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11. März 2016 | Delegiertentagung2016 | 

Die nächsten Generationen in der deutschen Schönstatt-Bewegung: äußere und innere Entwicklungen


Die nächsten Generationen in der deutschen Schönstatt-Bewegung: äußere und innere Entwicklungen

Pater Stefan Strecker, Familienbewegung

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11. März 2016

Disposition:

  1. Das Jubiläum 2014 – danken für schönstattgeprägte nächste Generationen
  2. Die dritte Generation – ich trau mir zu, Pater Kentenich verstanden zu haben
  3. Mit Schönstatt was anfangen heißt, du musst wissen, mit wem – die Sehnsucht nach Vergemeinschaftung
  4. Das Problem der kleinen Zahl – ohne Gruppendynamik keine Neugründungen
  5. Surround Yourself with Greatness – Schönstatts Stärke im „face to face“
  6. Sich mit Schönstatt auszeichnen können – schönstättische Globetrotter
  7. Ehrlich und vital plus christlich-katholisch – Tradition kapieren, nicht kopieren
  8. Keine Angst vor Identitätsverlust – durch Schönstatt kommuniziere ich mit der Gesellschaft
  9. Wir würden ja gern – Hochleistungsberufe belasten Ehrenamtlichenbewegung
  10. Ein Bündnis der Generationen – unser „Pfeil“ zielt auf die Zukunft

Die nächsten Generationen in der deutschen Schönstatt-Bewegung wollen wahrgenommen wer-den. Wie die Überschrift feststellt, handelt es sich nicht nur um eine, sondern um mehrere Generationen. Sozialwissenschaftler sprechen mittlerweile nach 3 bis 5 Jahren von einer neuen Generation. Gleichzeitig wird die Altersspanne von Menschen immer größer. Die hohe Lebenserwartung in der Gesellschaft (und in der Kirche) bewirkt, dass Frauen und Männer noch bis in das Alter von 40 bis 45 Jahren als „junge Generation“ bezeichnet werden. Sie selbst nehmen sich auch als solche wahr. Wir richten deshalb den Blick auf diejenigen, die in den kommenden 10 Jahren „die nächsten Gene-rationen“ der Schönstatt-Bewegung in Deutschland bilden werden.

Diese Darstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie spiegelt zum einen die Wahrnehmung des Autors wider. Zum anderen kommen Einschätzungen anderer zu Wort. In zahlreichen Gesprächen hat der Autor versucht herauszufinden, wie Schönstätter der nächsten Generationen ihr „Schönstättersein“ und ihren Blick auf ihre Bewegung formulieren.

1. Das Jubiläum 2014 – danken für schönstattgeprägte nächste Generationen

Das 100-Jahr-Jubiläum der Schönstatt-Bewegung im Oktober 2014 hat überwältigend gezeigt, wie stark Jugendliche, junge Erwachsene, junge Ehepaare und Familien sich mit Schönstatt identifizieren. Der „Fackellauf“ und das „Bündniszelt der Jugend“ stehen stellvertretend für den großen Bei-trag der nächsten Generationen. Auf den Schultern der unter 50-Jährigen lagen die wichtigsten Verantwortungen. Dass es dem Jubiläum gelang, diese in so großer Zahl zu mobilisieren und diese sich – neben Beruf, Familie und unter Aufbringung von sehr viel Geld – in der Durchführung des Jubiläums investierten, ist ein Geschenk, für das unsere Schönstatt-Bewegung nicht genug danken kann.

Viele aus den nächsten Generationen, ob sie nun aktive Mitglieder einer Gliederung und Gemeinschaft sind oder nicht, sprechen in großer Dankbarkeit von dem, was ihnen Schönstatt gibt oder was sie in den Jugendgemeinschaften erlebt haben. Dankbar werden häufig die Hilfestellungen bei der eigenen Persönlichkeitsentwicklung genannt. „Schönstattgeprägt“ ist zu einem Ausdruck geworden, mit dem sich Ehemalige in Freundes- und Förderkreisen der Bewegung selbst bezeichnen.

Viele Mitglieder der nächsten Generationen sind im positiven Sinne „schönstattgeprägt“, weil sie in unserer Bewegung „groß geworden“ sind und Schönstatt vielfach sogar in der eigenen Familie erlebt

haben. Die große Anzahl von Paaren, wo beide in Schönstatt aktiv sind oder das Schönstatt-Engagement des Partners, der Partnerin unterstützen, ist eine entscheidende Ressource im Blick auf die Zukunft unserer Bewegung.

2. Die dritte Generation – ich trau mir zu, Pater Kentenich verstanden zu haben

Aus der Geschichte des Christentums wissen wir, wie wichtig es ist, die verschiedenen Generationen richtig zu verstehen. Bei Jesus und bei vielen Gründern in der Kirchengeschichte bilden diejenigen, die Jesus oder die Gründerin, den Gründer persönlich kennengelernt haben, die sogenannte „erste Generation“. Meist leben sie von dem, was Jesus oder der Gründer ihnen gesagt hat. Auch die erste Generation in Schönstatt erzählt vor allem, was sie mit Pater Kentenich erlebt hat. Oft zitieren die Mitglieder dieser Generation aus ihrem Lieblingsbuch oder ihren Lieblingstexten, welche sie an die Erlebnisse mit Pater Kentenich erinnern.

Das Neue Testament aber wurde von jenen geschrieben, die welche kennen, die mit Jesus zusammen waren. Die Apostelschüler sind es, die beginnen, Jesusworte und -geschichten aufzuschreiben, zu sammeln und zu publizieren. Jesus selbst haben sie nicht mehr gekannt. Sie notieren jedoch das, was ihnen die Zeugen mitteilen. Das große Verdienst dieser „zweiten Generation“ in Schönstatt ist es, den Gründer veröffentlicht zu haben. Was er gesagt und geschrieben hat, wurde gesammelt und im besten Sinne des Wortes konserviert. Diesen Schatz gibt die zweite Generation gerade in seiner ganzen Fülle weiter. Er kursiert bereits überall in der Welt und füllt Bibliotheken.

Die nächsten Generationen in Schönstatt, die weder den Gründer erlebt haben und die heute nur noch wenige Zeugen der zweiten Generation kennenlernen können, diese „dritte Generation“ geht mit Pater Kentenich um, wie Christen heute mit der Bibel umgehen: Sie lassen sich inspirieren. Viele von ihnen haben ebenfalls ihre Lieblingsworte und -texte. Diese dritte Generation in Schönstatt aber tritt nun in die Fußstapfen der großen Kirchenväter. Ja, sie muss es tun! Auf der Grundlage der biblischen Texte haben die sogenannten Kirchenväter sich den Herausforderungen ihrer damaligen Zeit gestellt. Sie haben Antworten für ihre Zeit formuliert. Der Funke, der hieraus entsteht, entzündet das Feuer, Theologie zu betreiben und die Themen des Lebens und der Zeit aus dem christlichen Glauben heraus zu reflektieren. Die Aufgabe der dritten Generation in Schönstatt wird es sein, Kentenich mit den Fragestellungen des 21. Jahrhunderts zu konfrontieren und mit ihm kreativ umzugehen. Ich meine, die Voraussetzungen hierfür sind in unseren nächsten Generationen vorhanden. Sie trauen es sich nämlich zu. Und dieses Bewusstsein ist der wichtigste Impulsgeber für eine dritte Generation.

3. Mit Schönstatt was anfangen heißt, du musst wissen, mit wem – die Sehnsucht nach Vergemeinschaftung

„Wir würden gern bei diesem Projekt mitmachen“, sagt ein junges Schönstattehepaar. „Wenn unsere Freunde mitkommen, sind wir dabei. Sonst aber bleibt keine Zeit, den Kontakt mit unseren Freunden“ – übrigens selbst alles engagierte Schönstätter – „aufrechtzuerhalten. Und diese Freunde, die sind uns sehr wichtig.“ Ein anderes Ehepaar, beide jahrzehntelang aktiv in der Bewegung, sagt: Sie gehen zum Familienbund, weil sie die Infrastruktur des Bundes brauchen. Die verbindliche Teilnahme an den Kurs- und Gruppentreffen zwingt sie positiv, andere Notwendigkeiten hintenanzustellen. Andere junge Erwachsene in Schönstatt bilden Kreise, in denen sich die Lebens-formen vermischen: Singles, befreundete Paare, verheiratete Paare, Teilnehmer, deren Partnerin/Partner nicht mitkommt, finden sich zusammen.

Die Sehnsucht nach einem Beziehungsnetz von Gleichgesinnten ist überall groß. In einer Gesellschaft von Kleinstfamilien und von Single-Dasein suchen die nächsten Generationen Menschen, die zueinander stehen und sich gegenseitig unterstützen. Solche Gruppen zu finden, ist oft anstrengend. Es gilt, viele Frustrationen auszuhalten, die der Terminkalender und die großen räumlichen Entfernungen der Einzelnen verursachen. Wie jedoch finden die Gleichgesinnten in den kommenden Generationen zueinander? Schnelle Antworten gibt es hierfür nicht. Wir wissen nur, dass wir uns in unseren Gemeinschaften und Gliederungen ebenfalls sehr schwer tun, hierauf zu antworten.

1966 formuliert Pater Kentenich bei verschiedensten Gelegenheiten: „Wenn wir später noch weitere Gliederungen gründen ...“. Der Gründer formuliert dies wie selbstverständlich. Und er formuliert es im Plural: „... weitere Gliederungen“. Das klingt, als ob die Organisationsentwicklung Schönstatts zwei Jahre vor seinem Tod noch nicht zu Ende sei. Wie also können wir neue Formen von „Vergemeinschaftungen“, wie die Fachsprache sie nennt, unterstützen, in denen Menschen mitei-nander aus dem Liebesbündnis leben? Vermutlich benötigen wir viel mehr Projektgruppen, wie zum Beispiel die Mitwirkenden des Musicals 2014/15. Und wie steht es mit Gemeinschaftsformen für bestimmte Lebensphasen „auf Zeit“?

Mit Schönstatt was anfangen heißt, du musst wissen, mit wem! Das bedeutet: Wir alle müssen vor allem in die „Beziehung“ zu anderen Menschen investieren! „Das Team läuft super“, sagt einer unserer Jugendseelsorger, „weil es eine unbewusste Abstimmung über das gibt, was man für Schön-statt hält. Stecken wir aber unsere Energie in inhaltliche Abklärungen und Diskussionen, dann fehlt sie im Beziehungsvorgang. Und das Ganze fällt auseinander.“

4. Das Problem der kleinen Zahl – ohne Gruppendynamik keine Neugründungen

Deutschlandweit liegt in der Jahresstatistik die Zahl der Paare, die christlich-katholisch heiraten, bei ca. 44.000, Tendenz fallend. Vor 5 Jahren waren es etwa 2.500 mehr. 44.000 im Jahr 2015 in einer Gesellschaft von über 80 Millionen. Dem stehen, wie wir als Leitungsteam der Familienbewegung vor kurzem zur Kenntnis nehmen mussten, mehrere hundert Angebote von Ehe- und Familienveranstaltungen und -kursen gegenüber – darunter viele Ehevorbereitungsseminare – organisiert von den deutschen Diözesen. Wie also erreichen wir die wenigen, die kirchlich heiraten wollen, zum Beispiel mit unserem Angebot an Ehevorbereitungskursen?

Es gibt vielerorts schlechthin viel zu wenige Menschen, die Interesse haben oder zu deren Lebens-situation unsere Angebote passen. Gerade im kirchlichen Bereich ist die sogenannte „kritische Masse“ viel zu klein – ein wichtiges Kriterium für alle sozialen Gebilde. Das ist eine bedrängende Frage für alle unsere Gemeinschaften und Gliederungen in unserer Bewegung. Noch bedrängender wird diese Situation, wenn wir uns bewusst machen, welch große Bedeutung für Pater Kentenich „Neugründungsvorgänge“ in den Sozialgebilden seiner Bewegung haben. Diese denkt der Gründer strukturell so, dass die nächsten Generationen – geschützt vor den Vorgänger-Generationen (wes-halb er es positiv den „geschlossenen“ Raum nennt) – ihre eigene Dynamik und damit ihre eigene Identität entwickeln. Das gelingt jedoch nur, wenn die Zahl der Gruppenmitglieder über einer kritischen Masse liegt.

Soweit ich sehe, gibt es außer dem deutschen Familienbund keine Bundes- und Verbandsgemeinschaft, die hier in Deutschland die Voraussetzung erfüllt, dass aufgrund der Anzahl junger Mitglieder nächste Generationen eine eigenständige Dynamik entwickeln könnten. Dann fällt aber der Vorgang „Neugründung“ – so wie der Gründer ihn versteht – aus. Massiv stehen deshalb diese Fragen um unsere kommenden Generationen im Raum. Denn wir wissen, dass Schönstatt von Anfang an auf Gruppen und nicht nur auf Individuen gegründet ist. Pater Kentenich war ein Meister der Gruppen-dynamik. Wenn es in Schönstatt keine Gruppen mehr gibt, dann gibt es auch kein Schönstatt mehr. Unsere nächsten Generationen erleben es andauernd: Wir sind ganz wenige, ja oft sogar zu wenige. Meine Verbündeten und Gleichgesinnten muss ich mir außerhalb Schönstatts und außerhalb der Kirche suchen. Also muss ich hinein in die Gesellschaft. „Ich suche Leute“, so sagte mir jemand, „die auch ohne Kirche und Glauben gut und verantwortungsvoll leben, und die die Gesellschaft mensch-lich gestalten wollen. Das ist für mich apostolischer Weltverband.“

5. Surround Yourself with Greatness – Schönstatts Stärke im „face to face”

Zwei männliche Jugendliche unterhalten sich – so passierte es tatsächlich – über ihre Freunde, und wie sie ihre Freunde aussuchen. Da meint der eine zum anderen: „surround yourself with greatness“ („umgib dich mit Größe“). Es gibt bei jungen Leute so etwas wie das natürliche Bedürfnis, dass ich jemand an der Seite stehen möge, der mich fördert. Jemand, der mir etwas sagen kann, einen kleinen „Guru“, der mir zeigt, wie ich besser werden kann.

Niemand mehr in unserer Gesellschaft beschreibt die nächsten Generationen als Konfliktgenerationen. Keine der nächsten Generationen stehen mit ihren Vorgängern in einem offenen Konflikt, so wie die Gesellschaft vor Jahrzehnten davon geprägt war. Die Frage von jungen Leuten heute lautet: Wo fördert mich jemand? Firmen und politische Stiftungen entwickeln „Boardingprogramme“, um junge Menschen „on board“ („aufs Schiff“) kommen zu lassen. In diesen Institutionen nämlich gibt es in diesem Zusammenhang eine wichtige Erkenntnis: In den ersten Tagen soll der ankommende meist junge Mensch mit möglichst vielen interessanten Mitgliedern des neuen Betriebs bzw. der Einrichtung zusammentreffen. Diese sollen erzählen, warum sie dabei sind und was sie motiviert, hier zu arbeiten. Der junge Mensch soll hierbei vor allem auf Personen treffen, die ihm Wertschätzung entgegenbringen. Die personale Ebene ist also gefragt!

Wir in der Schönstatt-Bewegung haben ja auch keine Einführungs-DVDs oder ein Schönstatt-Erklär-buch. Unsere Stärke liegt in allen Generationen im „face to face“ („Gesicht zu Gesicht“), also der Mund-zu-Mund-Propaganda. Allerdings kommt es weniger auf „das Hören“ an, als vielmehr auf den wertschätzenden Blick für den anderen und das In-Beziehung-Treten mit ihm. Das „face to face“ ist ohne Zweifel die besondere Stärke der kommenden Generationen. Diese beinhaltet die Kompetenz, Persönliches zu kommunizieren und seelische Vorgänge zu formulieren. In diesem Bereich, nämlich um Beziehungen aufzubauen und sie zu pflegen, zeigen sich die nächsten Generationen besonders begabt. Damit verbunden ist die Bereitschaft, zuzuhören und sich inspirieren zu lassen. – Das funktioniert auch über die Generationen hinweg. Markante Gestalten der zweiten Generation werden bei uns in der Schönstatt-Bewegung von Jüngeren hoch geschätzt.

6. Sich mit Schönstatt auszeichnen können – schönstättische Globetrotter

Wer kann Globalität? – Das ist die zentrale Frage unserer Zeit! Ich staune, wie vonseiten der Sana-Klinik in München zum Beispiel Jahr für Jahr die Rückmeldung gegeben wird, dass sie für ihre Bundes-Freiwilligen-Dienststellen an denen interessiert sind, die neben ihrer Arbeit im Krankenhaus gleichzeitig Teilnehmer der „Lebensschule Schönstatt“ in München sind. „Lebensschüler“ zu sein empfiehlt jeden jungen Mann, der sich dort für die Bufdi-Stelle interessiert. Ein soziologischer Blick auf die Krankenhäuser in unserem Land aber macht deutlich, die sozialen Einrichtungen – und zumal unsere medizinischen Zentren – sind die Sammelpunkte einer globalen Gesellschaft.

Bei den Projekten der Erzdiözese München und Freising – unserem Kooperationspartner – ist die deutsche Schönstattjugend der Partner, aus dem seiner Größe nach prozentual die meisten jungen Leute für eine Zeit im Ausland kommen. Ähnliche Rückmeldungen gibt es von anderen Organisationen.

Zu anderen Menschen Kontakt aufzubauen, mit Fremden umgehen zu können, im internationalen und multikulturellen Umfeld sich zurechtzufinden, mit dieser Fähigkeit sind die jungen Mitglieder unserer Bewegung ausgestattet. Die Persönlichkeitsschule Schönstatts befähigt hierzu viele unserer Mitglieder aus den nächsten Generationen. Schönstatt also scheint mich „auszeichnen“ zu können. In bestimmten Kreisen bin und werde ich wer durch Schönstatt.

Als Bewegung dürfen wir stolz darauf sein, dass viele unserer jungen Mitglieder sich in ein hohes Engagement investieren. Erstaunlich viele unserer jungen Leute waren und sind im Ausland, neh-men an Sozialprojekten teil, lernen andere Gesellschaften und Kulturen kennen und erlernen andere Sprachen. Schönstatt zeichnet sie aus und lässt sie an etwas Erwähltem teilhaben. Das klingt nach Sendungsglauben, ist aber nicht ganz kompatibel mit dem, was wir bisher darunter verstanden ha-ben, denn diese Sendung meint zunächst nicht etwas Programmatisches, und vor allem nicht die Umsetzung eines bestimmten Programms.

7. Ehrlich und vital plus christlich-katholisch – Tradition kapieren, nicht kopieren

Ich denke an unsere evangelischen und manchen ungetauften jungen Schönstätter und wie sie bei uns voll dabei und hoch engagiert sind. Unsere nächsten Generationen vermitteln nach außen: Du darfst so sein, wie du bist! Du musst nicht warten, mitzumachen, bevor du ins Schema passt. Das „Schönstattschema“ will sich vielmehr der Originalität der Menschen von heute anpassen. Das entspricht exakt der großen Sehnsucht der Menschen unserer Zeit: Sehnsucht nach Leben, nach Geborgenheit, die Sehnsucht, meine Originalität leben zu können.

Wo junge Leute und junge Erwachsene den Eindruck bekommen, dass sie sich verbiegen müssen, um mitmachen zu dürfen, dort steigen sie aus. – Vorausgesetzt, sie bemerken rechtzeitig, dass sie sich verbiegen. An jungen Menschen jedoch, die solches spüren und erkennen, sind wir als Kirche ja in höchstem Maße interessiert. – Authentizität zählt zu den höchsten Werten der nächsten Generationen. Nur dort mache ich mit, wo ich ehrlich – ein anderes Wort für authentisch – sein kann. Es muss ehrlich zugehen, sodass kein Thema des Lebens ausgeklammert werden muss.

Natürlich gibt es auch bei vielen unserer jungen Mitglieder Krisen, Scheitern und individuelle Über-forderungen. Wie sollen sie denn auch den eigenen Idealen und oft hohen und höchsten Ansprüchen an sich selbst nachkommen können? Die nächsten Generationen treten mit dem Lebensgefühl an, dass sie drei bis vier Berufe in ihrer Biographie entwerfen müssen. Und viele befürchten nicht nur eine Partnerschaft, sondern mehrere. Was nichts mit der Bereitschaft und Sehnsucht zu tun hat, dass sie nicht treu sein wollen.

Wie das, was ich lebe oder gelebt habe, zu bewerten ist, das darf nicht am Anfang stehen. Vielleicht kommt es in einem Gespräch später einmal zur Sprache. Zuallererst möchte und muss ich sicher sein, dass ich mit Wertschätzung behandelt werde. Der Jugendliche und junge Erwachsene fragt nämlich – und das zu Recht: Kannst du dich denn einfühlen in mein kompliziertes Leben und in das, was ich durchmache? Wir dürfen sehr dankbar sein, dass unsere Schönstatt-Bewegung von vielen als Raum erlebt wird, wo man das nicht nur weiß, sondern, wo ich mit allen Facetten meines Lebens dazugehören darf und wo ich gefragt bin.

Dann kann auch Tradition „kapiert“, verstanden und angenommen werden. Schönstatt nämlich zeigt mir, dass und wie ich heute Christ sein kann. Viele Mitglieder der nächsten Generationen sagen, für sie ist die Kirche gleich Schönstatt. Hier – und manche nur hier – gehen sie zu den Gottes-diensten. Hier finden sie ihren Zugang zum Glauben. Diesen können sie in Schönstatt ehrlich und vital leben. Und sie setzen die Weite voraus und erleben sie, welche die Bezeichnung „christlich-katholisch“ meint. – Ein weiterer Grund, Mitglied dieser Bewegung zu sein und zu werden.

8. Keine Angst vor Identitätsverlust – durch Schönstatt kommuniziere ich mit der Gesellschaft

Wir treffen bei den nächsten Generationen in Schönstatt meiner Meinung nach eine Mentalität an, die lautet: Jeder ist herzlich willkommen! Genau diese Mentalität aber sichert uns im Blick auf die Zukunft, dass unsere Bewegung „nach unten“ hin breit aufgestellt bleibt.

Natürlich ist eine „breite“ Bewegung herausgefordert zu formulieren, was das Gemeinsame ist, was zur Identität der Bewegung gehört und in ihr verbindlich gilt. Diese Fragen gibt es auch und wird es geben in den nächsten Generationen. Dennoch haben die nachfolgenden Generationen in Schön-statt, meiner Überzeugung nach, keine Angst davor, dass die Identität Schönstatts verloren gehen könnte. Keine Angst zu haben aber ist von großer Bedeutung. Angst nämlich ist ein hochexplosives Gefühl, mit dem Menschen heute vielfach manipuliert und gesteuert werden.

Es ist mein Eindruck, dass unsere nächsten Generationen sich selbst rühmen dürfen, total „bunte Vögel“ zu sein. Das ist ein großer Gewinn für eine Bewegung wie der unseren. Damit ist und bleibt die Basis unserer Bewegung „breit“. Wo aber die Basis breit ist, werden die Generationen nicht auseinandergerissen! Gerade bei rechtsradikalen Gruppen oder den IS-Terroristen konnte man beobachten, dass generationsübergreifende Verbindungen nicht nur nicht vorhanden sind, sondern bewusst ausgeschlossen und vermieden werden. Unser Gründer rühmt sich manchmal, dass er extrem unterschiedliche und originelle Menschen angezogen hat. Der Sohn eines Schneidermeisters namens Josef Engling kam wirklich aus einem völlig anderen sozialen Milieu als die tennisspielende Gräfin von Bullion. Die unterschiedlichen Milieus wollen wir, und sie sollen in dieser Bewegung ihr Zuhause finden. Wenn es gelingt, eine große Vielfalt, also „alle möglichen Leute“, mitmachen zu lassen, dann sind wir breiter in unserer Identität.

Es ist großartig zu beobachten, wie unsere Jugendlichen und jungen Erwachsenen sich zum Beispiel dem Gymnasium G 8 oder den Ganztagsschulen widersetzen. Dies drückt sich zwar weniger in konkreten Protestaktionen aus, als vielmehr in der Mentalität, die unsere nachfolgenden Generationen prägt. So erkennt die Anfrage der Jugend der katholischen Kirche an das G 8 unter anderem, dass durch Schulunterricht an den Nachmittagen zum einen die Jugendarbeit der Kirche – und damit auch die Arbeit der Schönstattjugend – torpediert und verunmöglicht wird. Auf diese Anfrage reagierte die bayerische Staatsregierung mit dem Hinweis, man solle halt Jugendarbeit in den Schulen anbieten. Was übersehen wird, dass damit die verschiedenen sozialen Milieus auseinandergerissen und getrennt werden. Diese Begegnung und Verbindung zwischen sozialen Milieus konnte die bisherige Jugendarbeit der Kirche jedoch vorweisen. Wir als Schönstatt-Bewegung verfolgen ebenso dieses Ziel. Studenten als auch Angehörige von Ausbildungsberufen wollen wir in unseren Reihen integrieren. Und wir sind darin seht gut! Unsere nachfolgenden Generationen kommen aus dieser Erfahrung: Sie können breit in die Gesellschaft von heute hineinkommunizieren.

Mittendrin und an den gesellschaftlichen Entwicklungen vorne mit dabei waren zum Beispiel die Gruppenleiter einer unserer Diözesen der männlichen Schönstattjugend. Die Frage, wie mit der Her-ausforderung der Flüchtlingssituation in unserem Land umzugehen sei, veranlasste sie zu einem großen Treffen. Dort suchte man gemeinsam nach Antworten. In einem ersten Schritt wurden des-halb die zentralen Worte Jesu aus dem Neuen Testament gesammelt, verglichen und untersucht. Dann folgte eine umfassende Diskussion mit einem Landtagsabgeordneten, welcher der Einladung unserer Jugendgemeinschaft gefolgt war. Anschließend wird mit Flüchtlingskindern und jugendlichen Flüchtlingen ein Fußballturnier abgehalten. Damit dies jedoch nicht eine einmalige Aktion bleibt, werden weitere Turniertermine vereinbart. – Ein großartiges Beispiel, wie wir als Schönstatt-Bewegung mit unserer Gesellschaft kommunizieren ohne Angst vor Identitätsverlust.

9. Wir würden ja gern – Hochleistungsberufe belasten Ehrenamtlichenbewegung

Zahlreiche Mitglieder in den nächsten Generationen unserer Bewegung sind verheiratet, ihre Wohn-orte jedoch liegen aufgrund ihres Berufes in verschiedenen Städten. Bei vielen unserer jungen Familien befindet sich der Vater oft über lange Zeiträume hinweg auf Geschäftsreisen, nicht selten in anderen Kontinenten. Die meisten jungen Mütter werden nach der Kinderphase ihre Berufstätigkeit wieder aufnehmen, eine Notwendigkeit der heutigen Lebensplanung. Was für eine Leistung von jungen Frauen und Müttern!

Als Schönstatt-Bewegung dürfen wir mit großer Wertschätzung zur Kenntnis nehmen, dass die Mit-glieder unserer Bewegung in den beruflichen Anforderungen von heute „ihre Frau“ und „ihren Mann“ stehen. Aber wir müssen befürchten, dass die kommenden Generationen von ihrem Berufs-alltag in Zukunft noch stärker herausgefordert sein werden. Beruf und Familie oder Beruf und ehe-lose Lebensform miteinander zu verbinden, wird immer anspruchsvoller!

Aber wir sind doch und waren doch schon immer eine Bewegung von Ehrenamtlichen? Wie viel Engagement für Schönstatt wurde in der Vergangenheit von den Müttern, die zu Hause waren, nachmittags erledigt und war fertig, bis der Mann nach Hause kam. Wie also meistern wir dies in der Zukunft, eine Bewegung von Ehrenamtlichen zu bleiben bei wachsenden beruflichen Herausforderungen?

Wir benötigen neue Antworten mit kleineren Angeboten zum Engagement. Vermutlich ist die Auf-gabe zum Beispiel einer sogenannten „Diözesanführung“, wie wir sie bisher kannten, zu umfang-reich. Können wir solche Aufgabe in eine Vielzahl kleiner Engagements übersetzen? Wir brauchen Angebote, wo ich das eine Mal voll mich einbringen kann, wo ich ein anderes Mal jedoch nur kurz-fristig einen kleinen Beitrag leiste. Wir werden wenig professionelle Menschen finden, die Aufgaben für viele Jahre übernehmen können. Wir werden die vielen Möglichkeiten, mitzuwirken und sich einzubringen so unseren Mitgliedern anbieten müssen, dass diese wissen, ich kann ganz punktuell mitarbeiten. Unsere Jugendwallfahrt „Nacht des Heiligtums“ ist hierfür ein gelungenes Beispiel. Je-mand kann mehrere Monate in diesem Projekt mitarbeiten, er wird jedoch ebenso wertgeschätzt, wenn er für eine Stunde an der Essensausgabe steht.

Vielleicht braucht es in unserer Bewegung hierfür eine neue Infrastruktur. Es werden wahrscheinlich nicht „Ämter“ sein, die viele Mitglieder annehmen können oder sich über „ein Amt“ in die Bewegungeinbringen können. Es wird möglicherweise vielmehr eine Art von „Börse“ brauchen, eine zentrale Servicestelle, in der Angebote des Engagements und des Mitwirkens vorgehalten werden. Dort kann ich mich anbieten und mein Zeitkontingent anbieten und nachfragen, wo ich mitarbeiten kann. Auch hier sind die Erfahrungen des Jubiläums 2014 ein gelungenes Beispiel. Diese Erfahrungen wurden in das „Memorandum 2015“ aufgenommen und in konkreten Vorschlägen für die Zukunft weiterentwickelt.

10. Ein Bündnis der Generationen – unser „Pfeil“ zielt auf die Zukunft

Ich möchte gern mit einem Bild schließen. Es ist das Bild vom Pfeil! Vielleicht kann uns dieses Bild den Weg in die Zukunft weisen, in dem wir die verschiedenen Generationen unserer Bewegung in ihrer Bedeutung wahrnehmen.

Der Pfeil besitzt eine Pfeilspitze. Diese steht für die Generation von null bis 40. Eine solche Pfeilspitze sieht übrigens aus, wie das Bild von Zugvögeln. Diese fliegen versetzt mit einer Spitze nach vorne. Pater Kentenich nennt die junge Generation „Zugvögel“ hinein in die Zukunft. Zum Pfeil gehört zwei-tens ein stabiler Schaft. Die Generationen zwischen 40 und 70 drücken diese Stabilität aus. Sie bilden den größten Teil des Pfeiles und seine Länge. Fliegen kann ein Pfeil jedoch erst, wenn er Federn besitzt. Die Federn eines Pfeiles lassen den Pfeil seine Richtung halten und schenken ihm einen geraden und ruhigen Flug. Die Federn des Pfeiles, das sind die Mitglieder über 70 Jahre.

Unsere Schönstatt-Bewegung darf voller Dankbarkeit feststellen, dass sie diese drei „Generationen“, die einen solchen Pfeil bilden, besitzt. Voller Wertschätzung schauen wir die jeweils andere Generation an und erkennen ihre je eigene Bedeutung. Diese verschiedenen Generationen befähigen uns für die Zukunft! Alle zusammen dürfen wir in dem Bewusstsein leben, dass „unser Pfeil“ auf die Zukunft ausgerichtet ist und die Zukunft mitten ins Herz trifft!

NB! Als Autor bedanke ich mich bei meinen vielen Gesprächspartnern, aus deren Beiträgen dieses Statement zusammengetragen und formuliert werden konnte: die Ehepaare des XI. Kurses der Akademie für Ehe und Familie, Joachim Söder, David Brähler, Peter Göttke und die Mitbrüder Felix Geyer, Hans-Martin Samietz, Lothar Herter und Ludwig Güthlein.

Spenden zur Unterstützung des Büros des Bewegungsleiters sind – auch gegen Spendenquittung – möglich auf folgendes Konto: Schönstatt-Bewegung Deutschland – Bank im Bistum Essen – IBAN DE 07 3606 0295 0029 6200 24 – BIC GENODED1BBE