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17. März 2017 | Delegiertentagung2017 | 

Zeichen der Zeit: Politik unter Druck – scharfer Populismus, starke Individualinteressen, schnelle Lösungen


Zeichen der Zeit: Politik unter Druck –
scharfer Populismus, starke Individualinteressen, schnelle Lösungen

Frederik Schmitt, 1. Kreisbeigeordneter von Fulda

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17. März 2017

 

Herzlichen Dank für die Begrüßung …, herzlichen Dank für die Einladung …       
Ich freue mich sehr, dass ich hier sein kann in dieser schönen Atmosphäre, und tatsächlich habe ich die schon seit heute Morgen mitnehmen können.

Und jetzt habe ich die relativ schwierige Aufgabe, etwas zu erzählen zum Thema: Was ist gerade in der Politik und was passiert gerade in der Gesellschaft, was nehmen wir wahr? Was nehmen wir vielleicht auch nicht wahr, obwohl es passiert die ganze Zeit? Und wenn man sich ein bisschen zurückorientiert – vor kurzem Jahreswechsel im Dezember, und im Januar wird immer erzählt, was war im letzten Jahr, was hat das Jahr 2016 ausgemacht? Und da haben wir diese Begriffe: Welt aus den Fugen – Jahr des Schreckens – Ende der Vernunft. Und heute Morgen, ich glaube, Frau Wilhelm, die hier saß, hat es auch gesagt, was ist mit Trump und Erdogan in der Türkei, in Syrien haben wir wahrscheinlich einen Dauerkonflikt, in der Ukraine ist schon ein Dauerkonflikt. Wir sind von einer Vielzahl von Herausforderungen in der Europäischen Union betroffen: Brexit – die Engländer wollen nicht mehr mitspielen –, in Frankreich klopft Marine Le Pen an die Tür des Präsidentenamtes. Also alles erscheint schlecht, alles sieht so aus, als ob wir mehr oder weniger auf der Stelle treten, alles erscheint instabil, eine instabile Welt, und gleichzeitig eine zerbrechliche Ordnung.

Ich habe am Jahresanfang eine Rede gehalten, der Bischof von Fulda macht da einen Empfang, und da spricht immer abwechselnd der Oberbürgermeister von Fulda und der Landrat von Fulda mit dem Bischof zusammen. Dieses Jahr war der Landrat dran. Der Landrat war aber leider im Ski-Urlaub, und so durfte ich sprechen. Da habe ich mir überlegt: Ist das mit dem Jahresrückblick denn tatsächlich so? Ist es vielleicht ein Fehler, nur auf ein Jahr zu fokussieren? Treten wir einen Schritt zurück und schauen uns größere Zeiträume an, wo man vielleicht eher Entwicklungslinien in Politik und Gesellschaft in Europa und Deutschland, aber auch weltweit klar sehen kann. Und vielleicht unsere Wahrnehmung in dem Punkt korrigieren, dass alles immer schlechter, immer instabiler wird.

Dann habe ich ein bisschen recherchiert und bin auf einen Wissenschaftler aufmerksam geworden, Max Roser, der lehrt in Oxford, ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler. Er hat eine Internetseite: Our World in data (ourworldindata.org) – also unsere Welt in Daten. Da habe ich mal verschiedene Parameter angeschaut, wie das in den letzten 200 Jahren war, um nur einen Zeitraum festzulegen, oder auch, was in etwas kürzerer Zeit passiert ist.

Was ist mit der absoluten Armut auf der Welt?
1820 – nicht lange her, wenn man die Geschichte der Menschheit betrachtet – haben ungefähr 90 % der Menschen in extremer Armut gelebt: 90 % in 1820. 1950, das sind mehr als 100 Jahre später, haben 75 % der Weltbevölkerung in extremer Armut gelebt, also immer weniger als 1 $ Kaufkraft pro Tag. In 1980, da bin ich geboren, haben nur 44 % der Personen in absoluter Armut gelebt; 2000 nur 25 %; heute gehen wir davon aus – schätzungsweise 10 %. Das kann man jetzt … vielleicht sind es 12 oder 15 %, das ist eigentlich am Ende egal, aber die Abnahme gerade in den letzten 30 Jahren, die erstaunliche Abnahme: von immerhin 1980 44 %, 2000 25 %, heute 10 %, das ist aus meiner Sicht eine sehr dramatische Veränderung.

Dann die Alphabetisierungsquote, also wie viele Leute können lesen und schreiben?
1820 konnte eine von 10 Personen lesen und schreiben – eine von 10 und überhaupt sich weiterbilden durch Lesen. 1930, etwas mehr als 100 Jahre später, immerhin schon 3 von 10, es ist ein bisschen gestiegen. Heute sind es ungefähr 85 % der Weltbevölkerung, die lesen und schreiben können – ein extremer Anstieg, also fast 9, 8 ½ Personen von 10 Personen. Heute können 8 von 10 lesen und vor 200 Jahren waren 9 von 10 Analphabeten. Also fast ein Umdrehen der Zahlen. Wenn man sich die absoluten Zahlen noch dazu denkt: 1820 haben ungefähr 120 Millionen Menschen gelebt, und heute leben 7,2 Milliarden, wahrscheinlich schon ein bisschen mehr inzwischen. Dann sieht man, dass es in den absoluten Zahlen eine noch viel größere Entwicklung ist, wenn ich so viele von so vielen zum Lesen bekomme.

Und noch ein Datum, das mich besonders beeindruckt, ist das Thema Kindersterblichkeit.
1820 haben ungefähr 43 % der Kinder das 5. Lebensjahr weltweit nicht erlebt – 43 % der Kinder weltweit. Danach hat sich vieles verändert. Heute, wenn wir die Zahlen von heute nehmen, sind es weltweit, nicht nur in Deutschland, 4,3 %. Das heißt: früher haben 43 von 100 das 5. Lebensjahr nicht erlebt, heute sind es zwischen 4 und 5 von 100. – Eine dramatische Veränderung der Zahlen.

Statistik ist manchmal dröge, viele Excel-Tabellen … Ich bin noch auf einen anderen Wissenschaftler gestoßen, leider im Februar diesen Jahres verstorben: Hans Rosling, ein schwedischer Arzt, er hatte eine Professur im Karolinska-Institut, das ist die schwedische Medizin-Universität in Stockholm, und er hatte einen Lehrstuhl für internationale Gesundheit und hat Daten gesammelt und hat gemerkt, dass man Daten schöner darstellen kann.

Und jetzt kommen wir zu dem, was (auf der Leinwand) dargestellt ist. Da sehen Sie jetzt hier, da sehen wir auf der y-Achse die Lebenserwartung pro Jahr und auf der x-Achse sehen wir das Einkommen der Personen, also ein wirtschaftliches Datum. Diese Ballen, diese Blasen, die wir da sehen, das sind die verschiedenen Länder, und umso größer ein Land, umso größer ist die Blase. Die beiden großen roten sind China und Indien.

Wir sind jetzt im Jahr 800, und wir sehen oben rechts die Farben – die gelben Länder sind Europa im weitesten Sinne, grün ist Russland, rot ist Asien, blau ist Afrika und gelb ist Nord- und Süd-Amerika.

Und jetzt starten wir mal kurz den Gang durch die Zeit – wir drücken auf den Knopf, und Sie sehen erst einmal nichts – weil nämlich relativ wenig passiert. Wir haben natürlich in dieser Zeit eine gewisse Datenunsicherheit; ein bisschen etwas tut sich, wenn man im Jahr 900 auf den Knopf drückt, da ist in der Zeit relativ wenig passiert. Wir machen das weiter – sehen das so langsam vor dem Ersten Weltkrieg, jetzt passiert auf einmal viel mehr, jetzt kommt der Zweite Weltkrieg, jetzt bewegt sich China immer stärker … bei 2004, 2012, 2015 sind wir angekommen. Und da sehen wir jetzt – ein schöner Befund.      

Und dann sehen wir, was passiert ist, und wir versuchen jetzt den Weg Deutschlands noch mal nachzuvollziehen – ab dem Jahr 800 auf Deutschland klicken: Und jetzt sehen wir, was in der Zeit in Deutschland passiert. Es geht los, ein bisschen reicher werden die Deutschen in der Zeit, aber nur relativ langsam, aber alles, was mit Hygiene, mit Gesundheit, was mit Ernährung zu tun hat, dort passiert wenig. Jetzt steigt die Lebenserwartung ein bisschen, immer mehr, immer mehr. Jetzt kommt gleich der Erste Weltkrieg – zack – jetzt geht’s wieder hoch, relativ schnell erholt. Jetzt kommt der Zweite Weltkrieg – zack – wieder, und dann wird’s relativ stark mit der Lebenserwartung nach oben gehen. Sie sehen, es steigt und steigt.

Das ist der Weg, den Deutschland in den letzten 200 Jahren in diesen beiden Daten genommen hat. Aus meiner Sicht ein sehr erstaunlicher Weg, und wenn wir sehen, wie die Lebenserwartung vor 200 Jahren war: 45 Jahre, und heute ist sie bei 80, dann ist das sehr erstaunlich.

Etwas Zweites: Da sehen wir jetzt Kindersterblichkeit – auf der Linie nach oben, auf der y-Achse –, da sehen Sie Länder, bis zu 640 Kinder von 1000, die das 5. Lebensjahr nicht erreicht haben, und unten sehen wir „Kinder pro Frau“, also bis zu 8 Kinder damals in der Durchschnittsfamilie; in Deutschland sind’s 5,4 in 1800.

Und auch da bitte wieder auf Start, und da werden Sie auch hier sehen, dass erst mal relativ wenig passiert. Vor allem bei der Kindersterblichkeit passiert fast gar nichts. Die Familiengrößen variieren etwas. Und dann 1900 geht’s so langsam los. Gerade in Europa – die gelben – werden die Familien kleiner, was natürlich auch mit der Bildung der Frau zu tun hat. Und dann sehen wir da schön zwei Welten – so denken wir auch heute noch, so die Denkmuster: die entwickelte Welt, Europa ist hier unten, und die Entwicklungsländer da oben, die sind voneinander relativ getrennt, kaum Überlappungen. Wir lassen es weiterlaufen, was jetzt passiert, und da sehen wir große Veränderungen, gerade in China natürlich und in Indien aber ganz genauso. Und Sie sehen, wie die alle da runterziehen, also was mit der Kindersterblichkeit bei allen passiert, und Sie sehen natürlich, dass Afrika – ein Stück weit noch deutlich erkennbar –, sagen wir mal, wir haben nicht mehr die Zwei-Welten-Spaltung, also Entwicklungsländer und entwickelte Welt, die sind alle relativ nach unten gezogen.

So weit, so gut. Deutschland. Eine Stufe zurück. Was passiert in Deutschland. Um das besser wahrzunehmen, ist es manchmal ganz schön, einen Schritt zur Seite zu gehen und von außen draufzuschauen. Und mir war das gerade vergönnt, selber von außen draufzuschauen. Ich war letztes Jahr im Oktober in Uruguay auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung. In Uruguay, das ist ein zentral organisierter Staat, 3,5 Millionen Menschen wohnen da, es ist eines der weit entwickeltsten Länder in Südamerika. Da hat man in 2000 überlegt: Wir führen Kommunen ein. Das gibt’s bei denen nicht, keine Bürgermeister, keine Kommunen, nur ein Zentralstaat. Sie haben gemerkt, das wäre vielleicht gut, wenn wir das einführen würden – was natürlich auch gut ist. Die haben ein Dezentralisierungsgesetz gemacht. Es gibt seitdem Kommunen und es gibt seitdem natürlich auch Bürgermeister. Und diese Bürgermeister müssen geschult werden. Also fängt die Konrad-Adenauer-Stiftung an, Bürgermeister zu schulen und holt Kommunalpolitiker, so wie mich, nach Uruguay, um den Bürgermeistern zu erzählen, was in Deutschland Kommunen und Landkreise machen. 

Dann habe ich also berichtet, was wir da so machen, was wir da so an Geld zur Verfügung haben, welche Steuern wir erheben können, zum Beispiel Grundsteuer, Gewerbesteuer, welche Mittel wir bekommen über die Einkommenssteuer und was wir damit alles machen. Und es war relativ erstaunlich. Gut, man fährt nicht in die Dritte Welt, wenn man nach Uruguay fährt.

Dann habe ich also erklärt: Wir kümmern uns zum Beispiel um das Abwasser. Da sammeln wir das Wasser und es wird in Kläranlagen geklärt und dann erst irgendwo hineingeleitet. Da gab’s Nachfragen: Wird wirklich alles Wasser bei Ihnen geklärt? – Ja, alles Wasser läuft in eine Kläranlage, wird geklärt usw. und geht dann weiter.  
Das nächste Thema war Abfall, dass bei uns Abfall eingesammelt wird – überhaupt, dass wir Müll trennen, das war eine ganz andere Geschichte –, aber dass es bei uns tatsächlich so Abfallkalender gibt, und am Montag kommt jemand und holt die gelbe Tonne ab und am Dienstag Restmülltonne, und der kommt auch tatsächlich. Meistens ist das ja so in Deutschland. Das war für die völlig erstaunlich, also dass Abfall abgeholt wird und dass es einen Kalender gibt, wo für ein Jahr drin steht, wann die kommen, und die kommen dann auch tatsächlich.    
Der dritte Punkt war das Thema Rettungsdienst. Der Landkreis Fulda ist zuständig für den bodengebundenen Rettungsdienst. In Hessen haben wir die Vorgabe, innerhalb von 10 Minuten muss ein Fahrzeug in 90 % aller Fälle am Unglücksort sein; in Rheinland-Pfalz sind es, glaube ich, 15 Minuten; aber länger als 15 Minuten ist es nirgendwo in Deutschland. Dann sagten die: Ja, ja, klar, in den Städten macht ihr das, aber nicht im ländlichen Raum, da habt ihr das nicht in den 10 Minuten. Da sagte ich: Natürlich, doch, Fulda ist ländlich, wir haben die Rhön usw., da gibt es weite Strecken. In 10 Minuten muss ein RTW, ein Rettungswagen, oder ein NEF, ein Notarzteinsatzfahrzeug, da sein. Und das ist auch so tatsächlich bei uns. Und dann sind die extrem erstaunt, weil die sich das überhaupt nicht vorstellen können, dass so was organisierbar ist.

Dann haben wir auch noch über die Flüchtlingskrise gesprochen, und dass wir innerhalb von kürzester Zeit Zeltlager aufgebaut haben, dass die Freiwillige Feuerwehr kam und dass es bei uns Malteser gibt und so Ehrenamtler, die sich engagieren und die man einschalten kann, wenn es schlimm wird usw.

Und da schauen die einen an und sagen: Das ist erstaunlich. Die schauen auf uns und sagen: Deutschland ist das bestorganisierteste Land der Welt. Wenn wir es so schaffen würden, dann wären wir hochzufrieden.      
Und wenn man nach Deutschland zurückkommt, dann ist natürlich von diesem Gefühl nicht mehr so viel übrig. Da ist dann eher das Motto: Na ja, also bitte Windkraft, aber bitte nicht bei mir, bitte doch keine Anliegergebühren erheben für die Straße. Man ist mit vielen Dingen konfrontiert, aber das macht man sich nicht klar. Und das ist für mich die erste These für heute: Auf der Welt – was diese statistischen Daten angeht –, aber auch für Deutschland aus der Sicht von außen, dass es uns viel besser geht und dass wir viel mehr, aus meiner Sicht, immer wieder vor die Klammer gezogen darüber reden sollten, was alles gut ist, und nicht so sehr, was alles noch nicht so gut ist.

Jetzt gibt es aber auch Sachen, über die ich mir Sorgen mache, natürlich. Und es geht ja natürlich auch darum, zu überlegen: Was sind jetzt Herausforderungen? Ja, was macht mir Sorgen?

Ich mache mir Sorgen darüber, dass wir das nicht wahrnehmen, über das, was ich gerade gesprochen habe. Da gibt’s eine Umfrage – die Frage ist, von Gallup ist die gemacht worden in vielen Ländern der Welt mit der Frage: Alles in allem, glaubst du, die Lebensbedingungen in der Welt werden immer besser?

Ja antworten in Deutschland 4 % der Bevölkerung – die Daten habe ich gerade gezeigt –, USA 6 %, Schweden immerhin, die sind vielleicht ein bisschen schlauer, 10 % sagen das, immer nur noch 10 %.

Wenn wir also darüber sprechen, was nehmen wir wahr, und was passiert tatsächlich wirklich vielleicht bei uns? Wenn Sie auch Deutschland wahrnehmen würden, würden Sie auch in Umfragen sagen: Da ist man mit Politik nicht so zufrieden, obwohl das alles, was sich entwickelt hat, natürlich nicht ganz gegen schlechte Politik, gegen schlechte Verwaltung entstanden ist, sondern natürlich auch, weil wir gut verwaltet sind und weil bei uns richtige Entscheidungen getroffen werden.

Wenn man sich dann die Frage anschaut: Warum nehmen wir das wahr? Wer transportiert solche Wahrnehmungen in Medien natürlich auch? Ich habe auch ein paar Zahlen zusammengeschrieben, was sich da verändert. Zeitungen zunächst, die FAZ war so der Standard, vielleicht noch Qualitätsjournalismus. 2010 hatte die FAZ 363.000 Auflage; 6 Jahre später, ist keine lange Zeit, 2016 250.000, also 100.000 Auflage verloren. – Die Bildzeitung, kein Qualitätsjournalismus, aber immerhin was zum Lesen, 1998 4,5 Millionen Auflage, heute 1,5 Millionen Auflage.

Was hat heute eine höhere Auflage? Twitter-accounts. Was mache ich bei Twitter? Da bin ich, und Sie sagen, ich möchte dich, Frederik Schmitt, abonnieren. Alles, was du schreibst, will ich lesen. Also bin ich dann ein Follower. Wer hat die meisten Follower? Also die in Deutschland, es ist kein Politiker, ist auch keiner aus der Kirche – Sie dürfen raten, wer es ist: Mesut Özil, er ist ein Fußballer, hat die meisten: 10,5 Millionen. Es werden nicht alles Deutsche sein, werden auch wahrscheinlich einige Engländer dabei sein. Zweiter Platz: Toni Kroos, auch Fußballer, 3,7 Millionen; dritter Platz: Heidi Klum, 3,6 Millionen. Der Erste, der aus der politischen Riege kommt, ist der Regierungssprecher Steffen Seibert, der hat 700.000. Martin Schulz, 300.000, Angela Merkel ungefähr 100.000. Weit besser ist Jan Böhmermann, 1,5 Millionen; seit der einen Vertrag mit Erdogan hat, ist er mit den Twitter-Geschichten nach oben gegangen. Also, Jan Böhmermann erreicht mit einem Tweet, wie man das nennt, also mit einem Schreiben 1,5 Millionen Personen, die den wieder retweeten, also weiterteilen. Dann lesen es ja noch wieder mehr.

FAZ Auflage: 250.000. Also das heißt, das Medienverhalten hat sich geändert und wird sich stark ändern. Und das, was wir jetzt schon nicht wahrnehmen, werden wir, glaube ich, dadurch noch viel weniger wahrnehmen. Ich möchte nicht sprechen über die Themen Lügenpresse, Digitalisierung, Fakenews, Propagandakrieg, Angriff auf den Bundestag, das wird wahrscheinlich alles in Russland sein, wir werden es alles wieder irgendwann bekommen in Häppchen vor der Bundestagswahl, aber nicht so, dass es irgendwie in den Zusammenhang gestellt wird.

Das ist die eine Frage, die mir Sorge macht: Was nehmen wir noch wahr, was nehmen wir eben alles gerade nicht wahr?

Und die zweite Sache, die mir Sorge macht: Wer setzt sich ein und wer setzt sich ein für was? Und meine Wahrnehmung ist: dass es immer weniger Engagement für etwas gibt und immer mehr Engagement gegen etwas. Immer weniger Engagement in den Organisationen und in den stabilen Organisationen, sage ich mal, in den Parteien oder in den Kirchen, also Dinge, wo ich mich langfristig irgendwie engagiere, dort ist immer weniger Engagement da, und immer mehr in kurzfristigen Dingen, die aber was mit Individualinteressen, das Wort, wo Peter (Moderator) am Anfang drüber gestolpert ist, zu tun haben. Immer mehr engagieren sich in Bürgerinitiativen gegen die neue Stromtrasse, gegen die Windkraftanlage, gegen die Umgehungsstraße und was auch immer, und immer weniger gehen in Parteien.

Nur ein paar Zahlen: die SPD 1975, ist Ihnen allen bekannt, 1 Million Mitglieder, heute 500.000, die CDU: 1990 hatte die ihren Höchststand, 900.000 Mitglieder, heute 500.000. Also beide halbiert, und es wird – das ist jetzt dasselbe wie bei der Kirche, das kann man alles extrapolieren, das wird auf 200.000 sinken, die haben auch altersmäßig einen Berg. Und wenn man das so extrapoliert, dann wird es noch viel weniger werden.

Also heute Morgen wurde gesagt: Neue Köpfe braucht das Land. Das stimmt – überall in der Kirche, auch vor allen Dingen in der Politik. Und mehr Niedrigschwelligkeit, habe ich gerade gehört, auch das gilt natürlich für politische Parteien. Das wäre ein wichtiger Punkt, der aus meiner Sicht wichtig ist. Also bei der Frage: Wer setzt sich ein für was?, will ich noch eine Geschichte kurz erzählen, weil die, finde ich, bringt es ein bisschen auf den Punkt.

Bei uns – ich komme aus Petersberg-Steinau, also ein kleinerer Ort im Landkreis Fulda, da ist es so, da verteilt der Ortsbeirat und der Bürgermeister zu Weihnachten immer Weihnachtspäckchen an Senioren, also an alle, die über 80 sind. Und die Mitglieder des Ortsbeirates oder des Kreistages verteilen dann und gehen dann hin und bringen dann das Päckchen mit Diät-Stollen und alkoholfreiem Glühwein. Das ist aber gar nicht so der Kern, sondern dass man da zu jemandem hingeht, klingelt und sagt: Beste Grüße vom Bürgermeister, vom Ortsbeirat und frohe Weihnachten und so. Ich habe das auch viele Jahre gemacht und war bei einer Dame, leider inzwischen schon verstorben, Frau Lüdicke, da war ich sehr oft zu Besuch, sie war immer die Letzte, zu der ich hingegangen bin, weil es bei ihr immer am nettesten war. Das habe ich meistens am 24. Dezember gemacht vor der Christmette. Da haben wir einen Schnaps getrunken zusammen, und kamen ins Erzählen. Und die hat mir eine Geschichte erzählt, und die finde ich sehr beschreibend für das.

Ich habe nämlich gefragt: Sie wohnen direkt an der Hauptstraße, Frau Lüdicke, haben Sie eigentlich einen Garten irgendwo? Dann sagte sie: Ja, ich habe hinter dem Haus einen Garten, aber da bin ich inzwischen zu alt, da mache ich kaum noch was in dem Garten. Aber früher hatten wir einen Garten vor dem Haus. Das war schön, da hatte ich viel Gemüse usw. Aber dann in den Sechzigerjahren ist die Straße neu gemacht worden, und das ist die Hauptstraße durch Steinau, und die ist geteert worden das erste Mal, und da mussten wir alle unsere Vorgärten abgeben.

Da habe ich im ersten Moment gezögert – alle Vorgärten abgeben? Wenn wir das heute machen würden, also wenn heute ein Lokalpolitiker auf die Idee käme, irgendwie durch ein Neubaugebiet, und sagt, jetzt geben alle ihre Vorgärten ab, dann würde der beim nächsten Mal abgewählt werden, vielleicht zurecht, ich weiß es nicht. – Dann habe ich das gesagt: Heute wäre das aus meiner Sicht unvorstellbar, das wäre überhaupt nicht durchsetzbar, selbst kleinere Maßnahmen sind sehr schwierig durchzusetzen heute. Dann sagte sie: Nee, das war kein Problem damals, das war doch selbstverständlich: Gemeinwohl geht vor Eigenwohl, das ist doch ganz klar.

Und die Geschichte hat mir gezeigt, dass da sich schon was verändert hat bei uns. Heute würde keiner selbstverständlich mehr sagen: Ja klar, irgendwie braucht man Windräder – egal wie man dazu steht oder was weiß ich, oder eine Stromtrasse oder wie auch immer, und das ist jetzt Allgemeinwohl, geht vor Eigenwohl, ist o. k.

Das ist neben der ersten These: Was nehmen wir wahr und was nehmen wir nicht wahr, der zweite Punkt, den ich sagen möchte: Wer setzt sich ein und wer setzt sich noch ein für was? Und ich glaube, es setzen sich immer weniger ein für die tragenden Dinge der Gesellschaft, für die repräsentative Demokratie, für Parteien, für Kirchen. Immer mehr setzen sich ein für Partikularinteressen, meistens die eigenen natürlich, was auch selbstverständlich ist, was ich auch gar nicht verurteilen möchte, aber was natürlich, wenn es irgendwann eine kritische Masse in der Gesellschaft erreicht, zu einem Problem wird.

Als ich diese Rede beim Bischof gehalten habe, dachte ich, ich muss auch noch was Theologisches dazu sagen. Ich bin kein Theologe, sondern Jurist, und habe dann gekramt: Was sagt denn eigentlich die Kirche dazu? Also können wir Hoffnung haben? Wo ist der Punkt?

Dann habe ich gelesen und habe dann gefunden: Hoffnung, ja, da gibt es drei Enzykliken, nicht vom aktuellen Papst, sondern von dem davor, von Benedikt: Glaube, Hoffnung, Liebe. Habe die von Hoffnung gelesen, das erste Mal, wie das so ist, guckt man, liest man so eine Enzyklika, und habe dann Folgendes gefunden:

Also: Spe salvi facti sumus – Auf Hoffnung hin sind wir gerettet. Das ist die Enzyklika. Da weist Papst Benedikt darauf hin, dass addierbarer Fortschritt nur im materiellen Bereich möglich ist. Das heißt, im Bereich des moralischen Bewusstseins und des moralischen Entscheidens sei eine gleichartige Addierbarkeit aus dem einfachen Grund der Freiheit des Menschen nicht möglich. Moralische Entscheidungen seien nie einfach für uns von anderen schon vor uns getan worden, sondern die Freiheit bedeutet, dass jeder Mensch jeder Generation hierbei immer einen neuen Anfang, wieder ihre eigenen Entscheidungen zu treffen hat.

Ich komme zum Kern: Also sicherlich können die neuen Generationen auf den Erkenntnissen und Erfahrungen der anderen aufbauen, die ihnen vorausgegangen sind und aus dem moralischen Schatz der ganzen Menschheit schöpfen. Jetzt kommt‘s: Dennoch sei der rechte Zustand der menschlichen Dinge, das Gutsein der Welt nie einfach durch Strukturen alleine möglich. Unter den Strukturen verstehe ich, was wir Rechtsstaat nennen, wie wir organisiert sind. Solche Strukturen seien wichtig und notwendig. Aber auch die besten Strukturen funktionieren nur dann, wenn in einer Gemeinschaft Überzeugungen lebendig sind, die die Menschen zu einer freien Zustimmung zu dieser gemeinschaftlichen Ordnung motivieren.

Und deswegen macht mir das Sorge, dass wir diese kritische Masse der Menschen, die, wie es hier heißt, aus freier Zustimmung zu dieser gemeinschaftlichen Ordnung stehen, dass wir die irgendwann unterschreiten. Der eindringlichste Satz in dieser Enzyklika aus meiner Sicht: Freiheit braucht Überzeugung – Überzeugung für etwas, nämlich dafür, so wie wir organisiert sind in einem Rechtsstaat mit Menschenrechten in einer repräsentativen Demokratie. Und der Papst hat das Ganze noch mal zusammengefasst in einem Interview. Da sagt er: Das Christentum, der Katholizismus ist nicht die Ansammlung von Verboten, sondern die positive Option. – Heute Morgen hat die Mädchenjugend vom Aufstand der Optimisten gesprochen und das, finde ich, schärft das Ganze schön. Also mit einer positiven Grundhaltung, einer Grundhaltung eines rationalen Optimismus den Herausforderungen zu begegnen. Ich glaube, das sollten wir uns alle zusammen auf unsere Fahne schreiben.

Und damit bin ich am Ende und möchte ans Ende einen Satz stellen, der mir heute Vormittag sehr gut gefallen hat, den die Schönstatt-Mannesjugend zitiert hat: Mach es einfach und mach es einfach.

Das ist das Ende. Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit!

Spenden zur Unterstützung des Büros des Bewegungsleiters sind – auch gegen Spendenquittung – möglich auf folgende Konten: Schönstatt-Bewegung Deutschland –
Bank im Bistum Essen – IBAN DE 07 3606 0295 0029 6200 24 – BIC GENODED1BBE
oder Sparkasse Koblenz – IBAN DE11 5705 0120 0000 1420 91 – BIC MALADE51KOB