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2. Mai 2022 | Worte des Bewegungsleiters | 

Einfach nur da sein – vom langen Weg, lieben zu lernen


Einfach nur da sein (Foto: pixabay.com)

(Foto: pixabay.com)

Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Mitglieder und Freunde der Schönstatt-Bewegung!

Aus dem Musical von Wilfried Röhrig habe ich für den Mai ein besonderes Lied zur Betrachtung ausgewählt. Es heißt: Einfach nur da sein. Und es beschreibt die vertrauensvolle Überzeugung, dass Gott mit einer großen Liebe und Bejahungskraft auf unser Leben schaut.

„Einfach nur da sein ohne Nutzen, ohne Zweck.
Dir und mir nah sein ohne Tarnung und Versteck.
Du bist die Seele meiner Seele, bist meinem Innersten so nah.
Wohin ich geh, wo ich auch suche: Du bist schon da.“

Wenn man dazu das Bild betrachtet, dann den Vater, der ganz nahe bei seinem Kind ist, dann spürt man, welchen Frieden dieses Nur-da-Sein für beide bedeutet. Man sieht an dem Gesicht des Vaters, mit welch großem Staunen er durch dieses kleine Kind beschenkt wird. Jetzt dieses Kind zu halten, ist einfach nur genug. Und das Kind, das noch keine Gedanken und Vorstellungen gelernt hat, nimmt diesen Frieden in der Nähe seines Vaters in sich auf.

Bei der Delegiertentagung im März hat Prof. em. Alexander Trost, Katho-NRW, Aachen, den Prozess näher beschrieben, der im ersten Lebensjahr eines Menschen entsteht und in besonderer Weise Grundlage für sein Lernen und sein inneres und äußeres Wachsen darstellt. Er hat beschrieben, wie das Kind im Spiegel einer stabilen Bezugsperson die Erfahrung einer sicheren Bindung macht. In der sicheren Bindung lernt das Kind die grundlegenden Fähigkeiten, andere und vor allem sich selbst zu verstehen. Die Mimik und die Worte, die Art des In-die-Augen-Schauens und Reagierens ist von Anfang an ein Dialog, in dem die Eltern lernen, welche Ursachen ein bestimmtes Weinen oder eine besondere Freude auslösen, und das Kind lernt in der Reaktion der Eltern, wie der innere Zustand, den es erlebt, angenommen und beantwortet wird und wie es Hilfe und Liebe erfährt. Dabei sind die Eltern nicht nur Spiegel, sondern verarbeiten gewissermaßen die schmerzlichen und staunenden und schönen Momente und spiegeln sie dem Kind in dieser verarbeiteten Weise zurück. Und mit der Zeit lernt das Kind dadurch immer besser, sich und seine Situation wahrzunehmen und schließlich auch mit einer gewissen Selbstleitung darauf zu reagieren.

Es braucht diese ganz elementaren Lernschritte, damit sich aus einer inneren Grunderfahrung heraus das vielfältige Lernen im Umgang mit den unterschiedlichsten Lebenssituationen entwickeln kann.

Prof. Trost hat einen wichtigen Hinweis gegeben: Weder Mütter noch Väter müssen perfekt sein. „Good enough – gut genug“ ist eine wichtige Einstellung für diesen gemeinsamen Wachstumsvorgang zwischen Eltern und Kind.

Der 12. April 1894 in Oberhausen

In diesem Jahr hatte ich die Gelegenheit, beim Oberhausen-Tag der Essener Schönstattfamilie dabei zu sein. Bei diesem Treffen am 12. April geht es immer wieder darum, ein wichtiges Ereignis im Leben unseres Gründers Pater Kentenich wachzuhalten. Pater Kentenich war einige Zeit mit seiner Mutter in Straßburg zur Aushilfe in einer Familie. Diese Zeit war die Zeit einer besonderen Nähe zu seiner Mutter Katharina. Sie musste sich beruflich verändern und dann war Kentenich in Gymnich vor allem bei den Großeltern zu Hause und mit der weiteren Verwandtschaft verbunden, besonders seiner Cousine Henriette.

Pfarrer Savels, der Begleiter der Mutter von Kentenich, sorgte dafür, dass der achtjährige Josef Kentenich im Waisenhaus der Dominikanerinnen in Oberhausen untergebracht werden konnte, das auf Initiative von Pfarrer Savels entstanden war. Dort hatte er die Möglichkeit eines besseren Schulunterrichtes als in der Schule in Gymnich.

Die Trennung von seiner Familie fiel Kentenich sehr schwer. Es heißt, dass er aus dem Waisenhaus ausgerissen ist, um wieder nach Hause zu kommen.

Später erzählt er von einem sehr tiefgreifenden Erlebnis, als seine Mutter ihn am 12. April 1894 in Oberhausen abgeben musste: In der Hauskapelle vor einer Marienstatue schenkte sie ihr Kommunionkreuz sozusagen der Gottesmutter und hängte es der Statue um den Hals. Betend und bittend vertraute sie ihr Kind und seine Zukunft der Gottesmutter an. Von diesem Moment an ist eine innere Nähe und ein sehr persönliches Vertrauen auf die Gottesmutter in ihm grundgelegt worden. Wenn Pater Kentenich später das Liebesbündnis und Schönstatt gelegentlich mit den Worten beschreibt „Liebe um Liebe, Treue um Treue“, dann ist der Bezugspunkt für den eigenen Lebensweg von Pater Kentenich dieser Moment von Oberhausen.

Als junger Student ist er nach Oberhausen gefahren und hat sich dort in der Nähe des Vincenzhauses bei einem Fotografen fotografieren lassen. Kurz nach der Priesterweihe ist er nochmals ins Waisenhaus gefahren, um dort aus Dankbarkeit eine heilige Messe zu feiern.

Das Liebesbündnis mit der Gottesmutter

Papst Franziskus hat bei der Weihe Russlands und der Ukraine an das Unbefleckte Herz der Gottesmutter den Vorgang so beschrieben: Wir klopfen gleichsam an das Herz der Gottesmutter, damit sie uns ihr Herz öffnet und unsere Nöte in ihr Herz aufnimmt und sich auf sehr innige Weise mit unserem Gebet um Frieden verbindet.

Kentenichs Mutter hat auch gleichsam ans Herz der Gottesmutter geklopft, und Maria hat Kentenich ihr Herz geöffnet. Gleichzeitig hat die Gottesmutter aber auch an das Herz des Achtjährigen geklopft, und auch er hat ihr sein Herz geöffnet.

Aus seinen zahllosen Predigten und Vorträgen wissen wir, mit welcher Wärme und Liebe er das Liebesbündnis mit der Gottesmutter als den Weg Schönstatts vielen Menschen nahebringen wollte und nahegebracht hat. Weniger bekannt ist oft, mit welch alltäglicher Treue er seine Liebe zur Gottesmutter immer wieder wachgehalten und ausgedrückt hat.

Im vergangenen Monat bin ich auf ein kleines Gebetbuch aufmerksam geworden, das für jeden Tag des Jahres einen Satz im Bezug zur Gottesmutter darlegt, zum Beispiel was der Heilige des Tages im Blick auf die Gottesmutter gesagt hat. Und ein zweiter Satz macht eine Anwendung als Bitte und als Bereitschaft, das Motiv als Impuls im eigenen Leben umzusetzen. Er sagt später einmal, dass er das seit seinem 14. Lebensjahr bei sich hat. Das Büchlein ist auf Latein geschrieben, und er hatte inzwischen auch schon Latein gelernt.

Beeindruckend finde ich, dass bis zum Ende seines Lebens dieser Blick auf die Gottesmutter zu seinem Morgengebet gehörte. Oft hat er, bevor er Abhandlungen und Antwortbriefe schrei­ben musste, nicht einfach mit der Stoffsammlung begonnen, sondern hat der Sekretärin, die seine Diktate aufgenommen hat, gesagt: Vor dem Schreiben wollen wir der Gottesmutter etwas Zeit schenken und etwas von ihr hören. Und dann hat er sich etwas aus einem Marienbuch vorlesen lassen, und erst dann ging er an die Arbeit. Der Weg mit der Gottesmutter ist zu seiner sicheren Bindung geworden in allen Momenten und auch dunklen Stunden seines Lebens. Vielleicht ist der Mai mit den vielen blühenden Bäumen und Sträuchern ein guter Monat, dass auch wir unsere Liebe zur Gottesmutter mit einer besonderen Bereitschaft und Freude pflegen und zum Ausdruck bringen.

Vom Heiligtum in Schönstatt wünsche ich Ihnen viele gute Erfahrungen der Nähe der Gottesmutter Maria

P. Ludwig Güthlein
Schönstatt-Bewegung Deutschland


Leitartikel aus dem Bündnisbrief Mai 2022 der Schönstatt-Bewegung Deutschland
Redaktionsschluss: 21. April 2022

Jahresbitte 2021/2022 der Schönstatt-Bewegung in Deutschland (Foto: pixabay)

Jahresbitte 2021/2022 der Schönstatt-Bewegung in Deutschland (Foto: pixabay)


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