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5. Dezember 2017 | International | 

„Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen, nicht der materielle Gewinn“


Bischof Reinhold Nann, Praelatur Caraveli, Peru, bei der Eröffnung der Adveniats Weihnachtsaktion im Dom zu Paderborn (Foto: Achim Pohl © Adveniat)

Bischof Reinhold Nann, Praelatur Caraveli, Peru, bei der Eröffnung der Adveniats Weihnachtsaktion im Dom zu Paderborn (Foto: Achim Pohl © Adveniat)

Hbre. Mit einem feierlichen Gottesdienst hat das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat am 3. Dezember 2017 die bundesweite Advents- und Weihnachtsaktion der katholischen Kirche unter dem Motto „Faire Arbeit. Würde. Helfen.“ im Paderborner Dom eröffnet. Adveniat-Aktionsgast Bischof Reinhold Nann, seit wenigen Monaten Bischof in der Praelatur Caraveli im Süden Perus und Mitglied im Schönstattinstitut Diözesanpriester, betonte im Eröffnungsgottesdienst, dass es nötig sei der globalisierten Wirtschaft, die die Armen ausgrenzt und die Umwelt zerstört, eine weltweite Solidarität entgegenzustellen.

Die bundesweite Adveniats-Weihnachtsaktion steht unter dem Motto: "Faire Arbeit. Würde. Helfen."  (Foto: Achim Pohl © Adveniat)

Die bundesweite Adveniats-Weihnachtsaktion steht unter dem Motto: "Faire Arbeit. Würde. Helfen."  (Foto: Achim Pohl © Adveniat)

Ein Gottesdienst mit Erzbischof Hans-Josef Becker, Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck, Bischof Reinhold Nann aus Peru, Weihbischof Matthias König aus Paderborn und Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Michael Heinz sowie vielen weiteren Gästen aus Lateinamerika und Deutschland (Foto: Achim Pohl © Adveniat)

Ein Gottesdienst mit Erzbischof Hans-Josef Becker, Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck, Bischof Reinhold Nann aus Peru, Weihbischof Matthias König aus Paderborn und Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Michael Heinz sowie vielen weiteren Gästen aus Lateinamerika und Deutschland (Foto: Achim Pohl © Adveniat)

Anwalt der Menschenwürde werden

„Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen, nicht der materielle Gewinn“, forderte der Bischof aus Peru. Dabei gehe es um ein nachhaltiges Wirtschaften, nicht um den schnellen wirtschaftlichen Erfolg. Das bedeute laut Nann aber nicht nur die Beachtung von ökologischen Kriterien, vielmehr auch den sozialen Aspekt von guter und menschenwürdiger Arbeit. Aus diesem Grund müssten von politischer Seite Anreize und Regeln für ein nachhaltiges Wirtschaften geschaffen werden, damit Unternehmen sich nach diesen Kriterien ausrichten. „Wenn von guter und menschenwürdiger Arbeit gesprochen wird, müssen verwundbare Gruppen wie Jugendliche, Frauen, Personen ohne Ausbildung, Migrantinnen und Migranten oder indigene Völker besonders in den Blick genommen werden“, unterstrich Bischof Nann im Schlusswort. „Es gibt keine überflüssigen oder wertlosen Menschen für uns Christen. Entdecken wir den Wert eines jeden. Im Teilen miteinander machen wir uns zum Mitmenschen, zum barmherzigen Samariter, zum Anwalt der Menschenwürde.“

Begegnung mit Bischof Nann im Schönstattzentrum Paderborn-Benhausen

Schon am Freitag, dem 1. Dezember 2017, konnte der leitende Pfarrer des Pastoralen Raumes „An Egge und Lippe“ und gleichzeitig „Rektor Ecclesiae“ der Schönstattkapelle, Georg Kersting, Bischof Reinhold Nann in der Sankt Alexius-Kirche in Paderborn-Benhausen begrüßen und mit ihm und allen Gläubigen aus nah und fern, die sich für einen Blick in die Weltkirche und somit für die diesjährige Adveniat-Aktion interessieren, die Heilige Messe feiern. Nach dem Gottesdienst hat die lokale Schönstattfamilie zu einer Begegnung mit Bischof Nann in das Josef-Kentenich-Haus im Schönstattzentrum Paderborn-Benhausen, eingeladen, von der Aloisia und Albert Busch nachfolgend berichten.

Pfarrer Georg Kersting und Bischof Reinhold Nann in der Sankt Alexius-Kirche in Paderborn-Benhausen (Foto: Busch)

Pfarrer Georg Kersting und Bischof Reinhold Nann in der Sankt Alexius-Kirche in Paderborn-Benhausen (Foto: Busch)

Ein Bischof, „der das Evangelium den Armen verkündet“

Aloisia und Albert Busch. Ein Bischofsbesuch – das bedeutet in der Regel: „großer Bahnhof mit Honoratioren, Staatskarosse, Hochamt, Mehr-Gänge-Menü… und so weiter und so fort…“. Oder? Das Gegenteil ist der Fall: Bischof Reinhold Nann teilt eher das Leben der kleinen Leute: Ein Bischof, „der das Evangelium den Armen verkündet“ (vgl. Lk 4,18), will er sein. Er kommt mit Christian, einem jugendlichen ehemaligen MAZler (= Missionar auf Zeit) als Chauffeur an seiner Seite, und er betritt die Sakristei in Benhausen am Abend des 1. Dezember mit Anorak und Rucksack. Genau so schlicht feiert er mit uns in der St. Alexius-Kirche die Eucharistie – ohne viele Worte: Er lässt die liturgischen Texte sprechen, nimmt uns durch sie hinein in das einfache Leben der Heiligen Familie von Nazaret und in das der einfachen Leute am Rande, und mit seiner Predigt steht er ein für seinen Auftrag, auf die Bedeutung der Adveniat-Aktion 2017 hinzuweisen. Ruhig und konzentriert. Und vor dem Segen tut er das, was er sagt: Er nimmt uns selbstverständlich hinein in das Liebesbündnis mit der Gottesmutter für die Armen, er betet mit uns zusammen die kleine Weihe.

Bischof Reinhold Nann (Foto: Busch)

Bischof Reinhold Nann (Foto: Busch)

Mit Bischof Nann im Gespräch

Etwa 30 Gottesdienstbesucher nehmen die Einladung an und treffen sich nach der Heiligen Messe mit Bischof Nann im Josef-Kentenich-Haus im Goldenen Grund bei „Wasser und Brot“ in Form von belegten Schnittchen, Kaltgetränken und warmem Tee. In dieser überschaubaren Runde entsteht schnell eine familienhafte Atmosphäre, und wir kommen miteinander ins Gespräch:

Teilnehmer: Ihr Bischofswahlspruch lautet: „Das Evangelium für die Armen zu verkünden“ – wie genau machen Sie das?

Bischof Nann: Das ist ganz einfach, das Liebesbündnis mit den Armen zu leben. Ich lasse die Menschen durch mein Verhalten spüren, dass ich sie gerne habe.

Teilnehmer: Und wie lebt ein Bischof in Peru?

Bischof Nann: Das Bischofshaus ist ein Holzhaus. Das ist praktisch, denn es bewegt sich mit, wenn es ein Erdbeben gibt. Das Frühstück und das Abendessen bereite ich mir selbst zu, und mittags esse ich in der Pfarrei.

Ich bin der dritte deutsche Bischof in der Prälatur Caraveli. Der 1. von ihnen hat die Caraveli-Schwestern gegründet. Ihre Gemeinschaft ist mit etwa 200 Schwestern in vielen Ländern vertreten, und sie gehen bewusst in die Pfarreien, wo kein Pfarrer ist. In meiner Prälatur gibt es 22 Pfarreien auf einem Gebiet, das etwa so groß ist wie Nordrhein-Westfalen. 10 von ihnen sind mit den 15 zumeist jungen einheimischen Priestern besetzt, die anderen noch nicht. Umso bedeutsamer ist der Dienst der Schwestern. Und es ist für die Leute in Ordnung, wenn der Pfarrer nur hin und wieder vorbei kommt.

Aloisia Busch überreicht Bischof Nann ein Präsent (Foto: Busch)

Aloisia Busch überreicht Bischof Nann ein Präsent (Foto: Busch)

Teilnehmer: Wie lebt eine Familie am Rande?

Bischof Nann: In Peru leben heißt in der Wüste leben. Armut bedeutet ausgeliefert zu sein. Je weiter die Menschen von der Küste entfernt leben, desto größer ist ihre Not.

Es gibt gute Programme, die Armen Inklusion anbieten: Zum Beispiel hat man Frauen mit Kindern im Schulalter einen festen Betrag Sozialhilfe angeboten mit der Verpflichtung, dass sie zusammen mit ihren Kindern regelmäßig an Gesundheitsuntersuchungen teilnehmen und dass sie ihre Kinder in die Schule schicken mit dem Erfolg, dass jetzt 30% mehr Kinder als zuvor die Schule besuchen.

In der Regel bekommen die Armen wenig Geld für ihre Produkte. Dass sich ihre Situation zum Besseren ändern kann zeigt sich daran, dass früher die Kinder selbstgefertigte Sandalen aus Autoreifen trugen. Heute sieht man immer mehr Kinder mit Schuhen.

Teilnehmer: Wie sind Sie dazu gekommen als Priester nach Lateinamerika zu gehen?

Bischof Nann: Im Studium habe ich drei Studenten aus der Dominikanischen Republik kennengelernt. Mit ihnen haben ich mich gut verstanden und sie haben in mir den Wunsch geweckt: „Da will ich hin!“ Zudem hat mich schon immer das arme Leben des Heiligen Franziskus fasziniert und auch die Spiritualität von Taizé hat mich mit geprägt. Das Bistum Freiburg unterhält eine Patenschaft mit Peru. Das hat letztlich dazu geführt, dass ich dann dort gelandet bin.

Teilnehmer: Ihr Bischofswappen zeigt den guten Hirten. Sie wünschen sich eine Kirche, die nicht sich selbst sucht, sondern die Verlorenen, die die Verletzten heilt, barmherzig wie der Vater mit Hirten, die den „Stallgeruch der Schafe“ haben. Wie wirkt sich dieses Ideal auf die Art und Weise aus, mit der Sie Ihr Amt als Bischof ausüben?

Bischof Nann: In der Kirche darf es nicht um Macht gehen. Es ist unsere Aufgabe als Hirte (Pastoren), das Leben mit den Leuten zu teilen. Am Stadtrand von Lima zum Beispiel riecht es nach Müll. Wer dort lebt und arbeitet, muss das aushalten.

Es geht auch um den persönlichen Lebensstil, z.B., was fahre ich für ein Auto? Ich kann bewusst Akzente setzen.

Teilnehmer: Wie sind Sie dazu gekommen, dass Sie in diesem Jahr die Adveniat-Aktion eröffnen und welches Anliegen ist Ihnen in diesem Zusammenhang besonders wichtig?

Bischof Nann: Eigentlich sollte ein anderer kommen: Bischof Strotmann, der Sekretär der peruanischen Bischofskonferenz war für diese Aufgabe angefragt. Da aber der Heilige Vater im Januar 2018 Peru besucht und Bischof Strotmann zur Zeit mit der Vorbereitung dieser Papstreise beschäftigt ist, hat er nach einer Vertretung Ausschau gehalten: Da kam ich gerade recht: ein neuer Bischof in Peru, der zudem Deutsch spricht.

Ich habe diese Aufgabe aus Dankbarkeit angenommen. Denn Adveniat unterstützt das Leben in Peru mit vielen Projekten. Der Bau neuer Kirchen wird unterstützt, es können Fahrzeuge angeschafft werden, durch die wir die weit entfernt liegenden Dörfer erreichen können, und es wird in die Ausbildung von Katecheten und Priestern und in soziale Projekte investiert. Ohne die Hilfe von Adveniat wäre vor Ort vieles nicht möglich.

Teilnehmer: Ein Blick auf die Zukunft – was ist zu tun?

Bischof Nann: Durch lebendigen Glauben wächst Berufung. Wir schauen auf das, was uns stärkt und was uns hilft, eine pilgernde, eine missionarische Kirche zu sein. Wir erleben zum Beispiel, dass viele der jungen Priester aus den Familien stammen, die als Katecheten in den Gemeinden Verantwortung übernehmen. Nicht das halb leere, sondern das halb volle Glas sehen ... Bei uns sind die Gläser immer halb voll. Das weckt Hoffnung und neue Kräfte …

Zum Abschluss der Abendsegen in der Schönstattkapelle von Benhausen (Foto: Busch)

Zum Abschluss der Abendsegen in der Schönstattkapelle von Benhausen (Foto: Busch)

Bischof Nann beim Abendsegen (Foto: Busch)

Bischof Nann beim Abendsegen (Foto: Busch)

Noch mehr Aspekte kommen in den Blick – die Zeit vergeht wie im Flug. Am Ende des Gesprächs mit Bischof Nann sind die Teilnehmer im Josef-Kentenich-Haus eingeladen, einen Moment inne zu halten und sich zu fragen: Was bleibt von dieser Begegnung? Was nehme ich mit in meinen Alltag?

Ein paar Blitzlichter:

Alle unsere Eindrücke und vor allem die Menschen, die uns am Herzen liegen, nehmen wir zum Abschluss des Abends mit ins hell erleuchtete Heiligtum des Liebesbundes für Europa, wo Bischof Nann uns den Abendsegen erteilt.

Auf dem Weg ins Schönstatt-Heiligtum Benhausen (Foto: Busch)

Auf dem Weg ins Schönstatt-Heiligtum Benhausen (Foto: Busch)

Liebesbündnis mit den Armen konkret

Wer das Liebesbündnis mit den Armen auch finanziell konkret werden lassen möchte, kann das folgende Spendenkonto bei Adveniat zugunsten der "Prelatura Caraveli" von Bischof Reinhold Nann benutzen:

Bischof Reinhold Nann (Foto: Kronenburg/Adveniat)

Bischof Reinhold Nann (Foto: Kronenburg/Adveniat)

Bischof Reinhold Nann ist 1960 in Achkarren am Kaiserstuhl geboren. Er ist seit der Kindheit in der Schönstattbewegung aktiv und gehört seit 1980 zur Priestergemeinschaft des Schönstattinstituts Diözesanpriester. Seine Berufung zum Priester hat ihn schon von Anfang an herausgefordert, besonders das „Evangelium für die Armen“ zu verkünden. Bischof Reinhold Nann hat als Priester viele Jahre in den Anden und im Amazonasgebiet von Peru gewirkt und das Leben der Kleinbauern kennengelernt. Seit August 2017 ist Reinhold Nann als Bischof in der kleinen Praelatur Caraveli im Süden Perus eingesetzt und angesichts der Armut, die den Alltag der ihm anvertrauten Menschen prägt, hofft er auf die Solidarität der deutschen Kirche und auf die Unterstützung des Lateinamerika-Hilfswerkes Adveniat.