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18. März 2017 | Delegiertentagung | 

Bündniskultur mit Ergriffenheit und Leidenschaft


Pater Ludwig Güthlein (Foto: Brehm)

Pater Ludwig Güthlein (Foto: Brehm)

Hbre. Die beiden Vorträge „von außen“ hatten am Vortag den Wandel der Kirche „von der Volkskirche zur Kirche des Volkes“ und einen Blick in die Gesellschaft angesichts eines stärker werdenden Popularismus und immer stärker betonter Individualinteressen, zum Thema. Mit diesen beiden Themen standen bei der Jahresplanungstagung der Schönstatt-Bewegung Deutschland zwei unübersehbare Zeichen der Zeit im Focus. Der dritte Vortrag von Pater Ludwig Güthlein, Leiter der Schönstatt-Bewegung Deutschland, fand am Vormittag des zweiten Tages der Delegiertentagung statt und stand unter dem Thema: „‘zeitergriffen und zeitüberwindend‘ – Bündniskultur mit Leidenschaft“.

Plenumsversammlung der Delegiertentagung 2017 im Saal des Pater-Kentenich-Hauses (Foto: Brehm)

Plenumsversammlung der Delegiertentagung 2017 im Saal des Pater-Kentenich-Hauses (Foto: Brehm)

Bündniskultur ist langfristiges Anliegen und geht

Mit dem Wort Bündniskultur greift der Titel die längerfristige Strömung auf, die bei der Delegiertentagung des vergangenen Jahres als langfristiger Zentralwert beschlossen worden war. Der Schönstatt-Bewegung wird es nicht nur im laufenden Jahr um die Schaffung einer Bündniskultur gehen. Sich um die kulturprägende Kraft des Liebesbündnisses zu bemühen, ist ein langfristiges Anliegen, das nur mit einem langen Atem und mit „Leidenschaft“ einem zweiten Wort aus dem Titel des Referates erreicht werden kann. „Heute bestimmen die Emotionen die Gesellschaft“, betonte Pater Güthlein, und der Populismus treibe ein Spiel mit diesen Emotionen bis hin zur Manipulation. In der Nachfolge des Schönstatt-Gründers gehe es der Bündniskultur darum, beste Kräfte zu heben. Pater Kentenich sei hier ein besonderes Vorbild, der bei Menschen beste Kräfte auf Berufung und Heiligkeit hin wecken konnte.

„TOMORROW – die Welt ist voller Lösungen“

Sprechende Grundlage für den zweiten Teil seines Vortrages war ein Ausschnitt aus dem Film „TOMORROW – die Welt ist voller Lösungen“ zum Thema Permakultur. Dargestellt wird eine hochproduktive Mikrofarm, die mit einer Anbaumethode von Hand, auf einem 10tel der Fläche dieselbe oder eine höhere Produktivität erzielen kann, wie ein traditioneller Bauernhof mit Traktoren und dem Verbrauch fossiler Brennstoffe. Wichtig ist lediglich die Beachtung der Eigengesetzlichkeit der Natur, effiziente Anbaustrategien wie z.B. der Zwischenfruchtanbau sowie der Einsatz hochentwickelter Hilfsmittel beim Anbau von Hand. Güthlein verband die Freude, die man beim Anschauen dieses Filmclips empfindet mit den inhaltlichen Schritten seines Vortrages.

Güthlein: „Es geht um eine genügende Klarheit wofür ich lebe.“ (Foto: Brehm)Güthlein: „Es geht um eine genügende Klarheit wofür ich lebe.“ (Foto: Brehm)

„Zeitergriffen und zeitüberwindend“

Bei der Suche nach einem Zentralwert gehe es darum, das zu finden, was ergreifen kann. Daher steht das Wort „ergriffen“ als verbindendes Wort über seinen Ausführungen. Wenn es den Personen im Film um nichts weniger geht, als Wege zu suchen, wie die Menschheit in Zukunft ernährt werden kann, dann kann man spüren, dass das sehr nahe ist zu Dingen, die Pater Kentenich immer wieder gesagt hat. „Zeitergriffen und sendungsergriffen zu sein, hat etwas damit zu tun, dass man seinen persönlichen Aktionsradius in einer großen Perspektive sehen kann“, so Güthlein. „Schönstatt leben im Modus der Zeitergriffenheit ist das, was wir uns erhoffen.“ Die aktuelle Zeit wird von vielen Themen, darunter auch einem postfaktischen „wahrheitslosen Dauerdiskurs“ durchgeschüttelt. Es stelle sich ihm die Frage, wie die zeitüberwindende Verarbeitung von Halt-in-einem-sicheren-Wissen-haben aussehen kann. Bündniskultur habe auch die Seite einer Ideengebundenheit, einer Gebundenheit an Werte, einem Halt in einem Verstehen der Welt. Güthlein: „Es geht um eine genügende Klarheit, wofür ich lebe.“ Schönstatt wolle Leidenschaft, keine Emotionalisierung mit der man spielen kann. Zeitüberwindend sei z.B. die Pendelsicherheit, es gehe aber darum, diese als Wachstumsvorgang zu sehen, einen Vorgang, den man auch üben muss.

Projektergriffen zwischen Über- und Unterforderung

Im Film werde deutlich, wie alles, was die Protagonisten können, hineinfließt in das jeweilige Projekt. Es geht also darum, „das, was an Fähigkeiten, an Begabung und an Charisma in einem steckt, in etwas hineinfließen zu lassen.“ Dabei steht die Projektergriffenheit zwischen Überforderung, alles zu wollen, zu müssen, zu sollen und der Unterforderung, also gar nicht zu spüren, wo man sich investieren kann. Gründergeist und Gründungsmentalität müsse nicht nur im Hinblick auf den Gründer Pater Kentenich gelesen werden, sondern viel mehr im Sinne eines Gründungsbeauftragten, wie ihn viele Kommunen haben, der anderen hilft, etwas in den Stil zu stoßen. So entwickle sich die Gesellschaft, so erneuere und entwickle sich auch Schönstatt.

Die MJF und die SMJ sind bei der Delegiertentagung gut vertreten  (Foto: Brehm)

Die MJF und die SMJ sind bei der Delegiertentagung gut vertreten  (Foto: Brehm)

Schönstattergriffen und der Zusammenhang von Identität und Weite

Anknüpfungspunkt im Film ist der Fruchtwald. Die Natur kennt keine Monokultur. Es ist immer eine Vielfalt von Pflanzen, die sich gegenseitig brauchen und unterstützen und durch die Vielfalt produktiv werden und am Leben bleiben. Die Antwort der Schönstatt-Bewegung auf die Zeit hat etwas damit zu tun, wie die ganze Bewegung in der Energie des Miteinanders leben kann. 1951 hat Pater Kentenich fünf Punkte genannt, die für die Frage der Identität und Weite wesentlich sind. 1. Sich vorsichtig abschirmen gegenüber extremen Strömungen. 2. Geschlossen bleiben, in der eigenen Welt leben. 3. Sich wieder stärker zusammen finden, einander in den Aufgaben unterstützen, einander helfen und sich helfen lassen. 4. Wir müssen uns weiten. Alle Gliederungen sollen sich weiten. Und 5. Die ganze Schönstattfamilie hinordnen zur Kirche, zu den Hirten, die Schönstatt als Väter der Diözese sieht. Er glaube, so Güthlein, dass man derzeit nicht einen der Punkte herauslösen könne, sondern vielmehr alle fünf gleichzeitig fördern sollte.

Gottergriffen – vom persönlichen und gemeinsamen Beten

Die Anknüpfung am Film liege vielleicht darin, dass die ökologische Bewegung, die von der Schöpfung spreche und eigentlich dem Religiösen nahe sein könnte, im Glauben an Gott doch nicht so ganz ihre Heimat gefunden habe. Es gehe um die Frage der Gottergriffenheit. Gott gehört in Schönstatt einfach dazu und trotzdem braucht es immer neu ein Suchen, mit wieviel innerer Kraft die Gottergriffenheit in der Bewegung lebt. „Es ist eine wichtige Frage, wie wir als Gemeinschaft das Miteinander nicht nur selbstverständlich, sondern mit einer Gottergriffenheit leben können.“

Zeichen der Zeit auch beim Blick in den Kalender?

Im Hinblick auf die Suche nach den Zeichen der Zeit, die die kommende Jahresarbeit der Schönstatt-Bewegung mitbeeinflussen werde, gehören neben diesen vier Punkten auch noch Ereignisse, die im Kalender stehen: Im kommenden Oktober 2018 wird eine Bischofssynode stattfinden zum Thema, „Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsentscheidung“. Und - im kommenden Jahr wird am 15. September der 50. Jahrestag des Todes von Pater Kentenich begangen. „Zeichen der Zeit?“ so Pater Güthlein abschließend.