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3. Januar 2019 | Deutschland | 

Zeitgerecht statt zeitgemäß – Spurensuche nach dem Geist der Zeit im Zeitgeist


Dr. Helmut Müller bei einer vorweihnachtlichen Autorenlesung in der Buchhandlung des Schönstatt-Verlages in Vallendar (Foto: Brehm)

Dr. Helmut Müller bei einer vorweihnachtlichen Autorenlesung in der Buchhandlung des Schönstatt-Verlages in Vallendar (Foto: Brehm)

Hbre. Bei einer Autorenlesung in der Buchhandlung des Schönstatt-Verlages in Vallendar konfrontierte Dr. Helmut Müller die Besucher und Zuhörer mit den aphoristisch zugespitzten Texten seines Buches „Zeitgerecht statt zeitgemäß: Spurensuche nach dem Geist der Zeit im Zeitgeist“. Der in Vallendar lebende Theologe und Philosoph nimmt in seiner Publikation Themen aus Welt und Kirche unter die Lupe. In kurzen Kapiteln fragt er danach, wie und in welchem Verhältnis Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe unser Handeln in Welt und Kirche bestimmen sollen, damit wir nicht bloß zeitgemäß, sondern auch den Anforderungen der Zeit gerecht handeln.

Dr. Helmut Müller, Vallendar (Foto: Brehm)

Dr. Helmut Müller, Vallendar (Foto: Brehm)

Schw. M. Anja Wehr, Leiterin der Buchhandlung (Foto: Brehm)

Schw. M. Anja Wehr, Leiterin der Buchhandlung (Foto: Brehm)

Aphoristisch zugespitzte Texte

Umrahmt von musikalischen Beiträgen mit Keyboard und Flöte tauchten vor den geistigen Augen der Zuhörer Personen wie Augustinus auf, „der damals schon auf der Suche nach Heimat war – und uns dadurch auch heute so manches zu sagen hat“, wie Müller betonte. Die Jünger Jesu am Pfingstfest seien ein eindrückliches Beispiel dafür, dass es auch heute darauf ankomme, die eigene Leere und Unzulänglichkeit zu entdecken und von Gott füllen zu lassen – um so Gott heute durch die Menschen wirken zu lassen.

Die Themen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, die auf den ersten Blick wie Gegensätze erscheinen und unvereinbar aussehen, seien, so Dr. Müller, durchaus miteinander vereinbar: „Da Gott mich nicht so gewollt hat, wie ich mich manchmal benehme, aber mich dennoch liebt wie ich bin, ist die göttliche Barmherzigkeit gleichzeitig die größte Gerechtigkeit.“

Die Leiterin der Buchhandlung, Sr. M. Anja Wehr, dankte Dr. Müller für den kurzweiligen Abend mit seinen Impulsen. Sie überreichte dem Autor einen Gutschein für einen Besuch im Café auf Berg Schönstatt (nahe der Anbetungskirche). Dorthin sei er mit seiner Frau eingeladen, die ausgesuchten Spezialitäten zu probieren, die dort rund um die Weihnachtszeit an jedem Donnerstag auf die Gäste warten.

Buchbesprechung

Autor Helmut Müller, bis Anfang 2018 langjähriger akademischer Direktor an der Universität Koblenz-Landau, Lehrgebiet Moraltheologie, Sozialethik und Religionsphilosophie, versucht mit seinem Buch „Zeitgerecht statt zeitgemäß“ aufzurütteln im landauf landab spürbaren Zeitgeist den Geist der Zeit zu suchen und zu entdecken. Er tut das – wie er von sich schreibt auf „spontane, überlegte, erregte, analysierende, polemische, satirische, kritische, emotionale, empörte und auch empörende Weise“. Die Texte aus den vergangenen 25 Jahren beziehen sich auf Vorgänge in den Pontifikaten der letzten drei Päpste, Johannes Paul II, Benedikt XVI und dem derzeitigen Papst Franziskus I. Stilistisch zum Teil in Leserbriefform berührt er in seiner unnachahmlichen Art Themen wie Gendermainstream, Harry Potter, Ökumene, Mel Gibsons Passionsfilm, den Kruzifixstreit, Homosexualität, Abtreibung, Kirchenaustritte, usw. (ein wahres Durchforsten und Abklopfen aktueller Themen leider vor allem aus der Zeit von 2000-2010 und nicht aus jüngerer Vergangenheit), immer auf dem Hintergrund der Frage: Welche Spuren legt Gott und was will er damit sagen. In diesem Zusammenhang sei auf das sehr aussagekräftige Buchcover hingewiesen: Ein Mann im Stundenglas, der den von oben herunterrieselnden roten Sand konzentriert mit Lupe untersucht … Der Zeitinterpret kann die Zeit selbst nicht verlassen.

Buchcover: "Zeitgerecht statt zeitgemäß" (Foto: Verlag Bonifatius)

Buchcover: "Zeitgerecht statt zeitgemäß" (Foto: Verlag Bonifatius)

Unsere heutige Kirche sieht Helmut Müller in der Gefahr, Kirche von der Welt zu werden, statt Kirche in der Welt zu sein. Sie habe verwirkt, eine Kontrastgesellschaft zu sein durch ihr „grenzenloses Verständnishaben für den weltanschaulich Andersdenkenden, wobei die eigene Identität mit der Zeit als unfeine Aufdringlichkeit anderen gegenüber begriffen wird … Unser Gewissen ist zahnlos und ohne Biss geworden, seit eine gewisse Theologie nicht aufhört, darauf hinzuweisen, dass dies und jenes meine Gewissensentscheidung ist.“

Manchmal bissig und sarkastisch vergreift sich Müller aber nicht im Ton oder bedenkt Andersdenkende mit ungebührlichem Vokabular. Immer würdewahrend, in manchen seiner Leserbriefen äußerst verbindlich und eher integrierend in seiner Argumentation (Homosexualität), aber immer glasklar und ehrlich in seiner Aussage und Meinung.

Schade, dass dem seit Jahren wachsenden Populismus, den regierenden Selbstverliebten, der Fremdenfeindlichkeit und dem nicht nur in ganz Europa spürbaren Rechtsruck keine Texte gewidmet sind. Aber vielleicht ist dazu ja schon ein neues Buch in Bearbeitung? Beeindruckend ist jedenfalls, dass da ein bei der Autorenlesung sich selbst als "sehr konservativer Katholik" bezeichnender Intellektueller an seiner Kirche (bzw. an manchen ihrer Vertreter) leidend, trotzdem unverbrüchlich treu zu ihr hält, Kraft aus ihr schöpft und nicht aufhört, weiterzusuchen, wie Gott seine Spuren in die Welt und in die Gesellschaft hineinlegt. Dr. Müller will sich nicht mit einfachen Antworten abfinden. Er sucht ruhelos nach zeitgerechten Wegen bis er sie findet.

Claudia Brehm

Bibliographische Angaben