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16. Oktober 2016 | Oktobertreffen2016 | 

Predigt in der Pilgerkirche


Predigt in der Pilgerkirche

Pater Ludwig Güthlein, Schönstatt

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Sonntag, 16. Oktober 2016
Lesungen: Ex 17,8-13, 2 Tim 3,14-4,2; Evangelium: Lk 18,1-8

Liebe Schwestern und Brüder,

wir sind zusammengekommen, um das Oktobertreffen der deutschen Schönstatt-Bewegung zu feiern, zu begehen, am Gründungsort, in der Nähe des Datums, wo das Liebesbündnis seinen Anfang genommen hat. Und wir hören im Evangelium dieses Wort, wir sollen nicht nachlassen im Beten (Lk 18,1), nicht nachlassen im Vertrauen, dass wir mit Gott verbündet sind und er sich rechtzeitig zu Wort melden wird, rechtzeitig zu Hilfe kommt, wenn das nötig ist.

Dieses Beharrlich-Sein ist ein wichtiges und schönes Thema für uns. Es braucht diese Umsetzung in ein alltägliches Verbundensein mit Gott. Mir kam das Bild, das Jesus auch gebraucht, vom Weinstock. Es muss immer ein Moment von Bei-ihm-Bleiben, In-seiner-Nähe-Sein geben, dann fließen innere Lebenskräf­te.

Es gibt einen Pastoraltheologen, Dr. Christian Hennecke. Er ist jetzt General­­vikariatsrat in Hildesheim und in der Leitung der Hauptabteilung Pastoral des Generalvikariats. Er hat fast eine kleine Weltreise gemacht und einmal gesammelt: Was braucht es, dass lebendige Gemeinden, lebendige Zellen der Kirche entstehen? Und ein Element davon ist dieses Bleiben im Gebet, dieses Miteinander-Erleben: Wir vertrauen auf ihn, und jetzt ganz aktuell und für die nächs­ten Schritte. Um so einen Kern herum entstehen lebendige Gemeinden.

Wir haben uns für das kommende Jahr ein biblisches Jahresmotto gewählt. Es ist in einem Prozess des Miteinander-Suchens entstanden, und über dem Jahr, das wir miteinander begehen, wo wir miteinander unterwegs sind, steht das Emmaus-Evangelium und das Wort: Er kam hinzu und ging mit ihnen (Lk 24,15). Diese Erfahrung der Jünger, die überhaupt nicht damit gerechnet haben, im Gegenteil, die durcheinander waren nach all dem, was geschehen ist in der Kreuzigung, und einige reden davon, er wäre auferstanden. Die nicht damit gerechnet haben, sie erleben, dass der Auferstandene da ist, dass er mit ihnen geht. Dann brennen ihre Herzen.

Ich glaube, wir machen es umgekehrt, wir machen uns auf den Weg in dem Vertrauen, ja mit dem Sprung, wir lassen uns ein, weil wir damit rechnen, dass er dazukommt, dass es nicht unser eigenes Bemühen allein ist, auf das wir uns verlassen. Diese Beharrlichkeit im Beten, von der Jesus spricht, ist eine Beharrlichkeit im Vertrauen, die sich schon mit dem Vorschussvertrauen auf den Weg macht: Er kommt hinzu.

Bischof Hemmerle hat einmal in einem Buch mit geistlichen Betrachtungen[1] vom Morgengebet vor dem Spiegel gesprochen, und er lädt dazu ein, diesen Menschen, den man da am Morgen sieht, wohlwollend zu begrüßen und sich zuzusagen: Ich gehe heute durch diesen Tag, ER wird hinzukommen, ich bin mal gespannt, wann und wie.
Ich gehe nach vorne mit der Zuversicht: Gott wird mir entgegenkommen. Und das hat eine eigene Kraft, so ins Leben hineinzuschauen. Ich habe diese Betrach­tung bei Schul-Besinnungstagen von Berufsschülern erzählt, weil man halt gern eine schöne Geschichte erzählt. Ich selber mache dieses Morgengebet eigentlich nicht, aber ich dachte, es ist gut, es hört sich gut an und so sage ich es halt. Und nach drei Monaten habe ich von einer der Teilnehmerinnen einen Brief bekommen, dass sie das seitdem machen würde, und ihr Leben habe sich verändert. Wenn man auf das Leben zugeht mit dem Vertrauen: Er kommt hinzu, dann verändert das die Art, wie man das Leben mit seinen Ereignissen aufnimmt. Natürlich hat das seine Prüfungen, und es ist sehr realistisch, was Jesus sagt: Lasst nicht nach, nicht gleich aufgeben. Er wird sich rechtzeitig zu Wort melden.

Wir haben dieses Motto „Er kam hinzu und ging mit ihnen“ gewählt mit diesem Vertrauen auf die Zukunft, aber auch, weil uns ein Stichwort des Jubiläums zu einem tragenden Wort geworden ist: das Wort von der Bündniskultur, die vom Heiligtum, vom Liebesbündnis mit der Gottesmutter ausgeht. In allem wollen wir mitbauen an einer vielfältigen Bündniskultur.

Mir ist ein Wort in die Hände gefallen vom Oberrabbiner in England, Jonathan Sacks, der vor dem Europäischen Parlament eine Rede gehalten hat[2], das war noch vor dem Brexit, wo er davon spricht, ja, der Dialog ist sehr wichtig, er kann ganz unterschiedliche Gruppen, verfeindete Gruppen sogar, zusammenbringen. Aber, sagt er, wir müssen über den Dialog hinausgehen, über die aktuelle Begegnung. Der Dialog bringt uns zusammen, aber kann uns nicht zusammenhalten, wenn andere Kräfte uns auseinandertriften lassen. Es braucht Bund, sagt er, es braucht Bündnisse. Es braucht das

Sich-Einlassen in eine Verbindlichkeit miteinander. Wir würden sagen: Es braucht Bündniskultur. Und das ist etwas, was im Großen und im ganz Kleinen stattfindet.

Wir haben für das kommende Jahr einen Schlüsselanhänger produziert mit diesem Wort „Bündniskultur“. Und ich möchte Sie alle einladen, einen solchen Schlüsselanhänger an Ihrem Schlüssel zu haben und mit diesem Wort durch das Leben zu gehen. Egal, durch welche Tür ich gehen muss, auf welche Aufgabe ich zugehe: Es geht immer um dieses Mehr, über den Moment hinaus in eine Verbindung zu kommen. Wenn es um das Beten geht und wir die Einladung spüren: Bleib doch in meiner Nähe! Wenn es um den Alltag in der Familie geht, wenn der Vater, der nach Hause kommt und kaputt ist, trotzdem sich die ersten 15 Minuten Zeit nimmt zum Gespräch mit den Kindern und seiner Frau, dann baut er Bündniskultur, dann ist dieses Mehr von Beziehungsqualität The­ma, und es geschieht.
Ich habe gedacht für uns, die wir – es sind zumindest viele von uns da –, die wir uns sozusagen professionell in Tagungen und in der Pastoral bemühen, dass auch für uns Bündniskultur wichtig wird. Für uns könnte das heißen im Blick auf Treffen und Tagungen: früher kommen und später gehen.
Ich bin überzeugt, dass das ein Kultursprung ist, ein Bündniskultur-Sprung, Zeit zu haben, sich zu begrüßen, und Zeit zu haben, wenn man weggeht. Das spürt man immer, wenn eine Tagung richtig gut war, wenn man sich gefunden hat, dann geht man nicht so gerne schnell weg und sagt: Gut, dass ich hier wieder wegkomme. – Das Gefühl zu verbreiten, und ich glaube, unsere ganze Kirche, gerade in Deutschland, ist etwas in diesem Modus, dass wir immer noch mehr und gerade etwas anderes zu tun hätten, als im jetzigen Moment ganz da zu sein, das ist Gift für die Bündniskultur.

Vor kurzem habe ich mit einem Pater gesprochen, der mit Schönstatt gar nichts zu tun hat. Er war viele Jahre in Südamerika und sagte: Die deutsche Kirche, wie ich sie jetzt wieder erlebe: Alle sind fleißig, wollen viel machen – aber haben sie für diese Nuance, diese wichtige Nuance – Bündniskultur, das ist jetzt mein Wort dafür –, haben sie dafür das seelische Volumen?

Ich erinnere mich an meinen Mathematik-Lehrer in den letzten Jahren meiner Schulzeit. Das war ein Mann, den niemand mochte, und er tat sich auch mit sich selber sehr schwer. Ganz am Schluss kam es mal zu einer Begegnung mit den Schülern, wo er uns eingeladen hat. Er kannte mich. Und dann hat der Pfar­rer mal Hausbesuche gemacht und auch ihn besucht. Und das war für ihn ein Anlass, wieder am Sonntag zur heiligen Messe zu kommen. Und dabei hat er meine Eltern kennengelernt. Dann war das so, dass sie sich oft – sonntags, je nachdem, wie es war – nach dem Gottesdienst noch getroffen und unterhal­ten haben. Und mein Vater erzählte, dass er an einem Sonntag wegen einer anderen Veranstaltung ganz schnell wegmusste. Und das letzte Bild war, wie er im Rückspiegel sah, wie dieser Lehrer etwas verloren vor der Kirche stand und offensichtlich wartete, dass sie kommen. In dieser Woche ist er verstorben. Deswegen ist dieses Bild meinem Vater in Erinnerung geblieben: Er hat darauf gewartet, ein paar Minuten zu reden. Das ist Investition in Bündnis­kultur.

In Borken ist jetzt die Flüchtlingsaufnahme im Provinzhaus der Schwestern zu Ende gegangen. Über eine lange Zeit war eine beachtliche Zahl von Flüchtlingen, Familien, dort untergebracht. Damals, in der heißen Phase des letzten Jahres, war die Stadt in Not, und innerhalb von drei Tagen haben die Schwestern Platz gemacht, sind zum Teil umgezogen, haben Zimmer frei gemacht, und das Ganze war belegt.
Und jetzt war Abschied von den Flüchtlingen und den Helfern. Eine Schwester erzählte, dass von den Feuerwehrleuten und den Hilfskräften am Ende Leute geweint haben, dass die Zeit zu Ende geht. – Das war Bündniskultur, das war nicht nur ein Flüchtlingsprojekt.

Ich glaube, wir alle spüren, was von unserem Verhalten ausgeht, und das ist mit dem Wort Kultur gemeint, auch die Kleinigkeiten, die kleinen Ereignisse verbreiten eine Atmosphäre um sich. Deswegen kann man in jedem Moment Bündniskultur leben. Eine Miteinander-Kultur oder eine Rechthaben-Kultur? Den Unterschied kennen wir alle – eine Echtes-Interesse-Kultur oder eine Distanzierungs-Kultur. Auch die Kleinigkeiten verbreiten Atmosphäre um sich.

Wir dürfen den 18. feiern, das Heiligtum, eine marianische Kultur, eine Liebesbündnis-Kultur, ein Bündnis mit der Gottesmutter, das Leben, das Kultur geworden ist.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie im Gebet sich an Jesus Christus wenden. Dann sind immer ein bisschen größere Themen im Spiel: Folge mir nach! Es geht um den Aufbau des Reiches Gottes. – Wenn ich ins Heiligtum zur Gottesmutter komme, dann denke ich immer, die hat jetzt gerade nichts anderes zu tun, einfach nur Zeit, mich anzuhören, da zu sein. Da entsteht diese innere Verbundenheit.

Lasst nicht nach im Beten, sagt Jesus. Seid beharrlich, bleibt dran. Ich glaube, für uns alle liegt ein interessantes Jahr vor uns – wie bei dieser jungen Frau beim Morgengebet vor dem Spiegel: Er wird hinzukommen, ich bin nur gespannt, wann und wie.


[1] Klaus Hemmerle, Gerufen und verschenkt, Leipzig 1986, 166-168.

[2] Rede im Europa-Parlament am 19.11.2008, siehe Fußnote 15, S. 50.