird sich auch auch heute noch durchsetzen, wenn die bleibende Fremdheit nicht gänzlich - damals wie heute - in eine niederschwellige Zeitgenossenschaft aufgelöst wird.

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