Was bewegt

14. Februar 2010 | Was bewegt | 

35 Jahre danach: Interview mit Pater Ángel Strada, Postulator


P. Ángel StradaFrancisco Grondona. Vor 35 Jahren, am 10. Februar 2010, wurde in Trier der Seligsprechungsprozess für Pater Josef Kentenich eröffnet. Pater Ángel Strada ist seit dem 20. Januar 1997 Postulator der "Causa Kentenich" wie seit einigen Jahren auch der "Causa Mario Hiriart", deren Akten bereits in Rom sind. In diesem Interview spricht Pater Ángel Strada über den aktuellen Stand des Prozesses, die Schritte, die als nächstes anstehen und wie sich 35 Jahre nach der Eröffnung des Prozesses das Interesse an der Heiligsprechung wachhalten und wecken lässt.

 

Worin besteht der Selig- und Heiligsprechungsprozess? Welche Schritte müssen gegangen werden und wie geht das alles vor sich?

Der Selig- und Heiligsprechungsprozess ist das rechtliche Verfahren der katholischen Kirche zum Nachweis der Heiligkeit einer Person und ihrer Anerkennung als Vorbild für das Leben nach dem Evangelium und Fürsprecher bei Gott, und der Gestattung liturgischer Verehrung zu ihrem Gedächtnis. Im Lauf der Jahrhunderte hat dieser Prozess verschiedene Formen gehabt. Heute besteht er, nach der seit 1983 gültigen Rechtslage, aus zwei Phasen. Die erste ist eine informative und findet statt in der Diözese, in der die Person gestorben ist. Diese besteht vor allem im Anhören der Zeugenaussagen - zugunsten oder zuungunsten der Person - und in der Sammlung allen Materials das der Erforschung ihres Lebens und ihres heroischen Tugendgrades dienen kann. Die zweite Etappe in Rom ist entscheidend. Die Selig- und Heiligsprechungskongregation wertet die erhaltenen Informationen aus und kommt, mit Hilfe des Urteils von acht Theologen und acht Bischöfen und Kardinälen zu einer abschließenden Stellungnahme, die dem Heiligen Vater vorgelegt wird. Im Falle der Bekenner folgt danach der Wunderprozess, dessen erste Phase in der Diözese erfolgt, wo das Wunder geschehen ist. Im Fall der Märtyrer braucht es kein Wunder für die Seligsprechung.

Wann hat der Prozess begonnen und in welcher Phase befindet er sich derzeit?

Padre Ángel StradaAuf Bitten des Generalpräsidiums des internationalen Schönstattwerkes wurde der Prozess vom Bischof von Trier, Bernhard Stein, am 10. Februar 1975, das heißt, sechseinhalb Jahre nach dem Tod von Pater Kentenich, offiziell eröffnet.

Alle Erfordernisse für die diözesane Phase sind bereits erfüllt: die Zeugenaussagen, die Untersuchung der publizierten Schriften, die Sammlung und Beurteilung der nicht editierten Schriften, die Dokumentation über den Ruf der Heiligkeit, das Non-Kult-Dekret usw. Auf dieser letzten Strecke hat sich der Prozess nun wegen der Arbeitshäufung des diözesanen Delegaten - der zugleich Generalvikar der Diözese Trier ist - etwas verzögert. Sowohl er wie der neue Bischof von Trier, Stephan Ackermann, haben ausdrücklich ihren Willen betont, dass in den nächsten Monaten die Arbeiten - viele davon technischer Art - abgeschlossen werden können: etwa die Nummerierung der Dokumente, ihre Bestätigung, die Erstellung von Indices usw. Wenn das geschehen ist, kann die Abschluss-Sitzung stattfinden und die Dokumentation nach Rom gesandt werden. Wenn es soweit ist, werde ich die Familie über dieses Ereignis informieren.

Wie viele Schriften von Pater Kentenich mussten studiert werden?

In der Gesetzgebung der Seligsprechungsverfahren wird die Aufführung aller bestehender Schriften verlangt, wobei man zwischen veröffentlichten und nicht-veröffentlichten Schriften unterscheidet. Die veröffentlichten Schriften Pater Kentenichs (Bücher und veröffentlichte Schriften) wurden von dafür bestimmten Theologen studiert, die begutachtet haben, dass in diesen Schriften nichts gegen Dogma und Moral der Kirche verstößt. Die nicht veröffentlichten Schriften waren Gegenstand des Studiums einer vom Bischof von Trier ernannten Historikerkommission. Ungefähr 120 kirchliche und bürgerliche Archive in Deutschland und in allen Ländern, in denen Pater Kentenich war, wurden nach Dokumenten mit Bezug auf ihn konsultiert. Es wurden etwa 29.000 Schriftstücke (Briefe von und Briefe über Pater Kentenich, Vorträge, Predigten, Studien, Notizen, etc.) katalogisiert. Sie sind ein Zeugnis der großen Arbeitskraft des Gründers, seines unermüdlichen Dienstes an Personen und Gemeinschaften, seiner Weisheit und seines Sendungsbewusstseins. Sie bezeugen auch seine moralische Autorität und seinen Ruf der Heiligkeit, angesichts der Tatsache, dass viele Menschen einen erhaltenen Brief oder Mitschriften aus seinen Vorträgen wie einen Schatz hüten.

Es ist wichtig, zu betonen, dass die Prüfung der Schriften nicht das zentrale Thema in einem Prozess ist. "Nicht Ideen, sondern Leben werden heiliggesprochen", hörte ich einmal einen Sachverständigen sagen. Das Wichtigste ist die konkrete Existenz der Person und die Spuren ihrer bedingungslosen Christusnachfolge. Darum sind die Aussagen der Zeugen, die in nahem, direkten Kontakt mit dem Vater und Gründer standen, die bedeutendsten Quellen.

Pater Kentenich hat die Werktagsheiligkeit betont. Könnte das heißen, dass ein Wunder auf seine Fürsprache nicht eine große Sache sondern etwas Kleines, Alltägliches ist?

Die Werktagsheiligkeit ist zweifellos die zentrale Botschaft unseres Gründers. Es ist auch die des II. Vatikanischen Konzils, wenn es die Berufung aller Getauften zur Heiligkeit betont. Aber wenn die Kirche ein Wunder anerkennt, bestätigt sie die Existenz eines außergewöhnlichen Gnadenereignisses, das die Naturgesetze übersteigt. Es ist eine große Manifestation der Macht Gottes, die keine mögliche wissenschaftliche Erklärung hat und nicht menschlichen oder natürlichen Kräften zugewiesen werden kann.

Die Erfordernis eines Wunders für die Seligsprechung eines Bekenners entspringt dem Wunsch der Kirche nach einer göttlichen Bestätigung für das positive Ergebnis, zu dem sie nach einer intensiven Erforschung des Lebens der betreffenden Person gekommen ist, bevor sie den letzten Schritt der Erklärung ihrer Heiligkeit tut. Wir wissen, dass Pater Kentenich sehr reserviert war gegenüber außerordentlichen Phänomenen der Gnade. Keineswegs hat er sie geleugnet, aber immer die Bedeutung des praktischen Vorsehungsglaubens in den gewöhnlichen Ereignissen des Lebens und der Geschichte betont. Er betonte in gleicher Weise die Bedeutung des Gehorsams gegenüber den Normen der Kirche. Vertrauensvoll dürfen wir das Geschenk eines Wunders auf seine Fürsprache hin erbitten, damit die Kirche seine Heiligkeit anerkennt.

Beeinflusst es den Prozess von Pater Kentenich, dass die diözesane Phase des Seligsprechungsprozesses mehrerer seiner geistlichen Söhne und Töchter bereits abgeschlossen ist: Josef Engling, Joao Pozzobon, Sr. Emilie, Mario Hiriart?

Padre KentenichDas Heiligtum soll für viele zur "Wiege der Heiligkeit" werden, so steht es in der Gründungsurkunde. "Wenn ihr treu und hochherzig aus diesem Bündnis euer Leben gestaltet, werdet ihr zur Fülle eurer christlichen Berufung hingeführt", so bestätigte Johannes Paul II. im September 1985. Zu dieser Fülle kam der Vater und Gründer und in seiner Gefolgschaft viele andere. In der Geschichte der Familie gibt es vorbildhafte Leben: Max Brunner, Hans Wormer, Pater Reinisch, Bárbara Kast, Gilbert Schimmel, P. Hernán Alessandri... Ihre Leben sind ein Zeugnis des Wirkens Gottes in der Geschichte unserer Familie. Sie waren ganz unterschiedliche Persönlichkeiten und lebten in verschiedenen Kulturen und Epochen. Alle hatten jedoch die gleiche Quelle der Heiligkeit: das Liebesbündnis. Alle waren, in unterschiedlicher Weise, unter dem Einfluss der geistlichen Vaterschaft Pater Kentenichs. Sie sind damit Frucht seines eigenen Strebens nach Heiligkeit. Pater Kentenich ist kein einsamer Heiliger. Ich glaube, es ist sehr bezeichnend, dass zusammen mit seinem Selig- und Heiligsprechungsprozess viele Prozesse seiner Jünger im Gang sind. Alle offenbaren die Fruchtbarkeit des Charismas des Gründers. Und dass der Heilige Geist in Schönstatt einen neuen Weg der Heiligkeit in der Kirche schenken wollte. Es gibt ausgesprochen fruchtbare, anerkannte Heiligkeitswege in der Kirche - die von Benedikt von Nursia, Franz von Assisi, Teresa von Avila, Ignatius von Loyola eröffneten… Sie haben Kirche und Menschheit bedeutende Persönlichkeiten geschenkt. Der von Pater Kentenich eröffnete Weg beginnt, durch die verschiedenen Prozesse bestätigt zu werden. Es ist zu hoffen, dass alle mit der Anerkennung der Heiligkeit abschließen, sowohl der des Gründers wie seiner Jünger.

Wie geht es, auch noch über 30 Jahre nach der Eröffnung des Prozesses das Interesse der Schönstattfamilie daran wachzuhalten?

In meiner Aufgabe als Postulator habe ich auf vielfältige Weise die Lebendigkeit dieses Interesses erfahren, sowohl bei Einzelnen wie in ganzen Gemeinschaften. Erst vor einigen Wochen bei einigen sehr schönen Begegnung, die ich an den verschiedenen Schönstattzentren in Mexiko hatte. Es zeigt sich auf mehrfache Weise: im Gebet für die Seligsprechung, im Beten der Novenen, finanzieller Hilfe, dem Interesse für den Fortgang des Prozesses, Treffen und Tagungen zu diesem Thema usw. Aus vielen Ländern pilgern Menschen zum Urheiligtum und zum Grab Pater Kentenichs, besuchen das Pater-Kentenich-Haus und das Schulungsheim der Schwestern, wo Pater Kentenich die letzten drei Jahre seines Lebens gewohnt hat. In fast allen Schönstattzentren weltweit sind Denkmäler oder Räume der Begegnung mit Pater Kentenich errichtet worden. Dies und vieles andere zeigt, dass die Person des Gründers weiter wirkt. Und da ist es nicht verwunderlich, dass auch der Wunsch wach bleibt, dass die Kirche seine Heiligkeit anerkennt. Der Prozess geht nun bereits 35 Jahre, und es ist nicht zu erwarten, dass sich die römische Phase schnell abwickelt. Im Gegenteil, sie wird viel Zeit und Arbeit fordern. Aber wichtig ist nicht die Schnelligkeit der Causa Kentenich sondern die Bedeutung, die sie für das Leben der Kirche hat.

Was würde denn eine Selig- oder Heiligsprechung Pater Kentenichs für die Kirche bedeuten?

Jeder Heilige bringt der Kirche etwas Entscheidendes: er zeigt, dass es möglich ist, das Evangelium Jesu Christi zu leben. Sie zeigen, dass der christliche Glaube weder aus utopischen Idealen besteht noch aus einer bloßen Proklamation von wirklichkeitsfernen Wahrheiten. Das neue Leben, das uns durch Christus geschenkt wird, wandelt menschliche Leben mit eigenem Vor- und Zunamen. Jeder Heilige hat eine eigene Psychologie und lebt in einer konkreten Kultur. Niemand bleiben Reifungsprozesse erspart, Erfahrungen von Größe Gottes und menschlicher Kleinheit. Paulus ist nicht Petrus, Franz von Assisi nicht Ignatius von Loyola, Teresa von Avila nicht Teresa von Kalkutta. Jeder einzelne bringt seine originelle, persönliche Christusnachfolge ein. Und alle gemeinsam offenbaren mit eigenem Profil den unermesslichen Reichtum des Geheimnisses Christi. Das ermöglicht uns, für unser eigenes Streben nach Heiligkeit eine Vielfalt von Modellen und Wegen zu haben. Das ist der Sinn der verschiedenen Spiritualitäten in der Kirche. Und der freien Wahl jedes Christen, wen er verehren und als Modell und Fürsprecher im Himmel haben möchte.

Der Theologe Urs von Balthasar sagt, die Heiligen seien "die Antwort von oben auf die Fragen von unten." Viele Fragen in dieser Zeit der Geschichte, die wie erleben, sind Fragen, die sich auch Pater Kentenich stellten, der mit "der Hand am Pulsschlag der Zeit und dem Ohr am Herzen Gottes" lebte. Auf viele Fragen gab er mit seinem eigenen Leben Antwort, weil er Gott in sich wirken ließ und Maria ihn vom Heiligtum aus erzog. Wir brauchen zeitgenössische Heilige, mit denen wir uns identifizieren können, weil sie Teil der konkreten Welt sind, zu der wir gehören. Der technische Fortschritt, die Wunder der Wissenschaft, das II. Vatikanische Konzil, die Erklärung der Menschenrechte sind Lichtzeichen des 20. Jahrhunderts, vermischt mit dunkelsten Schatten: der modernen Verwaistheit, den Konzentrationslagern, zwei Weltkriegen, der wachsenden Säkularisierung, der Ungleichheit unter den Völkern…. Dieses Szenario der Biographie Pater Kentenichs ist uns nicht fremd. In diesem Szenario entwickelt sich das Leben der Kirche heute. Hier sind die Herausforderungen an den Glauben. Die Selig- und Heiligsprechung Pater Kentenichs ratifiziert die Gültigkeit des Weges, den er gegangen ist und bietet ihn öffentlich der Weltkirche an.

Wie kann man zum Gelingen des Prozesses beitragen?

Ein entscheidender Beitrag ist das Gebet. Die Selig- und Heiligsprechung muss als Geschenk erbeten werden. Konkreter: man muss beten um die Gnade des Abschlusses der diözesanen Phase und um die Gnade eines Wunders auf die Fürsprache von Pater Kentenich.

Und man darf auch nicht jene Antwort Johannes Pauls II. an Jugendliche aus der Schweiz vergessen, die ihn um die Heiligsprechung baten: „Sprecht ihr ihn heilig!" Die offizielle Anerkennung durch die Kirche wird ein historisches Ereignis sein. Aber man darf nicht denken, damit wäre dann automatisch Person und Sendung Pater Kentenichs im Leben der Christen angekommen. Dass hängt vor allem ab vom Zeugnis und der Verkündigung derer, die wir uns als seine Jünger wissen. Johannes Paul II. sagte im Gedenkjahr des 100. Geburtstags Pater Kentenichs: „Ihr seid berufen, an der Gnade, die euer Gründer erhalten hat, teilzuhaben und sie der ganzen Kirche anzubieten. Denn das Charisma der Gründer erweist sich als eine geistgewirkte Erfahrung, die den eigenen Schülern überliefert wurde, damit sie danach leben, sie hüten, vertiefen und ständig weiterentwickeln, und zwar in der Gemeinschaft und zum Wohl der Kirche, die ja selbst aus der immer neuen Treue zu ihrem göttlichen Gründer lebt und wächst"

 

4. Februar 2010
P. Angel Lorenzo Strada
Postulator


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